Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Göttingen Wie ein Flüchtling zum Klassensprecher wird
Die Region Göttingen Wie ein Flüchtling zum Klassensprecher wird
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:19 01.09.2018
Klassensprecher Mustafa und seine Mitschüler der Klasse 10ML am Theodor-Heuss-Gymnasium. Quelle: Markus Hartwig
Göttingen

Eine Mischung aus Stolz und Verlegenheit schwingt in seiner Stimme mit, wenn Mustafa M. erzählt, wie er ganz unerwartet zu seinem ehrenvollen Amt kam. Aber auch Ehrgeiz und Zielstrebigkeit: „Das ist schon was Gutes“, sagt der heut 17-jährige, „was Positive – für mich und für die Schule“.

Angestrebt habe er das Amt nicht, versichert Mustafa. Als in der Klasse 10ML am Göttinger Theodor-Heuss-Gymnasium (THG) neue Klassensprecher gewählt werden sollten, habe ihn überraschend „ein Kumpel“ vorgeschlagen. Es gab zwei Mitbewerber, aber Mustafa bekam mit Abstand die meisten Stimmen unter den Jungs. Damit steht er nicht alleine: Die Klassensprecherin ist seine „beste Freundin“.

„Von nix kommt nix“

„Das war ganz spontan“, sagt der hoch gewachsene Schüler. Aber jetzt sei es schon eine Aufgabe, die er sehr ernst nimmt. Er muss schlichten, „wenn es zwischen den anderen oder zwischen Schülern und Lehrern Stress gibt“. Und er muss sich für die Klasse einsetzen.

„Und da versuche ich, mich gut einzubringen“, versichert Mustafa und ist überzeugt: „Es lässt sich immer eine Lösung finden.“ Eine friedliche natürlich: „Streiten, schreien oder aggressiv sein führt nie zum Ziel.“     

Eine Einstellung, die bei den anderen gut ankommt: „Der ist ein cooler Typ“, sagt einer seiner Mitschüler. „Immer offen und freundlich“, fügt ein anderer an. Auch Klassenlehrer Claus Schlegel ist begeistert von Mustafa. Er beschreibt den 17-Jährigen als einen „offenen, neugierigen und unglaublich freundlichen, höflichen“ Schüler. Er komme mit allen gut aus, ergänzt Schlegel. „Und es ist spannend, in welchen Fächern Mustafa besonders engagiert ist: in Politik und Geschichte – vor allem die deutsche Geschichte interessiert ihn.“

Berufswunsch: Politiker –oder Bauingenieur

Dass das seine Lieblingsfächer sind, sagt auch Mustafa selbst – „und als drittes vielleicht noch Mathe“. Natürlich muss er für Politik und Geschichte besonders viel lesen. „Aber das ist egal, wer viel wissen und lernen will, muss viel arbeiten und lesen,“ wiegelt er ab.

Mit Blick auf seine Berufswünsche passen seine Lieblingsfächer jedenfalls schon einmal – und sein Engagement als Klassensprecher. Wenn er es schafft, will Mustafa Abitur machen und Studieren und dann „Politiker in Deutschland“ werden. „Ich würde dann einiges auch anders machen“, verspricht er selbstbewusst.

Sein zweiter Berufswunsch: Bauingenieur – ein Wunsch mit familiärem Hintergrund. Denn Familie ist für den jungen Syrer, der sich auf den Weg gemacht hat, Deutscher zu werden, bedeutsam. Auch –oder vielleicht gerade – weil seine Eltern und Geschwister in Syrien geblieben sind.

So wichtig ist Familie

Einer seiner Cousins hat studiert und wollte Bauingenieur werden, bevor er im Krieg in Syrien ums Leben kam, erzählt Mustafa den Hintergrund zu diesem Berufswunsch. Sein Vater habe ihm geraten, er solle vielleicht den gleichen Beruf anstreben und dann irgendwann vor den Onkel treten und sagen: „Schau, ich habe den Wunsch deines Sohnes erfüllt.“ „Der wäre dann sicher sehr stolz“, sagt Mustafa, „und vielleicht nicht mehr ganz so traurig“.

