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Göttingen 28 Thora-Wimpel werden restauriert
Die Region Göttingen 28 Thora-Wimpel werden restauriert
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00:31 13.04.2018
Ernst Böhme, Michael Heinrich Schormann, Hermann Otter, Andreas Hesse, Hanns-Christoph Lutz, Izabela Mihaljevic und Andrea Rechenberg (v.l.) informieren über die bedeutsame Sammlung von 28 Thora-Wimpeln. Quelle: Richter
Göttingen

„35 000 Euro bringen die VGH-Stiftung, die Klosterkammer Hannover und der Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Niedersachsens auf“, erklärte Böhme. Er sprach in Gegenwart von Michael-Heinrich Schormann, dem stellvertretenden Geschäftsführer der VGH-Stiftung, und von Andreas Hesse, Kammerdirektor bei der Klosterkammer. Mit dem Geld, so der Museumsleiter, würden entstandene Schäden an den 20 Zentimeter hohen und bis zu drei Meter langen Binden begrenzt und die Lagerfähigkeit der Sammlung sichergestellt. Gebrauchsspuren beließen sie dagegen bewusst.

Tücher sind mit Seiden- und Silberfäden bestickt

„Dass es Probleme mit den Exponaten gibt, haben wir 2011 beim Ausräumen des Museums für die anstehende Gebäudesanierung festgestellt“, sagte Kuratorin Andrea Rechenberg. Betroffen seien vor allem die ältesten, der aus dem 17. bis 19. Jahrhundert stammenden Wimpel, die anlässlich der Beschneidung von Jungen angefertigt wurden. Bei den mit Seiden- und Silberfäden bestickten Leinenstoffen arbeiteten die Materialien gegeneinander. Das könne Löcher reißen. Die jüngeren Wimpel seien dagegen bemalt.

Kuratorin Andrea Rechenberg erklärt im folgenden Video, was es bei der Lagerung der Wimpel zu beachten gibt:

Adelebsen, das „Jerusalem von Südhannover“

„Die Rücksprache mit Kollegen der jüdischen Museen in Berlin und Frankfurt hat uns den Wert unserer Sammlung bewusst gemacht“, führte Böhme aus. Bedeutsam mache die Kollektion vor allem ihre regionale Geschlossenheit. 19 Wimpel stammten aus Adelebsen, das im 18. Jahrhundert als „Jerusalem von Südhannover“ gegolten habe. Leopold Nathan, der Lehrer der jüdischen Schule des Fleckens, habe sie dem Museum 1917 vermacht. Nathan sei 1942 ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert und später in Auschwitz ermordet worden, ergänzte Rechenberg.

Zusatzinformationen aus Grabinschriften

Eine weitere Stärke der Göttinger Sammlung: „Die Wimpel lassen sich konkreten Personen zuordnen, über die wir weitere Informationen haben, etwa Grabinschriften auf dem Jüdischen Friedhof von Adelebsen“, sagte Böhme.

Josef Gumprecht

Eines der bestickten Tücher, das es anlässlich der Pressekonferenz zu sehen gab, wurde zum Beispiel 1772 für Josef Segal erstellt. Segal, der sich später Josef Gumprecht nannte, besuchte von 1787 an das Göttinger Gymnasium. Von 1790 bis 1793 studierte er Medizin. Nach einem Aufenthalt in Kopenhagen war er von 1799 bis 1806 in Göttingen als Privatdozent für Arzneimittelkunde tätig. Danach arbeitete er bis 1819 als praktischer Arzt in Hamburg, um schließlich Privatgelehrter in Hannover zu werden. So wuchs er, wie es im Segenswunsch auf seinem Thora-Wimpel heißt, „zu guten Werken“ heran. 1828 konvertierte Gumprecht zum Christentum.

Brauch deutscher Juden

„Besonders macht die Göttinger Sammlung zudem, dass die beiden ältesten Stücke aus dem 17. Jahrhundert stammen“, betonte Böhme. Damals sei der Brauch mit den Thora-Wimpeln unter deutschen Juden aufgekommen. Sie seien nach der Beschneidung angefertigt und in der Synagoge aufbewahrt worden. Dort hätten sie zur Bar Mitzwa, wenn die Jungen erstmals öffentlich einen Abschnitt aus den fünf Büchern Moses vorlasen und auslegten, sowie zur Trauung die Thora geschmückt.

Sammlung wird wissenschaftlich aufgearbeitet

„Michal Friedlaender, Kuratorin des Jüdischen Museums Berlin, wird unsere Sammlung wissenschaftlich aufarbeiten“, kündigte Böhme an. Ihr Beitrag werde im geplanten Katalog zur Sammlung erscheinen. „Dort drucken wir zudem die Fotos der Wimpel ab, die im Zuge der Restaurierung entstehen“, führte Rechenberg aus. Für die Drucklegung des Buches, das bei Vandenhoeck und Ruprecht erscheine, erhielten sie von der Ernst von Siemens-Stiftung weitere 20 000 Euro, so Böhme. Die Bilder würden auch online bereit gestellt. Zum Abschluss der Arbeiten sei eine Sonderausstellung geplant.

Von Michael Caspar

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