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Göttingen Warum viele „nur“ an Heiligabend in die Kirche gehen
Die Region Göttingen Warum viele „nur“ an Heiligabend in die Kirche gehen
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21:22 23.12.2018
Weihnachtsandacht, Altar Nikolausberg Quelle: Ulrich Hundertmark
Göttingen

Wenn an diesem Montag am Nachmittag überall die Glocken zu läuten beginnen, sind die ersten Bankreihen schon belegt. Es herrscht gespannte Vorfreude. Und es ist trubelig in der sonst so stillen Kirche, die beim Klang der ersten Orgeltöne bis auf den letzten Stehplatz gefüllt ist.

Es ist Heiligabend: die Verkündung von Christi Geburt, einer der beiden höchsten Kirchentage der Christen. An keinem kirchlichen Festtag kommen so viele Menschen in die Gottesdienste wie an diesem. Auch viele, die sonst nie in die Kirche gehen und kaum am Gemeindeleben teilnehmen. Sind die sogenannten U-Boot-Christen dennoch willkommen?

„Sie könnten auch zu Hause bleiben“

„Aber natürlich“, sagt Markus Kamper, Pastor in den Evangelisch-reformierten Gemeinden Mackenrode, Etzenborn und Landolfshausen. „Sie kommen auf ihre Art doch auch regelmäßig“, fügt er sofort an, „sie könnten auch zu Hause bleiben“. Dass es dann an Heiligabend in den Kirchen „schon sehr voll ist, ist doch wunderbar.“

Markus Kamper, Pastor Quelle: r

„Ich freue mich sehr darüber, sie zu sehen“, versichert auch Friedrich Selter, Superintendent im Evangelischen Kirchenkreis Göttingen: „Es ist doch gerade unsere Stärke, eine recht differenzierte Mitgliedschaft zu haben. Wenn jemand sagt: Es ist für mich gut so, nur Weihnachten zu kommen, ist das völlig in Ordnung.“ Glauben hängt nicht von der Häufigkeit der Gottesdienstbesuche ab, ergänzt Selter.

Einfach ein Bedürfnis

„Das entspricht der heutigen Mentalität der Menschen“, stellt Michael Kreye, Pfarrer in der katholischen Gemeinde St. Johannes der Täufer in Seulingen, fest. Sie haben das Bedürfnis, nur an für sie wichtigen Tagen in die Kirche zu kommen. „Das müssen wir wahrnehmen und sie sind genauso willkommen wie die, die an jedem Sonntag kommen.“

Michael Kreye, Pfarrer Quelle: R

Wie alle Kirchenvertreter bestätigt Kreye, dass die Gottesdienste an Heiligabend ausgesprochen gut besucht sind, auch wenn bisher wohl niemand abgewiesen werden oder gar vor der Tür stehen bleiben musste. In Göttingen kommen an diesem Tag „wohl so acht- bis zehnmal mehr Besucher als sonst“, sagt Selter. Keine Gottesdienste seien so gut besucht wie diese, „und das ist überall so“, hat auch Wigbert Schwarze, Dechant der katholischen Kirchengemeinden in Göttingen, in den vergangenen 25 Jahren beobachtet.

„Ich treffe dann viele wieder“

„Aber es sind gar nicht so viele neue oder fremde Leute, die dann dazukommen“, so Schwarze. „Mindestens zwei Drittel kenne ich, weil sie doch mehr oder weniger regelmäßig kommen.“ Oft seien es auch Verwandte und Freunde, die zu Besuch bei Gemeindemitgliedern sind. Gerade in den dörflichen Gemeinden „kommen an Weihnachten ganze Generationen zusammen“, ergänzt Kamper. „Ich treffe dann viele wieder, die ich konfirmiert habe, die aber für Studium und Beruf weggezogen sind.“

Auch in der Freien evangelischen Gemeinde (FeG) in Göttingen kommen Heiligabend mehr Besucher in den Gottesdienst. Sie sind aber fast an der Hand abzuzählen, sagt Pastor Simon Hartung: 15 bis 20 vielleicht – von 220 bis 300 Gottesdienstteilnehmern. Die seien oft Gäste der Gemeindeglieder oder Gläubige aus dem nahen Umfeld auf den Zietenterrassen, die nicht noch in die Stadt runter gehen wollten. Aber selbst wenn seltene Kirchgänger an diesem Tag kommen, „sehe ich das sehr positiv“, ergänzt Hartung. Die Kirche sollte das als Chance sehen, „unsere Botschaft weiterzugeben“.

