Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Göttingen „Unerträgliche“ Zustände im Nikolaiviertel
Die Region Göttingen „Unerträgliche“ Zustände im Nikolaiviertel
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:01 11.07.2018
„Die Verhältnisse in dem Viertel gehen über das Tolerable hinaus“, urteilt Sascha Pröhl, Geschäftsführer der CDU-Ratsfraktion. Quelle: r
Anzeige
Göttingen

„Die Verhältnisse in dem Viertel gehen über das Tolerable hinaus“, urteilt Sascha Pröhl, Geschäftsführer der CDU-Ratsfraktion. Allein zehn Beschwerden wegen Geruchs, Schmutz und Lärms seien bei der Fraktion seit Januar aufgeschlagen. „Gerade in den Sommermonaten ist es unerträglich“, so Pröhl. Je wärmer, desto schlimmer. Die „Infrastruktur“ in der Straße mit Imbissläden, Kneipen, Kiosken und Clubs sei „ein Vehikel“ für „das Verhalten der Leute“, meint Pröhl.

„Die akustische Verschmutzung ist kaum noch zu ertragen“, erzählt ein Anwohner gegenüber dem Tageblatt. Autos, Kneipenlärm, der durch offene Türen nach draußen dringt, laute Gespräche, Streitereien. Kioske, in denen bis 3 oder 4 Uhr morgens Alkohol verkauft werde, trügen ebenfalls dazu bei. Und: Mitarbeiter des Ordnungsamtes seien zu später Stunde nicht mehr in der Straße zu Kontrollgängen unterwegs.

Zu Zeiten des Alkoholverbotes in der Nikolaistraße 2012: Das Ordnungsamt der Stadt kontrolliert in der Nikolaistraße. Quelle: Swen Pfoertner

Stadtverwaltung misst den Lärm in der Straße

Der Stadtverwaltung liegen nach Auskunft von Sprecher Dominik Kimyon lediglich drei Beschwerden für das vergangene halbe Jahr vor. So habe sich ein Anwohner über den Lärm einer Gaststätte beschwert, die sich im selben Gebäude befindet. Eine Lärmmessung habe die Beschwerdegründe aber nicht bestätigt, so Kimyon.

Die zweite Beschwerde bezieht sich auf eine andere Gaststätte und betrifft Lärm aus dem Innenhof und einem offenstehenden Dachfenster. „Hier werden wir noch Lärmmessungen vornehmen“, kündigt Kimyon an. Nach einer dritten Beschwerde habe es verstärkt Kontrollen wegen Lärms, rechtswidrig geparkter Fahrzeuge und anderer Verstöße gegeben. „Diese Kontrollen werden auch fortgesetzt“, sagt Kimyon.

Anblick in der Nikolaistraße Quelle: r

173 Polizeieinsätze in sechs Monaten

Ganz andere Zahlen liefert die Einsatzstatistik der Göttinger Polizei für das erste Halbjahr 2018. Zu 173 Einsätzen rund um Nikolaistraße und Nikolaikirche rückte sie nach Angaben von Sprecherin Jasmin Kaatz aus. So liegen der Polizei zwischen Januar und Juni 49 Beschwerden wegen einer Ruhestörung vor.

Wegen Körperverletzungen und Schlägereien wurde die Polizei 22 Mal gerufen, zehn Mal wegen betrunkener beziehungsweise randalierender Personen. Je neun Einsätze gab es wegen Sachbeschädigungen – davon vier Farbschmierereien – und Streitigkeiten. Sieben Mal waren Beleidigungen Anlass für Einsätze. 16 „polizeiliche Einsatzanlässe“ gab es wegen „allgemeiner Überprüfungen“. Bei 51 weiteren Einsätzen handelte es sich um Verkehrsunfälle, Verkehrsbehinderungen und andere Straftaten wie Hausfriedensbruch, Betrug oder Diebstahl.

Nikolaistraße fällt „nicht signifikant“ aus der Reihe

Trotzt der Fülle an Einsätzen: „Das Nikolaiviertel fällt dabei aus polizeilicher Sicht nicht signifikant aus der Reihe“, erläutert Kaatz. Hier würden in der warmen Jahreszeit viele Menschen angelockt und nutzten auch den Freiraum auf dem Nikolaikirchhof, um dort zu verweilen. Ein Phänomen wie es die Polizei auch in der Weender Straße rund um das Carré, auf dem Wilhelmsplatz, im Cheltenham Park und an anderen „einladenden Örtlichkeiten“ in der Innenstadt beobachte.

