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Göttingen In der Baptistenkirche entstehen Kino, Café und Wohnungen
Die Region Göttingen In der Baptistenkirche entstehen Kino, Café und Wohnungen
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00:20 09.11.2018
Mit Leidenschaft bei der Sache: Investor und Bauleiter Gerhard Rocznik präsentiert seine Pläne für die alte Baptistenkirche. Quelle: Fotos: Hinzmann
Göttingen

Das Gebäude der ehemaligen Baptistenkirche an der Bürgerstraße in Göttingen ist entkernt, nur noch der blanke Backstein und die Holzstreben der Decke sind übrig. Die frischen Betonböden müssen erst noch trocknen. Am Freitag haben die Bauarbeiten begonnen, in etwa einem Jahr sollen hier Filme zu sehen sein und Gäste ein Bistro besuchen können. „Ich bin optimistisch, dass wir bis dahin fertig sein werden“, sagt Gerhard Rocznik, Investor und Bauleiter.

Der Kinosaal soll Platz für 110 Besucher bieten

Rocznik erwarb die Baptistenkirche im Februar dieses Jahres. Sein Plan sieht vor, im Erdgeschoss ein Kino und ein Café, in den darüberliegenden Stockwerke Studentenwohnungen einzurichten. Dazu soll auf der Rückseite des Gebäudes ein 200 Quadratmeter großer Anbau errichtet werden. Das Kino werde auf der zur Straße gewandten Seite der ehemaligen Kirche eingerichtet, erklärte Rocznik. Dafür solle auch die historische Empore erhalten bleiben. Der Kinosaal solle Platz für 110 Besucher bieten. Das Café werde sich zum Teil im alten Gebäude, zum Teil im Anbau befinden. Nach der Fertigstellung hat die alte Eingangstür der Kirche keine Funktion mehr. Stattdessen sollen Gäste des Kinos und des Cafés einen seitlichen Eingang benutzen können. Aus Gründen des Brand- und Lärmschutzes würden das Wohngebäude und der gewerbliche Bereich vollständig voneinander getrennt, sagte Rocznik. Die Wohnungen würden auch einen eigenen Zugang zum Haus erhalten. Der kleine Turm soll durch einen Kran abgenommen, saniert und danach wieder auf das Gebäude gesetzt werden.

Die Bauarbeiten an der ehemaligen Baptistenkirche sind im vollen Gange. Quelle: Christina Hinzmann

25 Jahre im Baugeschäft aus Leidenschaft

Das Projekt sei anspruchsvoll und nicht lukrativ, aber er habe das Gebäude nicht gekauft, um damit Geld zu verdienen, so Rocznik. Die Idee für das Projekt stamme von Matthias Sonnenburg, dem Vorsitzenden des Vereins „Filmkunstfreunde“. Bereits seit einigen Jahren sucht der Verein einen geeigneten Standort in Göttingen für ein neues Kino. Das „Lumière“ erreiche oft seine Kapazitätsgrenze und könne gar nicht alle Filme in dem Umfang zeigen, wie es vom Publikum gewünscht wäre, sagte Martina Görlitz, Mitglied im Organisationsteam der „Filmkunstfreunde“. Der Bedarf für einen weiteren Kinosaal bestehe also. Auch wenn das neue Kino administrativ vom Lumière getrennt sein werde, sei die gleiche inhaltliche Ausrichtung geplant. Anfangs sei er skeptisch gewesen, doch Sonnenburg habe ihn von dem Projekt überzeugen können, so der Investor. Außerdem habe die Herausforderung sein Interesse geweckt.

Ansicht des ehemaligen Kirchenraums, der zu einem Kinosaal werden soll. Quelle: Niklas Richter

Rocznik stammt aus Renshausen und ist seit 25 Jahren im Baugeschäft tätig. Er begann im Anlagen- und Lüftungsbau, später hat er mit seiner Firma „Rocznik Anlagenbau“ Häuser gekauft, diese saniert und wieder verkauft. Dabei habe er seinen Beruf immer mit Leidenschaft ausgeübt: „Im Urlaub auf Städtereisen habe ich mich für Bauprojekte inspirieren lassen“, so Rocznik. Auch die Planung seiner Bauten habe ihn immer begeistern können. „Den Umbau eines Gebäudes zu planen und durchzuführen macht mir einfach Spaß“, sagte Rocznik. Er gehe gerne auf seine Baustellen und schaue sich den Fortschritt seiner Projekte an. Wer sein Hobby zum Beruf gemacht habe, hätte immer Urlaub, findet Rocznik. Den Erfolg seiner Firma verdanke er aber auch seiner Frau: „Wir vermieten 260 Wohnungen – ohne meine Frau Petra könnte ich das nicht organisieren“, erzählte Rocznik.

