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Göttingen Online-Atlas „Verbrannte Orte“
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00:20 13.12.2018
Bücherverbrennung in Göttingen am 10. Mai 1933 auf dem Albaniplatz (damals Adolf-Hitler-Platz). Quelle: r
Göttingen/Hann. Münden

Ziel des Projekts „Verbrannte Orte“ ist es, eine Dokumentationsplattform zu den mehr als 90 Bücherverbrennungen von 1933 zu erstellen. In Niedersachsen besucht Schenck im Dezember Braunschweig, Hannover, am Sonnabend, 15. Dezember, Hann. Münden und einen Tag später Göttingen.

 

Bereits drei Monate nach der „Machtübernahme“ Ende Januar 1933 begannen die Nationalsozialisten ihren Kampf gegen ihnen missliebige Literatur. Unter anderem erstellten sie eine “Liste des undeutschen Geistes”. 131 Autoren befanden sich auf darauf. Bücher dieser Autoren wurden am 10. Mai 1933 auf öffentlichen Plätzen in mehr als 20 Städten verbrannt. Neben der systematischen und organisierten Verbrennung gab es an vielen weiteren Orten Bücherverbrennungen, die von lokalen Akteuren organisiert wurden.

Orte weitgehend unbekannt

An kaum einem dieser Orte gibt es heute eine sichtbare Erinnerung, erklären die Organisatoren von Projekt „Verbrannte Orte“: Viele Menschen wissen, dass es in Deutschland Bücherverbrennungen gab, kennen jedoch oft nur die Verbrennungen im Rahmen der ,Aktion wider den undeutschen Geist‘ und hier wiederum meistens nur die festliche Verbrennung auf dem Bebelplatz in Berlin. Der Großteil der über 90 Verbrennungen ist der Allgemeinheit kaum bekannt.“ Einen Grund dafür nennt der SPD-Politiker und Regionalhistoriker Klaus Wettig: „Es gab ein Verbot des Fotografierens. Deshalb ist Göttingen der einzige Ort, neben Berlin, wo die Bücherverbrennung fotografiert werden konnte.“

In Göttingen war am 10. Mai 1933 der Albani-Platz (damals Adolf-Hitler-Platz) Ort der Bücherverbrennung. Dazu aufgerufen hatten die Nationalsozialisten vor allem deutsche Haupt- und Universitätsstädte. Organisiert von Studenten des „Nationalsozialistischen Studentenbundes“, dessen Mitglieder an der Universität und in der Öffentlichkeit meist in SA-Uniformen auftraten.

Bücherverbrennung in Göttingen am 10. Mai 1933. Quelle: Heinzel, Matthias

Die Organisatoren konnten dabei auf die Unterstützung aus dem Volk bauen. Während die NSDAP bei den Wahlen am 5. März 1933 reichsweit im Durchschnitt 52 Prozent der Stimmen erzielte, erreichte sie im Stadtkreis 63,7 Prozent und im Landkreis 61,9 Prozent. Der Erfolg der Nazi-Partei wirkte sich auch auf den Göttinger Stadtplane aus: Aus der Theaterstraße wurde knapp drei Wochen später die „Franz-Seldte-Straße“, der Theaterplatz, heute Albani-Platz, hieß fortan „Adolf-Hitler-Platz“.

Sammelstellen eingerichtet

Dort wurde am 10. Mai 1933 Weltliteratur verbrannt, beispielsweise Werke von Erich Kästner, Heinrich Mann, Carl von Ossietzky, Kurt Tucholsky, Theodor Wolff, Alfred Kerr und Karl Marx. „Übermannshoch“ sei „der Berg von Unrat und Ungeist aufgetürmt“ gewesen, schrieb das linientreue Göttinger Tageblatt am 11. Mai. „Der Ungeist, der Schmutz, die Gemeinheit“ sei im Feuer in sich zusammengesunken.

Tage vor der Verbrennung – am 5. Mai – hatte Studentenführer Wolff einen Aufruf des „Kampfausschusses Göttinger Studenten“ in der „Göttinger Zeitung“ veröffentlichen lassen. Jeder „deutsche Volksgenosse“ solle seine Bibliothek säubern und das „zersetzende Schrifttum“ in eigens eingerichteten Sammelstellen abgeben. Der NS-Studentenbund schleppte Bücher aus Buchhandlungen und der Volksbibliothek.

„Invasion fremden Geistes“

Der Auftakt zur Verbrennung machte eine Veranstaltung am frühen Abend des 10. Mai, die eigentlich im Auditorium Maximum der Georg-August-Universität stattfinden sollte, aber wegen Überfüllung ins Freie verlegt wurde. Unter anderem sprachen der gerade ernannte Rektor der Göttinger Universität, Prof. Friedrich Neumann (1889-1978) und der Germanist und Privatdozent Gerhard Fricke (1901-1980), der „eine Invasion fremden Geistes, undeutscher und widerdeutscher Anschauungen“ beklagte, in der „alle Begriffe vertauscht, alle gesunden, natürlichen und reinen Gefühle verächtlich wurden, in dem jede geistige und moralische Orientierung verloren gehen musste“.

Derart aufgepeitscht, zog ein Fackelzug von SA- und SS-Studenten, der Stahlhelm-Hochschulgruppe und Korporationen südwärts in die Innenstadt zum Albaniplatz (damals Adolf-Hitler-Platz). Dort war am Nachmittag ein Scheiterhaufen errichtet und mit Büchern, Zeitungen, Broschüren und Flugblättern so bedeckt worden, dass von den Holzscheiten nichts mehr zu sehen war. Darin steckte ein hoher Stock mit einem Schild, auf dem der Name „Lenin“ stand. Dann wurde der Haufen angezündet.

Online-Atlas wird vorgestellt

Der Online-Atlas entsteht auf der Seite „verbrannte-orte.de“. Großformataufnahmen rücken ausgewählte Perspektiven ins Blickfeld, und Hintergrundtexte bieten eine inhaltliche Auseinandersetzung. Wo vorhanden, macht zusätzliches historisches Material die Geschichte erlebbar. Die Seite ist schon jetzt aufrufbar.

Der Fotograf Jan Schenck stellt bei seinem Besuch in Göttingen das Projekt am Sonntag, 16. Dezember, im Holbornschen Haus, Rote Straße 34, vor. Beginn ist um 19 Uhr.

Von Matthias Heinzel

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