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Göttingen Eine „seutsche“ Geschichte
Die Region Göttingen Eine „seutsche“ Geschichte
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18:01 18.03.2018
Zahnmedizinstudent, Videoblogger und nun auch Buchautor: Abdul Abbasi. Quelle: Peter Heller
Göttingen

„Lasst uns alle das Licht anknipsen und genauer hinschauen“ – mit diesem Appell führen Abdul Abbasi und Allaa Faham in „Die schräge Geschichte unserer Integration“ ein. Die aus Syrien stammenden Autoren leisten – mit Videos auf YouTube, Live-Veranstaltungen und nun auch mit einer Print-Veröffentlichung – ihren Beitrag zum besseren gegenseitigen Verständnis der Kulturen. Und sie hoffen darauf, dass auch andere Menschen sich öffnen, um Ängste und Vorurteile abzubauen und damit die Integration voranzutreiben.

Abbasi knipst das Licht an. Er schaut hin. Wie ein kleines Kind habe er nach seiner Ankunft in Deutschland die neue Umgebung wahrgenommen, staunend, manchmal naiv und fragend, sagt er und lächelt. Ihm ist bewusst, dass er seinen Mitmenschen damit nicht nur einmal auf den Zeiger gegangen ist. Aber der Sohn eines Wissenschaftlers hatte zuhause gelernt, wie wichtig es ist, die Welt zu erkunden und sie zu verstehen. „Ich habe einfach kapiert, dass Dinge nur so lange befremdlich sind oder Angst machen, wie man sie nicht versteht. Also habe ich gefragt.“ Nach allem.

Grau in allen Schattierungen

Grau, Gelb und Weiß. Hätte Abdul Abbasi etwas bei der Wahl der deutschen Nationalfarben zu melden, wäre das sein Vorschlag. Als Jugendlicher floh der heute 23-Jährige aus Aleppo allein nach Deutschland und macht sich über eben solche Dinge Gedanken. Warum ausgerechnet Schwarz, Rot, Gold – und überhaupt Gold und nicht Gelb? Naheliegender wäre doch, meint er, die Farben anzunehmen, die die Menschen vor Ort den ganzen Tag lang umgeben. Grau. Grau in allen Schattierungen: Asphalt, Schotter, Himmel (zumindest siebzig Prozent der Zeit)... Das wäre realistisch.

Jedenfalls ist der Göttinger Campus, auf dem Abbasi am Wochenende vor dem großen Tag – dem Erscheinungstermin des ersten Buches des Studenten – unterwegs ist, ein ziemlich gutes Beispiel für das alles umfassende Grau. Immerhin sorgt der reflektierende Schnee für ein wenig Licht – aber auch für einige Kälte. Abbasi schlottert, grüßt aber mit warmen Worten.

Deutsch gelernt hat Abbasi ganz nebenbei, einfach so, auf der Straße. Oder auf dem Radweg, wie eine Episode im Buch eindrucksvoll schildert. Mit weit geöffneten Augen, die gierig alles Neue aufsaugen sollen, und vor allem offenen Ohren macht er sich darin auf den Weg, die deutsche Sprache zu erlernen. Bei jeder Begegnung nur ein Wort – dann sollte es doch irgendwann zu machen sein, die stapelweise anfallenden Formulare bei den Ämtern zu verstehen und erst recht die Menschen in der neuen Heimat! „Pänna“ lautet einer der ersten neuen Begriffe, die der wissenshungrige Syrer in seinen Wortschatz aufnimmt. Glücklich ist er, als ein deutscher Radfahrer ihn direkt anspricht. Und er versteht sogar ein Wort: „Mann“. Motiviert beginnt er, die Menschen anzulächeln, um noch mehr Worte einzusammeln. „Penner“ – Ah, so muss es korrekt heißen – „Arschloch“, „Pisser“ – und Abbasi gerät in einen „Rausch der Glückseligkeit“ vor lauter Dankbarkeit, schreibt er. „Später am Abend kannte ich die Bedeutung des Wortes ,Fahrradweg´“. Und noch eine Erkenntnis habe er erlangt: Schwarz, Rot und Gold haben ihre Berechtigung: „Vorderlicht, Rücklicht und ... Bremsspuren“.

