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Göttingen Das Haus, in dem Hass keinen Zutritt hatte
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16:25 14.06.2018
Olav Brennhovd, Gründer des Nansen-Hauses, war mit seinen Studenten viel in Europa unterwegs, um sich für Völkerverständigung einzusetzen. Damit war er gleichzeitig und indirekt auch ein Botschafter der Stadt Göttingen. Quelle: r
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Göttingen

Während an Nansen das gleichnamige Haus erinnert und 2008 das Gebäude der Stadtbibliothek zum Buergenthal-Haus wurde, ist von Brennhovd nur ein Eck in Nord-Weende geblieben. Dabei hat Brennhovd mit dem Nansen-Haus 1948 ein Zeichen der Völkerverständigung gesetzt, das von Göttingen weltweit ausgestrahlt hat.

Nach dem Auszug des Goethe-Instituts aus dem Nansen-Haus an der Merkelstraße stellt sich derzeit eine Frage, die Göttingen vor genau 70 Jahren schon einmal intensiv beschäftigt hat: Was wird aus der ehemaligen Levinschen Villa? Heute jedoch mit ganz anderem Vorzeichen. Während das Gebäude zum Kriegsende die letzte Nazi-Zentrale der Stadt beherbergt hatte, geht es heute darum, was man mit dem geistigen Erbe anfängt, welches das Gebäude seit 1948 angesammelt hat.

Erbe mit vielen Namen

Dieses Erbe hat einen Namen: Völkerverständigung und, wenn man sich die Biografien und das Wirken von Brennhovd, Nansen und Buergenthal anschaut, auch Hilfe für die Hilflosen. Alle drei haben das KZ- und Haftregime der Nazis mit Folter, Hunger und Erniedrigung überlebt, doch statt verbittert nach Genugtuung zu suchen, haben sie das Gegenteil getan und sich für den Dialog eingesetzt, der sie in Göttingen zusammenbrachte.

Odd Nansen war der Sohn des norwegischen „Nationalheiligen“ Fridtjof Nansen, Polarforscher, erster Hochkommissar für Flüchtlingsfragen des nach dem Ersten Weltkrieg gegründeten Völkerbunds. Sein Sohn Odd gründete 1936 die Nansenhilfe für Flüchtlinge und Staatenlose und wirkte 1946 bei der Gründung des Kinderhilfswerks der UNO, Unicef, mit.

Norwegen wurde 1940 von den Nazis besetzt, 1942 wurde Odd Nansen verhaftet und schließlich nach Deutschland ins KZ deportiert. Als die rote Armee sich Auschwitz näherte, wurden die Inhaftierten auf Todesmärschen gen Westen getrieben. Auf diesem Marsch war es Odd Nansen, der sich des damals zehnjährigen Thomas Buergenthal annahm. Sein Vater war in Auschwitz vergast worden, die Mutter in ein anderes KZ verschleppt.

1947 haute Buergenthal aus einem polnischen Waisenhaus ab und ging nach Göttingen, weil die Großmutter hier gelebt hatte und weil seine Mutter und er vereinbart hatten, dass sollten sie getrennt werden, sie sich in Göttingen wiedertreffen sollten. Tatsächlich – die Mutter war hier. Hier fand auch Odd Nansen seinen „Tommy“ wieder – und schickte zwei norwegische Soldaten mit einer großen Kiste Lebensmittel und einem Gruß vorbei.

Olav Brennhovd hatte ein ähnliches Schicksal wie Odd Nansen. Auch er war Norweger, geboren 1912, studierte Theologie, teilweise auch in Deutschland. Nach der Besetzung Norwegens wurde er einer der drei führenden Köpfe des Widerstands. Er half vielen Juden, Andersdenkenden, Verfolgten dabei, über die Grenze ins neutrale Schweden zu entkommen – darunter auch der spätere Bundeskanzler Willy Brandt. Brennhovd wurde bei einem dieser Grenzgänge gefasst, dann verhört, gefoltert. Zwölfmal, so schreibt Brennhovd, musste man ihn ohnmächtig aus dem Verhörsaal tragen.

Kühn arbeitet an Biografie

„Der Mann hat einen unwahrscheinlich starken Glauben besessen“, erklärt Helga-Maria Kühn. Sie war von 1974 bis 1996 Leiterin des Göttinger Stadtarchivs und arbeitet derzeit an einer Biografie über Olav Brennhovd.

