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Göttingen Blutiger Überfall auf Jesuitenpater
Die Region Göttingen Blutiger Überfall auf Jesuitenpater
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19:13 02.02.2010
Gemeindebüro in der Turmstraße: Hierhin schleppte sich der verletzte Pater. Quelle: Hinzmann

Einer der jetzt in Verdacht geratenen Pater, der heute 69-jährige Peter R., war nach seiner Tätigkeit an der Berliner Eliteschule von 1982 bis 1989 für das Bistum Hildesheim Jugend-Seelsorger in der Jesuiten-Niederlassung Göttingen. Außerdem, so Heribert Graab, selbst Jesuitenpater und langjähriger Pfarrer an St. Michael, habe Peter R. damals als Lehrer am Theodor-Heuss-Gymnasium gewirkt.

Aus Göttingen lägen zwar keine „Opfermeldungen“ vor, betonen Benedikt Lautenbacher, Superior (Oberhaupt) der Jesuiten-Kommunität Göttingen, und ein Sprecher des Bistums Hildesheim. Allerdings habe es andere, jedoch vage Hinweise auf Vorfälle in Göttingen gegeben, denen jetzt ebenso nachgegangen werde wie im Zusammenhang mit anderen Tätigkeiten von Peter R. für das Bistum.

Bestätigt ist hingegen eine Messerattacke – andere Quellen sprechen von einem Schraubenzieher als Tatwaffe – auf Peter R. im Jahr 1986. Damals griff ein ehemaliger Canisius-Schüler, nach Angaben von Mitschülern ebenfalls Opfer des Paters, den Geistlichen in dessen Büro in der Nikolaistraße an und verletzte ihn. Dort leitete Peter R. damals das Rutilio-Grande-Haus, eine Einrichtung für Jugendliche. Blutend schleppte sich der Geistliche in das Büro der St. Michael-Gemeinde in der Turmstraße. Nach Tageblatt-Informationen verhinderte Peter R., dass die Polizei eingeschaltet wurde. Der Angreifer habe nur Geld gewollt, soll der Pater gesagt haben. Erst im Licht der jetzt erhobenen Vorwürfe, erklärte Superior Lautenbacher, könne sich die Gemeinde dieses Verhalten erklären. Nach dem Überfall soll sich der Täter das Leben genommen haben.

1988 ging Peter R. für ein halbes Jahr nach Mexiko. Nachdem der Pater beschuldigt wurde, dort ein Mädchen missbraucht zu haben, musste er Göttingen verlassen.

Bald danach sei das Rutilio-Grande-Haus geschlossen worden, erinnert sich Pater Graab weiter. Ein Jesuit, der damals vertretungsweise im Jugendhaus wirkte, habe den Leiter der Ordensprovinz auch auf Gerüchte unter Jugendlichen über Übergriffe durch R. hingewiesen.

Nach seinem Weggang aus Göttingen wurde Peter R. Pfarrverwalter der Hildesheimer Pfarrgemeinde „Guter Hirt“. Als ihn dort 1993 eine Mutter beschuldigte, ihre 14-jährige Tochter intim berührt und sich befriedigt zu haben, flog Peter R. aus dem Orden und wurde Priester des Bistums Hildesheim. Trotz der Auflage, sich der Jugendarbeit zu enthalten, soll er bis zum Ruhestand 2003 immer wieder Kontakt zu Kindern und Jugendlichen gesucht haben.

Nach dem Bekanntwerden der Vorwürfe ist Peter R. am Montag untergetaucht. Nachdem er gegenüber vor seiner Wohnung in Berlin-Lichterfelde wartenden Journalisten erneut seine Unschuld beteuerte, ließ er sich mit einem Taxi abholen und zum Hauptbahnhof fahren. Gerüchten zufolge soll er sich im Raum Hildesheim aufhalten.

In den Gemeinden, in denen R. wirkte, soll am kommenden Sonntag in den Gottesdiensten ein Schreiben des Bistums verlesen werden, das auch eine Entschuldigung für Versäumnisse bei der Aufklärung von Vergehen seiner Bediensteten enthält. Darin sollen zudem Missbrauchsopfer aufgefordert werden, sich zu melden.

"Wir sind in der Familie schockiert"

„Wir sind in der Familie schockiert“, sagt der derzeitige Jugendseelsorger des katholischen Dekanats Göttingen, Torsten Thiel, über die Missbrauchsvorwürfe gegen den Jesuitenpater Peter R. Als Pastoralreferent ist Thiel nicht der Ehelosigkeit verpflichtet. Er ist verheiratet und selbst Vater zweier Kinder „im entsprechenden Alter“. Pastoralreferenten als Jugendseelsorger wie derzeit in Göttingen seien im Bistum eher die Ausnahme, so Thiel. Meist übernähmen Kaplane oder Priester diese Aufgabe.

In der von Jesuiten betreuten und auch von Boulevardmedien belagerten Gemeinde St. Michael sei die Stimmung gedrückt, so der Leiter der Göttinger Kommunität, Benedikt Lautenbacher. Er wolle die Sache, die für die Opfer tragisch sei, nicht kleinreden. In Zukunft müsse die katholische Kirche im Fall von Missbrauch anders reagieren. Es dürfe nicht einfach nur Versetzungen geben, „Pädophile dürfen nie mehr mit Jugendlichen zusammenkommen“. Aus der Gemeinde sei aber auch Bedauern geäußert werden, dass die gute Arbeit vieler Jesuiten durch das Fehlverhalten einzelner Ordensmitglieder diskreditiert werde. (bar)

Von Matthias Heinzel und Jörn Barke

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