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Göttingen Archäologen graben in Göttingens Stadtgeschichte
Die Region Göttingen Archäologen graben in Göttingens Stadtgeschichte
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17:18 10.10.2018
Ausgrabungen zwischen Marienkirche und Kommende: Robert Brosch zeigt das Jesuskind mit der Welt im Arm aus dem 15. Jahrhundert an der Fundstelle. Quelle: Foto: Hinzmann
Göttingen

Mittlerweile ist die Fläche zwischen Groner-Tor-Straße und Neustadt bis zu einer Tiefe von zwei Metern aufgegraben. Schichtweise haben Grabungsleiter Robert Brosch und sein Team Erd- und Steinschichten abgetragen. Das Areal sei für die Göttinger Stadtgeschichte besonders interessant, sagt der Archäologe. An kaum einer anderen Stelle der Stadt liegt das Mittelalter so unberührt so dicht unter der Oberfläche.

Und tatsächlich sind bereits wenige Zentimeter unter dem Pflaster des ehemaligen Parkplatzes und in direkter Nachbarschaft zum Parkhaus Mauerreste der früheren Kommendegebäude und der angrenzenden mittelalterlichen Wohnhäuser zu sehen. Seit den 1960er Jahren war der Bereich neu beplant und die alten Gebäude abgerissen worden. „Wir wissen über die Struktur in diesem Bereich eigentlich nichts“, so Stadtarchäologin Betty Arndt.

Die Dimension überraschte die Experten

Und so war es eine der Fragestellungen, mit denen die Wissenschaftler in ihre Arbeit gestartet sind: Wo verliefen die Grundmauern, wie waren die Grundstücke geschnitten? Bisher ist man beispielsweise auf die Fundamente einer Scheune gestoßen, die die nördliche Begrenzung des Innenhofs darstellte. Deren Dimension überraschte allerdings die Experten, die Kommende war offenbar größer, als man das bisher angenommen hatte. „90 Zentimeter starke Mauern deuten daraufhin, dass hier ein repräsentatives Gebäude gestanden hat.“

Und tatsächlich hatte der welfische Herzog Albrecht der Feiste die Neustadt kurz vor dem Jahr 1300 gegründet, um dem benachbarten Göttingen „ein wenig das Wasser abzugraben“, so Brosch. Das könnte man auch im wörtlichen Sinne verstehen, denn das ursprünglich unbebaute Gebiet war von Seitenarmen der Leine durchzogen und entsprechend feucht. Auch dafür entdeckten die Archäologen mehrere Belege. Zum einen zeugen die Erdschichten davon, dass einiges an Material hier angeschwemmt worden sein muss. Zum anderen wurde offensichtlich von Menschenhand Material hier abgelagert – „auch zur Befestigung“, vermutet Brosch.

Sieben Zentimeter großes Jesuskind in Kloake gefunden

Und so gehen die Archäologen davon aus, dass die Siedlungsspuren wie Keramiken oder Tierknochen, die sie hier in den tieferen Schichten freigelegt haben, nicht aus der Neustadt stammt, sondern als Abfall von Göttinger Bürgern lediglich hier weggeworfen wurden. Aus dem Abfall stammt auch das wohl kurioseste Fundstück dieser Grabungsstelle. In einer Kloake aus dem 16. Jahrhundert bargen die Archäologen ein sieben Zentimeter großes Jesuskind mit Weltkugel aus gebranntem Ton. Datiert wird es auf die Mitte des 15. Jahrhunderts. „Eine kleine Sensation“, so Brosch. Vermutlich sei die Figur als Teil eines Hausaltars zur Zeit der Reformation in der Kloake entsorgt worden.

Der Plan Albrechts ging übrigens nicht auf. 1319 konnte der Göttinger Rat seinem Sohn Otto die Neustadt abkaufen. 1363 wurde sie auch optisch durch den Wall ins Stadtgebiet integriert. Die Marienkapelle und spätere Marienkirche blieb wie die Kommende in der Hand des Deutschen Ordens. Hier lag ein weiterer Untersuchungsschwerpunkt der Ausgrabungen. Da die Kapelle bereits 1290 erstmals urkundlich erwähnt wurde, sollte geklärt werden, ob es Hinweise auf noch frühere Siedlungstätigkeit in diesem Areal gebe. „Nach jetzigen Stand kann man das ausschließen“, so Brosch.

Grabungsarbeiten voraussichtlich noch bis zum Jahresende

Die archäologischen Ausgrabungen hätten belegt, dass das Grundstück über Jahrhunderte hinweg kirchlich genutzt wurde, zog Superintendent Friedrich Selter jetzt eine Zwischenbilanz. Dass auf diesem Grundstück nun ein Forum der Kirche und Diakonie errichtet werde, halte er für eine große Chance. „Das alte klösterliche Motto „ora et labora“ soll an dieser Stelle neu interpretieren werden, hier werden Menschen mit besonderem Förderungsbedarf wohnen. Und hier bündeln wir die Bildungsangebote unserer Familien-Bildungsstätte. Der St. Marienkirche, die hier von Beginn an steht, werden wir als geistliches Zentrum des Forums ein neues Profil verleihen“, so Selter.

Entgegen der ursprünglichen Planung werden die Grabungsarbeiten voraussichtlich noch bis zum Jahresende fortgesetzt. „Wir haben deutlich mehr gefunden als erwartet“, so Arcontor-Projektkoordinator Kai Gößner. „Bisher konnten wir immer nur durchs Schüsselloch schauen, hier haben wir jetzt mal die ganze Tür aufgemacht.“

Von Markus Scharf

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