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Göttingen Betrugsserie mit fingierten Unfällen
Die Region Göttingen Betrugsserie mit fingierten Unfällen
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00:17 11.05.2017
Quelle: dpa (Symbolbild)
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Göttingen

Der 63-jährige mutmaßliche Drahtzieher, der unter anderem wegen Bandendiebstählen und Drogenhandels bereits mehrere Jahre in Haft gesessen hat, ist in einem gesonderten Verfahren wegen 15 Fällen des gewerbsmäßigen Betruges angeklagt. Auch einige der übrigen Angeklagten sind bereits strafrechtlich in Erscheinung getreten.

Scheinhalter eingesetzt

Nach den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft soll der aus dem Raum Duderstadt stammende 63-Jährige Ende 2009 den Entschluss gefasst haben, vorsätzlich Verkehrsunfälle zu organisieren und unter Einschaltung von Rechtsanwälten die Kfz-Versicherungen zur Schadensregulierung zu veranlassen. Um nicht selbst in Erscheinung zu treten, habe er andere Personen als „Scheinhalter“ von Kraftfahrzeugen eingesetzt, die gegenüber den Versicherungen ihre angeblichen Schadensersatzansprüche geltend gemacht hätten. Neben diversen Autofahrern sollen auch Abschleppunternehmen und Werkstätten an dem „Geschäftsmodell“ beteiligt gewesen sein. Im Zuge ihrer Ermittlungen hatte die Polizei auch eine Rechtsanwaltskanzlei in Göttingen durchsucht.

In einem der derzeit laufenden Prozesse müssen sich ein 44-jähriger Mann aus Nordhausen und ein 48-jähriger Mann aus Duderstadt verantworten. Der 48-Jährige soll im April 2012 mit dem Wagen des 44-Jährigen in Göttingen einen geparkten Pkw gerammt haben, angeblich wegen eines Niesanfalls. Die Halterin des beschädigten Pkw machte über einen Rechtsanwalt einen Haftpflichtschaden geltend, die Versicherung zahlte mehr als 17000 Euro. Der 48-Jährige ist bereits einschlägig vorbestraft. Er hatte Mitte der 1990er Jahre mit einem Komplizen zweimal einen vollbeladenen Lkw vom Betriebshof einer Spedition entwendet und anschließend die aus neuwertigen Küchen-, Haushalts- und Elektrogeräten bestehende Ladung an zahlreiche Abnehmer im Eichsfeld verkauft.

Vor einer Woche hat ein weiterer Prozess um zwei mutmaßlich fingierte Verkehrsunfälle in Heiligenstadt und Göttingen begonnen. Bei beiden Unfällen zahlten die Versicherungen im Rahmen der Schadensregulierung jeweils rund 20000 Euro. Zu den insgesamt vier Angeklagten gehören unter anderem ein 44-jähriger Restaurantbetreiber aus Göttingen und einer seiner Angestellten. Ein beteiligter Pkw soll einem 43-jährigen Handwerker gehört haben, der vor einigen Jahren in den Betrugs- und Korruptionsfall beim Duderstädter Orthopädietechnik-Unternehmen Otto Bock verwickelt gewesen war. Er hatte damals mit überhöhten und frei erfundenen Rechnungen unrechtmäßig mehr als eine Million Euro kassiert.
Ein weiterer Prozess gegen zwei weitere Angeklagte wegen eines mutmaßlich absichtlich herbeigeführten Unfalls in Göttingen ist aus Termingründen geplatzt, er soll im Sommer neu aufgerollt werden.

Die Polizei war den Betrügereien nach einer Anzeige wegen des Verdachts der Geldwäsche auf die Spur gekommen. Als die Ermittler das Bankschließfach des 63-Jährigen durchsuchten, fanden sie zahlreiche Fahrzeugbriefe, Autoschlüssel und 200000 Euro Bargeld. Bei der Auswertung der Dokumente stellten sie fest, dass zahlreiche Fahrzeuge in Unfälle verwickelt waren. Auffällig war, dass es stets keine anderen Zeugen und keine Verletzten gab und die vermeintlich Geschädigten bereits kurz nach dem Unfall Rechtsanwälte und Gutachter beauftragten.

Von Heidi Niemann

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