Nach den Verhören sollte er zum Tode verurteilt werden. „Auf den Vorwurf, er würde die Deutschen hassen, soll Brennhovd geantwortet haben: Ich kann nicht hassen. Ich verehre Deutschland als das Land von Goethe, Schiller und Bach. Aber ich liebe mein Vaterland, so wie Sie Ihres lieben. Meine Liebe muss sich so ausdrücken. Wir wehren uns gegen eine Besatzung, nicht gegen Deutschland. Das hat den Staatsanwalt offenbar sehr beeindruckt“, sagt Kühn. Brennhovd jedenfalls wurde zu acht Jahren Zuchthaus „begnadigt“ und kam nach Brandenburg.

Im dortigen Zuchthaus begann er seine heimlichen Tagebuchaufzeichnungen, indem er die Stichworte in eine Ausgabe des Neuen Testaments hineinkritzelte, die er immer bei sich trug. „Habe heute 16-mal das Fallbeil gehört. 16 Freunde verloren. Jeder Schlag ein toter Mensch. Ich bin fast verrückt geworden“, schrieb Brennhovd. Der 1,90 Meter große Norweger, mit 85 Kilo Gewicht eingeliefert, verließ das Zuchthaus in den letzten Kriegstagen mit 45 Kilo, gerettet wie andere auch vom Schwedischen Roten Kreuz, das ihn nach Schweden brachte.

Zurück in Norwegen hielt es ihn dort nicht lange, seine Ehe zerbrach und er ging als Seelsorger in Gefangenenlager für Deutsche. „Für seine Idee: Ich kann nicht hassen“, beschreibt es Helga-Maria Kühn. Bald wurde er vom Schwedischen Roten Kreuz gebeten, in Deutschland eine nachhaltige Struktur der Verständigung aufzubauen. So kam Brennhovd 1948 nach Göttingen und gründete zusammen mit einigen progressiven Professoren der Universität die Gesellschaft internationaler Studentenfreunde, die Trägerin des späteren Nansen-Hauses.

Die ersten Studenten kamen aus den westlichen Ländern und sie alle packten mit an, um die stark sanierungsbedürftige Levinsche Villa wieder wohnlich zu machen. Bauschutt wurde rausgekarrt, Fenster eingebaut. Brennhovd selbst war weltweit, vorrangig jedoch in den USA unterwegs, um Spenden einzusammeln und den Betrieb des Hauses dadurch aufrechtzuerhalten. Zusätzliche Hilfe kam vom Schwedischen Roten Kreuz und auch die Stadt bezuschusste das Haus. Obwohl es zeitweise ein hartes Unterfangen war – Brennhovd schaffte es, seine Idee am Laufen zu halten.

Hier trafen denn auch Anfang der 50er Jahre Olav Brennhovd, Odd Nansen und der junge Thomas Buergenthal zusammen. „Buergenthal sagte von sich damals: Ich hätte mich am liebsten mit einem Schnellfeuergewehr auf den Balkon gestellt und alle Deutschen abgeschossen. So war er gestimmt“, sagt Helga-Maria Kühn. Doch das Treffen mit Nansen und Brennhovd schien bei ihm einen nachhaltigen Sinneswandel zu bewirken.

Auch Buergenthal machte sich die Idee der anderen beiden zu eigen: Nächstenliebe ist Realpolitik – ein Motto, das Fridtjof Nansen geprägt hatte. Er ging in die USA, wurde Jurist und brachte es bis zum Richter am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag. Brennhovd hielt es auch nur bedingt in Göttingen – er reiste mit seinen Studenten viel, auch durch den Ostblock und erwarb sich dort Anerkennung für seine Arbeit.

Deren Kern blieb jedoch das Nansen-Haus. Hier wollte er Studenten aller Nationen zusammenführen, männlich, weiblich, ohne Berücksichtigung von Hautfarbe oder Konfession; er wollte die geistige Elite wieder aufbauen und gesellschaftspolitische Themen diskutieren lassen.