Demo-Ankündigung an der Hauswand des P-Cafés. Quelle: r

Doch: Die Nikolaistaße steht „seit Jahren latent im Fokus der Polizei“, sagt Kaatz. Ein Einschreiten erfolge hier grundsätzlich niederschwellig. „Die polizeilich ergriffenen Maßnahmen zur Entspannung der Situation scheinen aber – in Anbetracht der vorliegenden Anwohnerbeschwerden – für sich allein offenbar nicht ausreichend zu sein“, urteilt Kaatz. „Will man eine Veränderung, dann muss eine Kooperation mit allen Beteiligten her.“ Damit, so Kaatz, seien nicht nur die Behörden für Ordnung und Sicherheit gemeint, sondern auch vielmehr die Gewerbetreibenden, Sicherheitsdienste und die Stadt Göttingen.

Die CDU-Ratsfraktion auf Facebook

In ihrer Veranstaltungsreihe „Fraktion vor Ort“ will die CDU-Ratsfraktion am Donnerstag, 12. Juli, mit Anwohnern und Interessierten das Nikolaiviertel begehen, um sich vor Ort ein Bild von den geschilderten Zuständen machen und „Möglichkeiten eines zukünftigen guten Miteinanders“ zu diskutieren. Ordnungsdezernent Christian Schmetz ist eingeladen. Treffpunkt ist um 20.30 Uhr an der Nikolaikirche.

Alkoholverbot für die Nikolaistraße schon 2012

Im Frühjahr 2012 hatte die Stadtverwaltung per Verordnung ein Alkoholverbot in der Nikolaistraße erlassen. In der Nikolaistraße einschließlich des Nikolaikirchhofs durfte zwischen 0 und 8 Uhr auf der Straße Alkohol weder mitgebracht noch getrunken werden. Grund der Verordnung war die weiterhin ansteigende Zahl von Ausschreitungen und Straftaten betrunkener Kneipen- und Kioskgäste bis in die Morgenstunden samt entsprechender Anwohnerbeschwerden.

Immer wieder war es zu „typisch alkoholbedingten Verhaltensweisen“ wie Streitereien, „Koten und Erbrechen auf die Straße und in die Hauseingänge“, Zertrümmern von Glasflaschen, sexuellen Belästigungen oder Körperverletzungen gekommen, beschrieb der damalige Chef des Fachbereichs Ordnung. Gespräche mit den Kioskbesitzern der Nikolaistraße, die bis in die Morgenstunden billig Alkohol verkaufen, waren erfolglos. In Gaststätten galt das Verbot nicht, weil dort die Gastwirte selbst dafür verantwortlich sind, alkoholische Exzesse zu verhindern.

Oberverwaltungsgericht hält Verbot für verhältnismäßig

Das Oberverwaltungsgericht (OVG) Lüneburg hatte im November die Normenkontrollklage eines Rechtsanwaltes gegen das öffentliche Trinkverbot am Wochenende zurückgewiesen. Ausschlaggebend für die Entscheidung der Richter zugunsten des Alkoholverbots ist sein Erfolg.

ID 2012-01-3306 An allen Eingängen der Nicolaistraße sind Alkoholverbotsschilder, insgesamt 8, aufgehängt worden. Quelle: Christina Hinzmann

Rat kippt das Verbot 2013 wieder

Im Dezember 2013 kippte der Rat trotz massiver Ängste von Bewohnern dann das Verbot wieder. SPD, Linke, Piratenpartei und eine Ratspolitikerin der Grünen stimmten gegen den Antrag der Grünen, das Verbot um ein Jahr zu verlängern. Die Verwaltung hatte zuvor sogar vorgeschlagen das Verbot wegen seines Erfolgs unbefristet zu verlängern.

SPD, Linke und Piraten sahen unter anderem die Persönlichkeitsrechte eingeschränkt. Die SPD-Ratsfraktion hatte stattdessen vorgeschlagen, die Verordnung aussetzen und nur zu reaktivieren, wenn es erneut Probleme mit betrunkenen Randalierern auf Göttingens Partymeile gebe.

Anwohner fordern erneutes Alkoholverbot

Schon im darauffolgenden Herbst gab es wieder Beschwerden von Anwohnern wegen lärmender und randalierender Partygänger. Auch der Vandalismus hatte nach ihren Angaben wieder zugenommen. Anwohner forderten daher, das Alkoholverbot in der Nikolaistraße wieder einzuführen.

Von Michael Brakemeier

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Ersteigern, Nachfragen, Flyer nutzen: Es gibt mehrere Methoden, legal und kostenlos an frisches Obst zu kommen. Und das, obwohl es eigentlich Diebstahl ist.

11.07.2018

Die Feuerwehr hat am Mittwoch einen Brand in einer Küche in Geismar gelöscht, bevor die Flammen auf andere Wohnungs- und Gebäudebereiche übergreifen konnten. Verletzt wurde niemand.

11.07.2018

Im Prozess um einen Raubüberfall auf eine Sparkassenfiliale in Gittelde (Kreis Göttingen) hat das Landgericht Göttingen am Mittwoch mehrere Polizisten als Zeugen vernommen, die damals an der Fahndung beteiligt gewesen waren.

14.07.2018
Anzeige