Abbasi: „Das Syrien, das wir liebten, ist dasselbe Syrien, das uns raubte, was und wen wir liebten“

Die Szene spielt in Berlin, wo Abbasi in Deutschland zunächst landete, in einer WG lebte und seine ersten Erfahrungen mit der deutschen Kultur machte. Und begann, gegen Vorurteile anzukämpfen. Übrigens schlägt er nicht nur für Deutschland neue Nationalfarben vor, sondern auch für Syrien: Grau, Grau und Grau. Damit wäre jedenfalls das Klischee über das Land bedient, dessen Kultur „mit Mann, Frau und Pferd aus dem Mittelalter direkt ins Jahr 2017 gebeamt wurde“, wie er die Vorurteile beschreibt, die ihm in Deutschland entgegenschlugen. Dabei sei Syrien ziemlich bunt gewesen, als er noch klein war, erklärt Abbasi. Nicht nur deshalb habe er eigentlich nie so richtig weit weggewollt. Dann kam der Krieg.

„Das Syrien, das wir liebten, ist dasselbe Syrien, das uns raubte, was und wen wir liebten“, heißt es in dem Buch. Abbasi hat vieles verloren. Einen Teil seiner Familie ließ er zurück, er verlor Freunde. Abbasi schrieb sein Mathe-Abi, während in der Nachbarschaft Bomben fielen. Dann wurde sein Vater bedroht. Die Familie ging nach Ägypten, dann nach Libyen – und der Vater schickte Abbasi weg – womöglich, um seinen Sohn nicht ins Unglück rennen zu sehen, denn sein Abitur wäre dort nicht anerkannt worden und die Träume damit zerplatzt. Allein machte sich der Jugendliche auf den Weg. Wohin? Das ergab sich so. Nach Deutschland, wo mittlerweile auch die Eltern leben. Das Land mit dem FC Bayern, den Maschinen und der Pünktlichkeit.

Eines hat Abbasi nie verloren, so schlimm die äußeren Bedingungen auch gerade waren: seinen Humor. Nicht mal, wenn es um Fremdenfeinde und „Integrationsskeptiker“ geht. Seine Theorie im Buch: Sie waren mal bei Syrern zu Gast. „Der Verdacht auf ,Tötung durch Speisenfolge´ ist ehrlich gesagt nicht ganz aus der Luft gegriffen“, schreibt er nach der Schilderung dessen, was ein Essen mit der Familie in seinem Heimatland ausmache im Gegensatz zur deutschen „Stückchenkultur“, bei der man sich das Sattwerden langsam und in kleinen Schritten erarbeiten müsse. Abbasi nimmt’s mit Humor.

Manchmal allerdings zu sehr. Eine Erfahrung, die Abbasi machen musste, nachdem er sein Zahnmedizin-Studium in Göttingen aufgenommen hatte. Kam er mit seinem mit Fachliteratur voll bepackten Rucksack aus der Bibliothek, konnte er von zehn runterzählen, bis jemand fragte: „Hey, Abdul! Und? Haste ´ne Bombe dabei?“ Irgendwann machte er sich einen Spaß draus. Bombe. Klar. Dann legte er einen drauf und schrieb in eine WhatsApp-Gruppe für Uni-Angelegenheiten: „Yes Master, I will blow the clinic“ und kurz darauf: „Oh, sorry, das ist für eine andere Gruppe.“ Keine gute Idee. Die Polizei nahm ihn fest.

Auch ganz ernsthaft setzt er sich mit der Frage auseinander, warum Menschen nicht mit ihm sprechen. Hasskommentare im Internet bereiten ihm keinen Groll, sondern Sorge. Er glaubt, dass die Menschen, die ihm Schimpfworte entgegenschleudern in der Anonymität des Internets, Ängste mitbringen, die durch einfache Gespräche aufzulösen wären. So wie bei dem Mitglied der AfD, das er nur aus dem Netz kannte, das dann aber plötzlich bei der ersten Lesung der Autoren aus ihrem neuen Buch aufkreuzte. Und lachte. Dass sich bisher niemand aus der AfD auf ein gemeinsames Gespräch mit ihm und Faham eingelassen habe, finde er bedauerlich. „Wir sind ihr Thema“, begründet er. „Wir würden ihnen gern unsere Sicht der Dinge mitteilen.“

Sprachunterricht mit Tokio Hotel

Abbasi verliert seinen Humor auch dann nicht, wenn andere über ihn lachen. Er mochte Tokio Hotel, als er mit einem Studentenvisum nach Deutschland kam. Da kann es schon einmal passieren, dass man ausgelacht wird. Erst recht, wenn die Reihenfolge der erlernten Wörter in deutscher Sprache ungefähr so aussieht:

– „Ich liebe Dich“

– „Guten Tag“

– „Entschuldigung“

– „Durch den Monsun“

Vom gleichnamigen Titel beherrschte er dafür alle Strophen und den Refrain. Den konkreten Anwendungsfall beschreibt Abbasi eindrucksvoll: Ein Gespräch im Studentensekretariat allein in Tokio-Hotel-Textpassagen. Tokio Hotel als Lernmittel – Abbasi empfiehlt das jedem, der nach Deutschland kommt. Jedenfalls hält er es für nützlich, deutsche Musik zu hören, deutschsprachige Filme zu sehen, viel zu lesen und zu reden.

