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Göttingen Gewaltopfer Christoph Rickels spricht vor Schülern
Die Region Göttingen Gewaltopfer Christoph Rickels spricht vor Schülern
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14:00 09.11.2018
Eins, zwei, drei, kaputt: Christoph Rickels spricht vor Göttinger Schülern. Quelle: Peter Heller
Göttingen

Das Miteinander cool machen, dafür setzt sich Gewaltopfer Rickels mit seiner Initiative „First Togetherness“ ein.

Das Forum in der GSG ist proppe voll. Es ist ruhig in dem großen Raum. Rickels spricht langsam und nicht allzu laut. Trotzdem hat der 31jährige die volle Aufmerksamkeit der Schüler. Er erzählt den Jugendlichen von dem Moment in seinem Leben, der alles veränderte. „Eins, zwei, drei, kaputt“, sagt er. Schnippt einmal mit den Fingern. So schnell ging es.

Rickels, ein sportlicher, musikalischer junger Mann, wollte sich von seinen Freunden verabschieden. Beruflich sollte es für ihn vom Norden der Republik nach Süddeutschland gehen. In einer Discothek spendierte er einer Frau einen Drink. Das passte dem Freund der Frau nicht. Ein Streit entstand, der Typ wollte sich mit Rickels vor der Disco schlagen.

Mich schubst man nicht

„Ich will euch keinen Scheiß erzählen“, sagt Rickels. „Auch ich hab mich oft geboxt.“ Durchtrainiert war er, mehrmals in der Woche im Fitnessstudio. Er habe sich nicht gern was gefallen gelassen. Und der Typ hatte ihn geschubst. „Mich schubst man nicht!“ Rickels ging nach draußen, wo der andere schon auf ihn wartete. Und dann ging eben alles ganz schnell. Rickels war noch gar nicht richtig draußen, da trifft ihn ein Schlag am Kopf. „Und das war unser Problem“, sagt der Norddeutsche. Der andere habe ihn auf die Schläfe geschlagen, er sei wohl sofort bewusstlos gewesen. Er selbst kann sich nicht mehr an den Vorfall erinnern. Alles was er weiß, hat er aus Erzählungen.

„Während des Stürzens habe ich mich wohl gedreht und bin dann frontal auf den Boden aufgeschlagen.“ Wie schnell das Ganze ging, dass zeigt er den Schülern mit dem Video einer Überwachungskamera. Betroffen reagieren die Schüler. Das waren wirklich nur wenige Sekunden und es sieht noch nicht mal furchtbar brutal aus.

Vier Monate im Koma

Von einem Moment auf den anderen, war sein Leben, wie es vorher war, vorbei. Vier Monate lag Rickels im Koma. „Verdammt ich lag im Sterben“, so Rickels. Und warum? „Der Macker wollte zeigen, was für ein toller Hengst er ist. Er hat ja auch nie im Leben damit gerechnet, dass ich so aufschlage.“ Ihm hätte so was ja auch passieren können, schließlich habe er ja anderen auch oft „aufs Maul gehauen“. Es hätte noch schlimmer enden können. „Deshalb lasst euch nicht provozieren. Bitte denkt das nächste Mal in so einer Situation an mich.“

Lasst euch nicht provozieren: Christoph Rickels in der GSG. Quelle: Peter Heller

Rickels spricht jetzt schon gut 50 Minuten vor den Schülern, immer noch ist es auffallend ruhig. Mit seiner Art zu erzählen – Ich rede wie ich das will. Ich bin ja kein Lehrer – kommt er bei den Jugendlichen offensichtlich gut an. Heike Anhalt-Brüggemann, Jahrgangsleiterin an der GSG, begrüßt die Präventionsveranstaltung sehr. Ihre Kollegen und sie setzen sich für ein positives Miteinander ein und haben eine Arbeitsgemeinschaft mit dem Titel „Respekt“ gegründet.

Das Miteinander sollte cool sein

Als er das erste Mal vor einer Klasse über sein Schicksal gesprochen hat, hätte er ganz schön Muffe gehabt, so Rickels. Aber er wolle etwas bewegen. Alle wollten cool sein. Das sei auch der Weg auf dem etwas verändert werden könnte. Cool sollte das Miteinander sein. Cool sollte es sein, auf der Seite eines Schwächeren zu stehen, beispielsweise eines Mobbingopfers, sagt eine Schülerin. Cool man selbst zu bleiben, kommt ein weiterer Vorschlag. „Ignoriert die, die sich nur dumm verhalten.“ Das bringe Veränderung, ist sich Rickels sicher.

Am Vorabend hatte er bei der Verleihung des Göttinger Zivilcouragepreises gesprochen. Er bekomme oft Briefe von Eltern, Lehrern und auch Schülern, dass sein Auftritt sie verändert habe, sagte Rickels im Gespräch mit der Tageblatt-Redakteurin Angela Brünjes. Er wolle eine Welle losschieben, das neue Cool hinkriegen. Dass er die Jugendlichen im Gespräch erreicht, zeigt die Veranstaltung am Freitagmorgen in der GSG. Bleibt zu hoffen, dass die Wirkung bei möglichst vielen nachhaltig ist.

Von Christiane Böhm

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