Simon Hartung, Pastor, Freie ev. Gemeinde Göttingen Quelle: r

Die seltenen Kirchgänger „sind trotzdem gläubige Menschen“, ist Schwarze überzeugt, „die meisten jedenfalls“. Und das Weihnachtsbesucher-Phänomen „zeigt doch, dass Kirche etwas zu bieten hat“: Offenheit und die Botschaft von Frieden und Gemeinschaft.

Ein ganz bunte Mischung

Und warum kommen sie dann gerade zur Weihnachtsmesse? „Für einige ist dann sicher die Hemmschwelle niedriger, einmal vorbeizuschauen – gerade hier auf dem Dorf“, meint Kamper. Der Heiligabendgottesdienst sei dafür unverfänglicher als ein normaler. „Da haben wir einen ganz bunten Querschnitt der Glaubensgemeinschaften – mit Jesiden, Muslimen, Christen und Ausgetretenen.“

Eintrittskarten zum Weihnachtsgottesdienst?

Bundesweit für Diskussionen nicht nur unter Kirchgängern sorgt eine ungewöhnliche Initiative einer evangelischen Kirchengemeinde in Essen: Weil im vergangenen Jahr einige Besucher am 24. Dezember am Eingang der überfüllten Kirche abgewiesen werden mussten, vergibt die Kirchengemeinde Essen-Haarzopf in diesem Jahr kostenlos Eintrittskarten für die Gottesdienste an Heiligabend. Davon betroffen sind drei Gottesdienste in der Kirche Haarzopf sowie zwei im Gemeindezentrum Fulerum. Die Christmette um 23 Uhr ist ausgenommen, weil um diese Uhrzeit erfahrungsgemäß nicht so viele Menschen kommen.

Es gehe nicht darum, irgendwelche Besucher „vom Gottesdienst auszuschließen“, sagte Pastorin Anne Simon. Ziel sei es, unschöne Szenen wie im Vorjahr zu vermeiden, als es am Eingang zur Kirche zu Wortgefechten und Pöbeleien kam.

Die Karten sind unter anderem im Gemeindebüro oder nach den Adventsgottesdiensten bei den Presbytern zu erhalten. Wer keine Karte für Heiligabend mehr bekommt, der könne auch am ersten Weihnachtsfeiertag in den Gottesdienst kommen, betonte Simon. Da sei dann wieder genug Platz für alle.

Zeitgleich wirbt das katholische Bistum in Essen mit einer humorvollen Videobotschaft für Kirchenbesuche an Feiertagen – auch an Weihnachten. Im Stil einer Sicherheitseinweisung vor dem Start eines Flugzeugs erklärt darin eine Stewardess in der Kirche den Ablauf des Gottesdienstes mit Witz und Ironie. RND/epd

So wirbt das Bistum Essen um Kirchenbesuche zu Weihnachten:

„Manche treiben sicher Kindheitserinnerungen und -träume, die an Heiligabend aufgefrischt werden“, vermutet Kreye. Gerade an diesem Tag biete die Kirche etwas Vertrautes, eine besonderes Gefühl der Geborgenheit – und eine besondere Friedensstimmung.

