Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Göttingen Ein Jahr nach dem Organskandal - Was hat sich geändert?
Die Region Göttingen Ein Jahr nach dem Organskandal - Was hat sich geändert?
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:17 10.04.2013
Martin Siess im Interview: Wie der Transplantations-Skandal die Universitätsmedizin verändert hat. Quelle: CH
Anzeige
Göttingen

Noch laufen die strafrechtlichen Ermittlungen. Was die Aufdeckung des Transplantationsskandals an der UMG verändert hat, erklärt Dr. Martin Siess, Vorstand Krankenversorgung der UMG.

Tageblatt: Es hat viele Verdächtigungen und Befragungen der Mitarbeiter gegeben. Hat sich das Klima in den chirurgischen Abteilungen dadurch verändert?

Die Vorgänge um die Transplantationschirurgie haben natürlich die Stimmung beeinflusst. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter waren betroffen und erschrocken, als sie von den Vorgängen in der Lebertransplantationschirurgie erfahren haben. Der Schock darüber war massiv. Wir haben als Vorstand der UMG nach Kenntnisnahme der Vorwürfe sofort reagiert, den damaligen Leiter abgelöst und einen neuen Leiter für die Transplantationschirurgie eingesetzt, der von außen gekommen ist. Er hat sich nach und nach ein neues Team aufgebaut.

Unser Eindruck ist: Jeder und jede in der Abteilung ist seitdem im höchsten Maße engagiert, die Standards und Regeln bei der Lebertransplantation genauestens einzuhalten. Die Transplantationschirurgie ist mit dem Wechsel des leitenden Chirurgen fest in die Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie integriert worden und damit in transparente Strukturen und Abläufe eingebunden. Als Vorstand fördern wir diese Transparenz und Offenheit. Wir finden dabei auch die Unterstützung des neuen Teams, das sich genauestens an den festgelegten Abläufen orientiert.

Haben Sie durch neue Regeln auf mehr Offenheit oder mehr Courage der Mitarbeiter bei unterschiedlicher medizinischer Bewertung hinwirken können?

Der neue Leiter der Transplantationschirurgie hat bei seinem Dienstantritt alle bis dahin bereits veränderten Abläufe nochmals auf die notwendige Transparenz hin geprüft. So wurden die Schulungen und Fortbildungen zur Transplantationsmedizin allgemein in die chirurgische Klinik hinein geöffnet und für ärztliches und pflegerisches Personal gleichermaßen umgesetzt. Wir merken schon, dass das entschlossene Vorgehen des Vorstands, rasch die verantwortlichen und leitenden Ärzte von ihren Aufgaben zu entbinden, ein positives Signal ins Haus war. Die Mitarbeiter haben gespürt, dass auch vor den Chefs nicht Halt gemacht wird.

Gibt es denn für Mitarbeiter, die etwa das Handeln eines Chefarztes fragwürdig finden, die Möglichkeit, sich anonym an eine Art Vertrauensmann zu wenden?

Wir haben bei Mitarbeiterversammlungen die Beschäftigten ausdrücklich dazu ermutigt, sich gegebenenfalls auch anonym an den Vorstand zu wenden, wenn sie auf Vorfälle in der Vergangenheit aufmerksam machen wollen. Wir haben die Beschäftigten zudem darauf hingewiesen, dass es an der UMG bereits seit April 2006 das sogenannte Critical Incident Reporting System MOPAS (More Patient Safety - „Für mehr Patientensicherheit“) gibt. Hier können Ereignisse, die als eine Ursache für mögliche Fehler eingeschätzt werden, von jedem Computer aus anonym berichtet werden. Dieser Zugang steht für Hinweise rund um die Uhr bereit. Den Angaben dort gehen wir nach.

Wird davon Gebrauch gemacht?

Ja, das System wird im Alltag gelebt. Es hat sich als Instrument für das Erkennen möglicher Fehlerquellen bewährt. Für anonyme Hinweise auf bewusstes ärztliches oder pflegerisches Fehlverhalten oder gar Täuschungen wurde es bislang noch nicht genutzt.

Wie hat sich nach dem Skandal die Transplantationschirurgie an der Göttinger Klinik entwickelt?

Mit dem Neuaufbau des Teams in der Lebertransplantation konnten wir die Situation stabilisieren. Im Jahr 2012 hat es nach dem 1. April 15 Lebertransplantationen gegeben. Im Vergleich dazu: Im Jahr 2011 waren es 33. Die Warteliste auf eine Lebertransplantation wurde durch den neuen Leiter nach den Richtlinien der Bundesärztekammer einer strengen Indikationsstellung unterworfen. Zurzeit befinden sich 42 Patienten auf der Warteliste.

Und wie ist, wenn man das lokal beurteilen kann, die Bereitschaft zur Organspende?

Das kann man lokal nicht in Zahlen messen. In der Universitätsmedizin engagiert sich unser Transplantationskoordinator noch stärker in der Werbung für die Bereitschaft zur Organspende. So hatten wir bei der Nacht des Wissens im November eine rege Nachfrage nach Organspendeausweisen. Bei den Besuchern herrschte der Tenor vor: „Jetzt erst Recht.“ Aktuell berichten Medien von einer Zunahme des Bekenntnisses zur Organspende durch das neue Vorgehen, bei dem Versicherte von ihren Krankenkassen persönlich und individuell angeschrieben werden, um sie zum Ausfüllen eines Organspendeausweises zu ermutigen. Diese Erfahrungen, so wie sie die Techniker Krankenkasse berichtet hat, finden wir ermutigend.

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Mehr zum Thema

Der 45 Jahre alte Medizinprofessor und Transplantations-Spezialist Aiman O. bleibt in Haft. Das hat das Oberlandesgericht (OLG) Braunschweig am Mittwochnachmittag entschieden.

23.03.2013

Es gibt Tage im Leben eines Journalisten, die bleiben unvergesslich. Hinweise auf Unregelmäßigkeiten oder Ungerechtigkeiten erreichen die Lokalredaktion des Tageblatts oft – dafür einmal ein dickes Danke an unsere Leser, bitte mehr davon! Fast immer gehen wir diesen Hinweisen nach. Manchmal hilft schon ein Anruf von der Zeitung, manchmal gibt es eine Geschichte, manches löst sich von selbst auf, manches ist auch Spinnerei.

15.03.2013

Das Göttinger Tageblatt erhält einen der renommiertesten deutschen Journalistenpreise – den Wächterpreis der deutschen Tagespresse. Gemeinsam mit der Süddeutschen Zeitung und der Taz erhält die Regionalzeitung die Auszeichnung für Aufdeckung und Berichterstattung über den Organskandal.

13.03.2013
Anzeige