Mustafa selbst ist alles andere als ein trauriger Mensch, trotz seiner schwierigen Lebensumstände und Erfahrungen im Krieg und auf der Flucht. Über die will er nicht reden. „Das war gestern, man muss versuchen, es zu vergessen, sonst belastet es zu sehr“, stellt er klar, „und man muss nach vorne gucken“. Nur die schönen Erinnerungen seien auch für die Zukunft wichtig – „und die Fehler, aus denen man lernen kann“.

Die hat es auch gegeben, als er gerade nach Deutschland gekommen war. „Am Anfang, da war es ganz schön schwierig“, erzählt Mustafa, „da war ich schwierig“. „Für mich war alles neu und alles anders, und ich hatte das Gefühl, ich kann machen, was ich will.“ Die Folge: Mustafa eckte an, bekam überall ärger „und ich wäre fast auf die schiefe Bahn geraten“, räumt er ein. Sein Vater in Syrien habe dann gedrängt: „Du musst dir eine Familie suchen.“

„Ich war alleine, ich fühlte mich alleine“

„Ich war alleine. Ich fühlte mich alleine. Und ich brauchte jemanden, der mir sagt, wo es langgeht, was richtig und falsch ist“, sagt Mustafa selbst. Er suchte und fand gemeinsam mit seiner Betreuerin eine Pflegefamilie. Eine „tolle“ Familie, die ihn in allem unterstützt, begleitet und in der er sich sehr wohl fühlt. Auch hier seien die Anfänge schwierig gewesen, „aber sie haben mich gut in die richtige Richtung geführt“.

Als Mustafa vor gerade zweieinhalb Jahren über Friedland nach Göttingen kam, „konnte ich nichts verstehen, überhaupt nichts“. Trotzdem kam er ans THG – er hatte in seiner Heimatstadt in Syrien ein privates Gymnasium besucht. „Oft habe ich in der letzten Reihe gesessen und mich gefragt, was erzählen die da, was erzählen sie über mich.“

Dann hat er sich reingehängt: in der separaten Sprachklasse und zuhause, später in seiner jetzigen Klasse - eine der Tablett-Klassen am THG. „Ich habe gelesen und gelesen, gelernt und gearbeitet“, erzählt Mustafa und fügt ganz locker an: „Von nix kommt nix.“

„Man muss es immer versuchen“

Mustafa ist ein Macher. „Man muss es immer versuchen, ich versuche es zumindest immer“, sagt er selbst. Wenn man sagt ’Ich kann das nicht’, hat man schon verloren, ist der 17-Jährige überzeugt. Er hat nicht verloren und spricht inzwischen fließend Deutsch – „obwohl in Arbeiten manchmal auch Wörter dran kommen, die ich noch nie gehört habe“, räumt er ein und lacht darüber.

Dass er in Deutschland bleiben wird, ist für Mustafa gesetzt. Zurück nach Syrien kann er nie mehr und: „Da wo man sich bildet, da ist auch das Vaterland.“ Starke Worte, die trotz seiner Jugend so reif und selbstbewusst wirken. Eine Stärke, die sich aber auch mit großer Sensibilität und einer Spur Unsicherheit mischt, wenn Mustafa klar und fast verärgert feststellt, was er noch nicht kann, oder wenn er auf seine ersten Monate in Deutschland zurückblickt.

Von Ulrich Schubert

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Einen Age-Man-Anzug können Besucher am Stand C23 von „Mensch – die Gesundmesse“ in Göttingen ausprobieren.

31.08.2018

Ein 36-Jähriger ist der Bundespolizei in Göttingen am Donnerstagvormittag in Netz gegangen. Bei einer routinemäßigen Kontrolle stellten die Beamten fest, dass gegen den Mann ein Haftbefehl vorlag.

31.08.2018

Laut Bertelsmann-Studie hat sich die Betreuungssituation in Niedersachsen in den vergangenen Jahren verbessert. Im Jugendhilfeausschuss des Landkreises Göttingen stößt diese Erkenntnis auf Unverständnis.

31.08.2018