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Göttingen Heroin im Überraschungsei
Die Region Göttingen Heroin im Überraschungsei
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00:17 08.05.2017
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Göttingen

Die Geschichte spielt im Hagenweg 20. Drei Männer kommen in eine Wohnung. Sie sind betrunken, fragen nach Geld und Drogen. Es kommt zur Schlägerei. Anschließend fehlen Geld, Taschen, Handys und ein mit Heroin gefülltes Überraschungsei. Es ist kurz nach Ostern 2016.

Einer der Täter sitzt gut ein Jahr später auf der Anklagebank. Er ist geständig. Auch weil sein Anwalt sich im Vorfeld mit Staatsanwaltschaft und Gericht über das maximale Strafmaß verständigt hat.

Eines der Opfer sitzt im Zeugenstand. Ja, er sei in seiner Wohnung überfallen worden, antwortet er dem Richter mit schwerer Zunge. Es gab Stress. Warum, wisse er nicht mehr. Von wem auch nicht. Er sei ja bewusstlos geschlagen worden. Ob er den Angeklagten wiedererkennt? Schwierig. Obwohl der bis zu seiner Verhaftung auch Bewohner des Hagenwegs 20 war.

Nur dass seine Sachen weg waren, das weiß der Zeuge noch. Portemonnaie und Handy fehlen ihm bis heute. Der Richter kann ihm nicht weiterhelfen. Der nächste Zeuge wird in Handschellen vorgeführt - auch er ist Bewohner des Hagenwegs. Erinnerungen an den Abend habe auch er nicht mehr. Zu viele Drogen damals. Zumindest den Angeklagten erkennt er. "Klar, das ist mein Nachbar." Die beiden Männer lächeln sich flüchtig zu. Mehr sagt er nicht.

Die Geschichte spielt auch in Europa. Eine fünfköpfige Familie lebt in Bulgarien - aber nicht gemeinsam. Der Vater versucht in Deutschland Geld zu verdienen und es in die Heimat zu schicken. Eine Ausbildung habe er nicht, er könne aber ganz gut Mauern und Fliesenlegen, sagt er.

In Deutschland aber scheitert er an fehlenden Sprachkenntnissen und der Tatsache, dass er ohne Geld in Unterkünften am Rande der Gesellschaft und oft auch am Rande der Legalität wohnen muss. Er findet keinen Halt, Alkohol bringt ihn in Schwierigkeiten, sein Vorstrafenregister wächst innerhalb von vier Jahren auf sechs Einträge.

Trotzdem verhängt das Gericht am vergangenen Donnerstag erneut nur eine Strafe auf Bewährung. Zwar habe der Mann schon einmal gegen Bewährungsauflagen verstoßen, man sehe aber durchaus eine positive Prognose, sagt die Staatsanwältin. Allerdings nicht im Hagenweg, sondern in der Heimat. Sobald er auf freien Fuß gelassen wird, will er zu seiner Familie, sagt er. Anschließend könne er sich vorstellen, in Frankreich sein Glück zu versuchen. Seine Mutter und sein Bruder leben dort. Oder er bleibe in Bulgarien. Nur nach Deutschland komme er nie wieder zurück.

Der Fall ist geklärt. Das Heroin-Ei blieb übrigens verschwunden.

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