Dank dieser Tricks und Unmengen von Karteikarten und Post-its beherrscht Abbasi heute die Sprache, mit der er im Internet berühmt geworden ist – obwohl sein Co-Autor sein erstes Video als „voll langweilig“ bezeichnete. Gut, vielleicht hätte er darauf verzichten sollen, die Kamera laufen zu lassen, während er Tee kochen geht. Gemeinsam mit Allaa hat er den Kanal GermanLifeStyle GLS gegründet, auf dem sich die Syrer über deutsche Besonderheiten austauschen.

„Hühnchen. Kein Fleisch.“

Sowohl in den hunderttausendfach angeklickten Videos, die ihm unter anderem die Integrationsmedaille des Bundes eingebracht hatten, als auch im Buch geht es um den Alltagsknigge für Zugereiste im besten Sinne – und um Fragen, die sich auch manch ein Einheimischer im Kreise seiner Mitmenschen manchmal stellt. Sollte man die Eltern der neuen Freundin beim ersten Treffen duzen oder siezen? wäre eine davon. Warum sind plötzlich so viele Menschen laktoseintolerant? Oder Vegetarier? Und was passiert, wenn eines Tages ein „Seutscher“, ein Syrer, der in Deutschland gelebt hat, in sein Heimatland zurückkehrt – mittlerweile zum Feind der Massentierhaltung geworden? „Ist das aus Soja?“ – „Aus Al-Barfoum, kein Problem. Hühnchen. Kein Fleisch!“.

Abbasi hat sich außer der Sprache bereits einiges an deutschem Kulturgut angeeignet: Den Fußball wusste er bereits zu schätzen, bevor er herkam. „Ich bin schon süchtig nach Kartoffeln wie die meisten hier.“ Nun auch Sauerkraut und Pünktlichkeit. Manchmal sei er heute schon deutscher als er es jemals erwartet habe, sagt er: „Neulich war ich im Zug unterwegs und etwa fünf Reihen entfernt von mir hörte jemand wirklich leise Musik.“ Leise zischend imitiert er das rhythmische „itz, itz, itz“, das durch die Kopfhörer des Sitznachbarn zu ihm gedrungen sei. „Ich habe ihn echt gebeten, leiser zu machen. Ich bin sehr spießig geworden“, sagt er und lacht. „Ich ärgere mich, wenn der Bus fünf Minuten Verspätung hat. In Syrien gibt es nicht mal Zeiten dafür, wann der Bus kommt. Man geht einfach hin und wartet.“

Andere – typisch syrische – Angewohnheiten könne er beileibe nicht ablegen. „Ich flirte so übertrieben“, sagt er, und als er die Augen nach oben verdreht, sieht er aus wie das „Oh, no!“-Emoji. Seine Freundin habe ihn schon gefragt: „Warum müssen wir uns unbedingt vergraben?“ – "Vergrab mich“ ist in Syrien eine Flirt-Floskel, erklärt Abbasi.

Das „Seutsch“-Sein, das Gemisch aus syrischen und deutschen Anteilen, sei ein tolles Gefühl, sagt Abbasi. „Ich fühle mich eingedeutscht. Und deshalb heißt unser Buch so.“

Das Buch

„Eingedeutscht – Die schräge Geschichte unserer Integration“ erscheint am Montag, 19. März im Goldmann-Verlag. Das 224 Seiten starke Buch ist für 12 Euro im Buchhandel erhältlich, die ISBN lautet 978-3-442-15951-2

Videos unter gturl.de/abbasi

http://www.goettinger-tageblatt.de/Die-Region/Goettingen/Der-Videoblogger-Abdul-Abbasi-spricht-im-Tageblatt-Interview-ueber-Integration

http://www.goettinger-tageblatt.de/Die-Region/Goettingen/Goettinger-Videoblogger-Abdul-Abbasi-bekommt-Integrationsmedaille

http://www.goettinger-tageblatt.de/Die-Region/Goettingen/Der-Krieg-hat-Abdul-Abbasi-politisiert

Von Nadine Eckermann

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