„Ich glaube, gerade an den Heiligabendgottesdienst haben die Besucher einen sehr hohen Anspruch“, sagt Selter. „Sie wollen berührt werden, etwas mitnehmen. Und das macht heute niemand mehr aus Pflichtgefühl. Da geht es um Inhalte, um eine Botschaft, die unsere Lebensumstände berühren.“

Friedrich Selter Quelle: r

Vielen gehe es sicher auch darum, das Miteinander und die besondere Gemeinschaft an diesem Tag zu erleben, sagt Kreye – „gerade in einer Gesellschaft, die zunehmend auseinanderdriftet“. „Und ich finde es schön, wenn die Besucher dann nach dem Gottesdienst im Gemeindehaus noch gemeinsam einen Glühwein und ein paar Kekse genießen und miteinander plaudern.“

Stille, Einkehr und Reflexion

Dann gibt es natürlich noch die Krippenspiele – meistens während der frühen Gottesdienste an Heiligabend. Dann herrscht besonderer Andrang in der Kirche: Eltern, Großeltern, Geschwister und andere Verwandte kommen, weil sie ihre Kinder im Spiel um die wunderbare Geburt des Jesus-Kindes sehen und die besondere Stimmung spüren wollen.

Wigbert Schwarze, Dechant Wigbert Schwarze Quelle: r

In die Gottesdienste um 18 und 19 Uhr kommen dann Familien, die erst einmal das traditionelle Heiligabend-Essen zelebriert haben. Noch stiller und besinnlicher wird es dann in der etwas weniger gut besuchten Christmette gegen Mitternacht. „Viele wollen ganz bewusst diese Stille und Einkehr genießen“, so Schwarze.

„Da ist eine andere Stimmung mit viel Lichtsymbolik“, sagt Selter: „Es ist intensiver, da geht es stärker auch um intellektuelle Reflexion.“ Wenn er keinen Gottesdienst halten würde, würde er selbst wahrscheinlich in die Vesper um 17 oder 18 Uhr gehen. „Das wäre mein Ding – und vielleicht dann noch einmal um Mitternacht.“

Wie die Christmette zur Christmesse wurde

Göttingen. Christmesse? Christmette? Heiligabend-Gottesdienst? Wenn wir über den Kirchgang am Heiligen Abend reden, dann fallen für die Gottesdienste ganz unterschiedliche Begriffe. Aber was ist nun was?

Die Christmette ist vom Ursprung her eigentlich (nur) ein Stundengebet, das in der Heiligen Nacht zwischen Mitternacht und den frühen Morgenstunden des 25. Dezembers in der Kirche im Chor gesungen wird. Heute wird in den meisten Fällen aber eher eine Christmesse gehalten. Sie vereint die kurze Mette – also das alleinige Gebet – mit der klassischen Messe mit Wortteil und Eucharistie.

Die Christmette oder -messe beginnt traditionell um Mitternacht, in vielen Gemeinden wird sie heute aber auch schon ein oder zwei Stunden früher gefeiert. Sie ist neben der Osternacht eine der beiden höchsten christlichen Feiern.

Krippenspiel in der Kirche: Tradition in vielen Heiligabend-Gottesdiensten, auch in Sattenhausen und Mackenrode. Foto: Kamper Quelle: Kamper

In vielen Familien gehört der Besuch eines Gottesdienstes am Heiligen Abend zum gewohnten Ritual. In fast allen Gemeinden gibt es bereits am Nachmittag oder frühen Heiligabend weihnachtliche Gottesdienste oder Kinderchristmetten. Diese sind allerdings keine Christmetten, sondern Christvespern oder Abendmessen, wenn sie eine Eucharistiefeier erhalten.

Häufig wird während der weihnachtlichen Gottesdienste das Krippenspiel aufgeführt – meistens von Kindern. Es stellt die Weihnachtsgeschichte dar und handelt von der Geburt Jesu. Der Überlieferung nach geht das Krippenspiel auf das Jahr 1223 zurück. Damals stellte angeblich Franz von Assisi im Wald von Greccio das das Weihnachtsgeschehen mit lebenden Tieren und Menschen dar. Seitdem sollen die Franziskaner diese Darstellungsform gefördert haben, die sich auch nach der Reformation hielt.

Von Ulrich Schubert

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