„Er hat versucht, Brücken zu bauen und Freundschaften zu schaffen“, sagt Helga-Maria Kühn, die diesen offenen Geist des „Versöhnungshauses“ selbst erlebt hat, als sie 1955 im Rahmen einer Historiker-Delegation aus Leipzig für ein paar Tage im Nansen-Haus wohnte. „Ich habe die Person Brennhovd nicht mehr vor Augen, aber wir haben sehr viel diskutiert. Das Nansen-Haus war für mich wie eine Öffnung in eine andere Welt, die für Menschen aus aller Welt offen war.“

1972 war Schluss, Brennhovd ging in den Ruhestand und in die Schweiz, das Goethe-Institut zog in das Nansen-Haus ein. Die Gesellschaft internationaler Studentenfreude löste sich bald danach auf. Ihre Ursprungsidee war Wirklichkeit, die Welt offener, internationaler Austausch selbstverständlicher geworden. Und doch: „Versöhnung und Engagement für Verfolgte. Das kann man nicht hoch genug schätzen, wenn man sieht, wie viel Hass gerade auch heute wieder gegen Flüchtlinge entsteht“, sagt Helga-Maria Kühn.

Die Arbeit an der Brennhovd-Biografie sieht sie als ihren Beitrag gegen das Vergessen. „Dass wir die Aufgabe der drei Männer als Ansporn nehmen, dass sich Göttingen nicht nur freundlich erinnert, sondern es auch als Verpflichtung ansieht. Und damit junge Menschen lernen, dass wir auf zwei Beinen stehen: dem lustigen und dem der Vergangenheit. Wir können nur laufen, wenn wir beide nutzen.“

70 Jahre alt und wie für heute geschrieben – aus dem Gründungsmanifest des Nansen-Hauses

„[...] Ratlos und suchend irren die Menschen, um einen Weg und ein Ziel zu finden. Gemeinschaftsgefühl und der Sinn für die Gemeinschaft fehlen in erschütterndem Maße. […] Ein verheerender Egoismus hat sich entwickelt und das einzige Streben der meisten Studenten scheint darauf gerichtet, sobald wie möglich das Studium abzuschließen, eine feste Stellung zu kriegen und für sich allein Geld zu verdienen. Es wird zu oft vergessen, dass wir Menschen alle miteinander verbunden sind und miteinander leben müssen ohne Rücksicht auf Nationalität [...].

Der Wille zur Verständigung und Zusammenarbeit muss lebendig gemacht werden. […] Die Idee von Fridtjof Nansen, die Völker zusammenzubringen ohne Rücksicht auf Rasse, Nation oder Konfession schwebt uns vor. […] Wir kennen uns selbst nicht mehr und wir reden aneinander vorbei. Wir erleben die Inflation des Wortes, aber das Wort muss wieder das werden, was es einmal war: Leben. [...]“

Tauziehen um ein Haus – 1948

Wie konnte es nur sein, dass die frisch gegründete, ohne Finanzmittel und sichere Finanzierung daherkommende Gesellschaft internationaler Studentenfreunde den Zuschlag der Stadt Göttingen für die damals noch Levinsche Villa, das teuerste Gebäude der Stadt, erhalten hatte? Das war der Tenor eines Zeitungsartikels aus dem Jahr 1948, in welchem der Autor unter der Überschrift „Tauziehen um ein Haus“ seiner Verwunderung Ausdruck verlieh, dass die viel finanzkräftigere Filmaufbau das Nachsehen hatte.

„Die Überwindung des so unsagbar gefährlichen Nationalismus“ und das Ziel der Völkerversöhnung, derer sich die Studentenfreunde verschrieben hätten, sei ja durchaus löblich, aber es gäbe doch kein – in heutigen Worten – tragfähiges Finanzierungskonzept, nur Versprechungen, dass das alles mit Spenden schon irgendwie werden würde. Dem gegenüber sei die Filmaufbau ein echter und so dringend benötigter Wirtschaftsfaktor, der ja schließlich auch im Kulturbereich tätig sei. Für die Studentenfreude ließe sich doch auch etwas Kleineres finden.

Diskussionen und Argumente, die einem heute noch sehr vertraut sind. 70 Jahre sind seitdem vergangen, das Nansen-Haus konnte seine finanzielle Überlebensfähigkeit beweisen – auch und vor allem dank der Tatkraft seines mutigen Gründers, Olav Brennhovd.

Von Sven Grünewald

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