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Göttingen Wenn Engagement an Stufen scheitert
Die Region Göttingen Wenn Engagement an Stufen scheitert
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19:15 23.05.2018
Marie Habben in ihrer barrierefreien Wohnung. Quelle: Christina Hinzmann
Göttingen

Habben ist 33 Jahre alt. Vor dem Abitur kam sie nach Göttingen, ihr Vater habe die Leitung einer Schule hier übernommen, erzählt sie. Ihr Abitur schaffte sie mit gutem Notenschnitt an der Georg-Christoph-Lichtenberg-Gesamtschule. Dann fing sie ein Medizinstudium an der Georgia Augusta an. „Da war ich noch gesund“, sagt sie mit erstaunlicher Gelassenheit.

Gehirnblutung

Im Rollstuhl sitzt Habben seit 2009, im Jahr davor habe sie eine Gehirnblutung erlitten, sagt sie, nicht erkannt und deswegen mit falschen Medikamenten behandelt. Ihr Medizinstudium ruhe derzeit. Irgendwann entstand dann die Idee, sich engagieren zu wollen. Anfang des Jahres trat Habben in die SPD ein. Gerne würde sie in den Arbeitskreisen Kommunales und Soziales mitarbeiten. Die allerdings tagen in einem Obergeschoss der SPD-Hauses. Gehhilfen kann sie nicht benutzen, weil ihr linker Arm nicht richtig funktioniert. Und menschliche Hilfe könne sie nur in Anspruch nehmen, wenn derjenige dafür ausgebildet sei.

Verständnis für den Unmut

Habben wendete sich also an den SPD-Bundestagsabgeordneten Thomas Oppermann. Der Vorsitzende des SPD-Unterbezirks, der wirtschaftlicher Eigentümer des Hauses ist, versprach, sich des Problems anzunehmen. Tatsächlich schrieb er auch einen Brief an den Geschäftsführer der Konzentration GmbH, rechtlicher Eigentümer des Hauses ist. Das Schreiben liegt, wenn auch undatiert, dem Tageblatt vor. Oppermann bekundet darin sein Verständnis für den Unmut von Veranstaltungsbesuchern, er halte die fehlende Barrierefreiheit für unzeitgemäß.

Ehrenamtlich organisiert, viel Aufwand

Auch Nadia Affani, Mitarbeiterin in Oppermanns Wahlkreisbüro, bekennt im Telefongespräch: „Ich kann ihren Frust total verstehen.“ Seit Jahren schon sei es der Wunsch des Unterbezirks, Barrierefreiheit herzustellen. Das allerdings sei in denkmalgeschützten Häusern nicht immer einfach. Auch die Idee, die entsprechenden Arbeitskreise an anderen Orten tagen zu lassen, hält sie für schwierig umsetzbar. Die Treffen würden ehrenamtlich organisiert, viel Aufwand. Doch zwischen den Jusos und Habben bestehe schon Kontakt, dort habe sie schon an Treffen teilgenommen, sagt Affani.

Doch die Treppen im SPD-Haus sind nicht Habbens einziges Problem. „Göttingen ist eine relativ rollstuhlunfreundliche Stadt“, sagt sie. Hier gebe es „ganz viel Bedarf an Veränderung und das in einer alternden Gesellschaft. Na Glückwunsch!“

Kein Spaß beim Shoppen

In der Innenstadt gebe es viele Geschäfte in älteren Häusern. Einen Billigladen am Weender Tor führt sie als weiteres Beispiel an. „Ich komme wunderbar hinein. Aber das Geschäft ist so vollgestellt, dass ich nicht überall hinkomme.“ Dann müsse sie Leute ansprechen, die ihr die Waren holten. „Aber dann ist der ganze Spaß am Shoppen weg“, sagt sie und lacht.

Barrierefreiheit der Rathäuser

Die Stadtverwaltung sieht sich auf einem guten Weg. Sprecher Dominik Kimyon verweist als Beispiele auf das Neue und das Alte Rathaus sowie das Holbornsche Haus in der Roten Straße – alle Gebäude können barrierefrei besucht werden. Hendrik Falkenberg, stellvertretender Geschäftsführer des Vereins Selbsthilfe Körperbehinderter, erklärt, dass es seines Wissens nach in Deutschland kein Gesetz gebe, dass einer öffentlichen Einrichtung Barrierefreiheit vorschreibe. „Ein Skandal“, sagt Falkenberg, schränkt aber ein, dass das in vielen Gebäuden nur mit sehr großem finanziellen Aufwand umzusetzen sei.

Barrierefreier Ticketshop

Gerne besucht Habben übrigens auch Konzerte. Ein Tickets der Wise Guys hängt gerahmt an der Wand. „Ich mag auch Die Feisten, sagt sie. Tickets habe sie mal kaufen wollen in einem wunderbar barrierefreien Ticketshop. Dort allerdings habe man ihr erklärt, Rollstuhl-Karten müssten direkt beim Veranstalter erworben werden. Habben: „So viel zum Thema Gleichberechtigung.“

Von Peter Krüger-Lenz

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