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Göttingen Förderschulleiter warnt vor schlecht vorbereiteter Inklusion
Die Region Göttingen Förderschulleiter warnt vor schlecht vorbereiteter Inklusion
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00:28 29.04.2018
Pestolozzischule in Duderstadt. Quelle: Hinzmann
Göttingen

Er wolle sich gerne in der Sache streiten, sagte der Förderschulleiter am Dienstag, und erntete im Beirat auch Widerspruch. Struck vertrat seine Position jedoch mit Nachdruck. Viele unterschätzten die Herausforderung, die die Inklusion von Kindern mit Förderbedarf im Bereich Lernen darstelle, führte Struck aus. Ausgerechnet bei dieser großen Gruppe habe der Gesetzgeber vor ein paar Jahren keine Wahlfreiheit zwischen Förderklassen und inklusivem Unterricht zugelassen. Seither besuchten die Kinder und Jugendlichen Schulen, die in der Regel nicht auf sie eingestellt seien.

„Es handelt sich um junge Menschen, die in ihrer Entwicklung ein, zwei Jahre verzögert sind, oft aus bildungsfernen Familien stammen und zuhause wenig Unterstützung erhalten,“ führte Struck aus. Es falle ihnen schwer, pünktlich und zuverlässig zu sein. Damit sie sich entwickeln könnten, benötigten sie besondere Zuwendung und eine enge Beziehung zum Lehrer. In einer Förderklasse, wo ein Lehrer auf 16 Kinder komme, sei das gegeben. In den meisten weiterführenden Schulen unterrichteten dagegen bis zu zehn verschiedene Lehrer bis zu 30 Kinder.

„An einer solchen Schule kommen die Kinder nicht mit“, stellte Struck klar. Oft würden verhaltensauffällig, reagierten gewalttätig oder schwänzten. 90 Prozent von ihnen landeten im Hauptschulzweig. Um das zu verhindern, müssten jeweils zwei Lehrer eine Klasse unterrichten. Zudem seien die räumlichen Voraussetzungen zu schaffen, um eine Klasse auch einmal in zwei Gruppen mit unterschiedlichem Lerntempo zu teilen. Das koste allerdings Geld. Staaten wie Dänemark oder die Niederlande brächten diese Mittel auf.

Schulbegleiter sollen Probleme lösen

„Die Schulen versuchen das Problem derzeit mit dem verstärkten Einsatz von Schulbegleitern zu lösen“, sagte Struck. Die Begleiter verfügten aber selten über eine sonderpädagogische Ausbildung. Sie kümmerten sich zudem nur um ein Kind, nicht um die ganze Klasse. Dabei würden auch Hochbegabte Hilfe brauchen. Zudem würden die Schulbegleiter aus dem Sozial- und nicht dem Schuletat finanziert, was die Jugendhilfe überlaste.

„Es gibt allerdings Hoffnung“, zeigte sich der Schulleiter zuversichtlich. Die große Koalition in Hannover ermögliche es den Schulträgern vom nächsten Schuljahr an, wieder von der fünften Klasse an spezielle Förderklassen einzurichten. Nutze der Landkreis die Möglichkeit, werde sich im Sekundarschulbereich die Situation entspannen.

Während der Sitzung stellte Struck zudem gemeinsam mit der Leiterin der Duderstädter Kindertagesstätte St. Raphael, Marie-Theres Waning-Ernst, das Projekt Inklusiver Campus vor. Die Idee sei vor dreieinhalb Jahren eigentlich aus der Not heraus geboren worden, führte Waning-Ernst aus. Das Gebäude der Tagesstätte Am Euzenberg, das an der neu gebauten Umgehungsstraße liege, sei marode. Auch im Kindergarten St. Klaus habe eine Sanierung angestanden.

Caritas kauft Pestalozzi-Schule

„Zusammen werden wir daher von August 2019 an das Gebäude nutzen, in dem zur Zeit noch die Pestalozzi-Schule untergebracht ist“, berichtete Waning-Ernst. Der Caritasverband Südniedersachsen habe das Gebäude Anfang des Jahres bereits vom Landkreis erworben. Strucks Förderschule, die durch die gesetzlich vorgeschriebene Inklusion Schüler verloren habe, nutze vom kommenden Schuljahr an Räume der St.-Ursula-Schule. Der Träger, das Bistum Hildesheim, wolle die Gesamtschule bis 2021 auslaufen lassen.

„Die Caritas baut das Pestalozzi-Gebäude vom Sommer an barrierefrei aus“, kündigte die Tagesstättenleiterin an. Dort würden auch zwei zusätzliche Krippengruppen, ein Familienzentrum und verschiedene Beratungsstellen unterkommen. 4,6 Millionen Euro werde das kosten. Das Land habe 1,66 Millionen Euro aus dem Bund-Länder-Förderprogramm „Investitionspakt Soziale Integration im Quartier“ zugesagt.

Mehr zum Eigentümerwechsel der Pestalozzi-Schule lesen Sie hier

Von Michael Caspar

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