Eröffnung im Spätherbst 2019

Für das geplante Programmkino benötigen die „Filmkunstfreunde“ noch Möblierung, Projektoren, Tonanlagen und weitere Ausstattung. Die Planungen seien noch nicht abgeschlossen, jedoch würden sich die Kosten auf etwa 200 000 Euro belaufen. Ein Teil des Betrags könne durch Fördermittel gedeckt werden, jedoch sind die „Filmkunstfreunde“ auf Spenden angewiesen, sagte Görlitz. Die Eröffnung des Kinos sei für den Spätherbst 2019 vorgesehen. Der Optimismus bezüglich des straffen Zeitplans verdankt der Bauleiter seinem Firmennetzwerk. „Wir sind ein verlässlicher Partner. Deswegen konnten wir relativ schnell Unternehmen finden, die sich um den Rohbau, das Dach und die Heizung ­sowie um die Sanitäranlagen kümmern“, betonte Rocznik. Im Februar sollen die Rohbauten abgeschlossen sein.

Spenden für die Kinoausstattung können auf folgendes Konto eingezahlt werden: Film- und Kinoinitiative e.V. / IBAN: DE04 2605 0001 0056 0721 19 bei der Sparkasse Göttingen.

Baptistenkirche im Jahr 1902 erbaut

Im Jahr 1902 ist die Baptistenkirche erbaut worden. Die Grundsteinlegung erfolgte am 5. September, 1906 wurde die Kapelle eröffnet. 425 Personen fanden darin Platz. 1984 zogen die Göttinger Baptisten um in ihr neues Gemeindezentrum auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Die alte Kirche ging in den Besitz der Stadt über – im Tausch für das Grundstück. Einige Jahre war das Jugendzentrum in der maroden Kirche untergebracht. Viele Jahre bemühten sich die Filmkunstfreunde darum, das Gebäude zu übernehmen und als Programmkino herrichten zu können. Im September 2017 beschloss der Rat der Stadt Göttingen den Verkauf an den jetzigen Investor.

Hartnäckigkeit zahlt sich aus

Der Verein Filmkunstfreunde Göttingen hat sich 2010 mit dem Ziel gegründet, in Göttingen ein neues Programmkino zu etablieren. Damit soll die Lücke, die seit der Schließung von Cinema, Stern und Sternchen in der Göttinger Kinolandschaft besteht, geschlossen werden.

„Ausgeguckt“ für ihre Unternehmungen hatten sich die Filmkunstfreunde die Baptistenkirche an der Bürgerstraße. Mit einem Investor und einem Kinobetreiber sollte dort ein Kino entstehen. 

Die Wünsche schienen in Erfüllung zu gehen, doch der Investor, der gefunden worden war und die Kirche von der Stadt erwerben wollte, starb zu Beginn des Jahres 2016. Zu diesem Zeitpunkt stand der Vertragsabschluss kurz bevor. „Es hat lange gedauert, bis wir uns von diesem Schlag erholt hatten“, sagte der Vereinsvorsitzende der Filmkunstfreunde, Matthias Sonnenburg, damals.

Die ehemalige Baptistenkirche an der Bürgerstraße soll ein Kino und Veranstaltungshaus werden. Quelle: Christina Hinzmann

Die Suche ging weiter und endete mit einem Happy End. Dabei kam Sonnenburg ein Zufall zur Hilfe, denn er kannte den neuen Investor, Gerhard Rocznik, bereits aus früheren Zeiten. Als dann auch noch positive Signale aus der Stadtverwaltung kamen, war das Ziel zum Greifen nah.

Vereinzelte weitere Kaufanfragen

Es habe vereinzelte weitere Kaufanfragen gegeben. Diese seien aber nicht weiter verfolgt worden, „da ein Ratsbeschluss aus dem Jahr 2014 die Verhandlungsaufnahme und -fortführung über das Objekt mit den Filmkunstfreunden Göttingen vorsieht“, sagte damals die Sprecherin der Stadtverwaltung, Stefanie Ahlborn.

Im Februar 2018 stand der Deal, die Stadt verkaufte Gebäude inklusive Grundstück an Investor Gerhard Rocznik. Der Rat der Stadt hatte den Verkauf im September 2017 beschlossen. Rocznik wird den Kinobereich an das Lumière als Betreiber verpachten.

Geplant ist darüber hinaus ein Bistro im Kinobereich und Studentenwohnungen im Obergeschoss. Parallel wollen Förderverein und das Göttinger Programmkino Lumière die Inneneinrichtung und Kino-Technik besorgen und installieren. Zur Schließung der noch bestehenden Finanzierungslücke sind die Filmkunstfreunde auf Spenden und die Unterstützung durch Sponsoren angewiesen.

Von Max Brasch

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