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Göttingen Ein Plan für die Göttinger Unimedizin 2020
Die Region Göttingen Ein Plan für die Göttinger Unimedizin 2020
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22:13 22.03.2018
„An der Universitätsmedizin in Göttingen sind Forschung, Lehre und Krankenversorgung über das Integrationsmodell eng verknüpft“, sagt UMG-Vorstandssprecher Prof. Heyo K. Kroemer. Quelle: Christina Hinzmann
Göttingen

Die Universitätsmedizin Göttingen ( UMG) ist einer der größten Arbeitgeber in der Region und in Medizinangelegenheiten der einzige Maximalversorger in Südniedersachsen im Umkreis von 80 Kilometern. Im Gespräch mit Uwe Graells und Christoph Oppermann erklärt UMG-Vorstandssprecher Prof. Heyo K. Kroemer, welche Aufgaben auf die UMG zukommen mit Blick auf demografischen Wandel, die Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Wirtschaft und den geplanten Neubau der Göttinger Universitätsmedizin.

Durch die Veröffentlichungen im Tageblatt ist der Eindruck entstanden: 1,1 Milliarden Euro, und los geht’s. Wie sieht es aus?

Die UMG hat eine substantielle Generalentwicklungsplanung für einen universitären Medizincampus vorgelegt. Das Land Niedersachsen hat für die Krankenversorgung der UMG etwa 1,1 Milliarden Euro vorgesehen und aus seinem vom Landtag verabschiedeten Sondervermögen bereits 300 Millionen Euro bereitgestellt, weitere 150 Millionen Euro sind zugesagt. Mit diesen Mitteln können die ersten Stufen der Masterplanung angegangen werden. Zudem steht der Bauabschnitt 1A, der Neubau des Bettenhauses, unmittelbar bevor, die Vorbereitungen mit der Baugrube vor dem Universitätsklinikum sind ja gut zu sehen.

In unserer Generalentwicklungsplanung haben wir einen moderaten Flächenzuwachs und Bettenaufbau geplant. In dem neuen Gebäude werden die Funktionsabläufe viel moderner und funktionaler ausgerichtet sein. Der wesentliche Teil des errechneten Flächenzuwachses entsteht dadurch, dass wir mit unseren Planungen die heute gültigen Vorgaben und Standards erfüllen können.

Wenn Sie jetzt zehn Jahre zurückgehen und mit denselben Planern hier am Tisch sitzen würden, dann hätten die Ihnen gesagt, die Medizin wird sich drastisch ambulantisieren, und in zehn Jahren brauchen wir nur noch die Hälfte der Betten. Das war die frühere Planung der UMG: Sie braucht nicht mehr 1500, sondern nur noch 800 Betten. Diese Vorhersage des Rückgangs der stationären Patientenzahlen ist nicht eingetreten, sondern das ganz genaue Gegenteil: heute versorgt die UMG 50 Prozent mehr stationäre Patienten als vor zehn Jahren! Deswegen bin ich immer sehr vorsichtig, definitiv zu sagen, wie das am Ende ausgehen wird.

Das heißt: Das komplette Projekt „Neubau UMG“ ist auf Landesweite in trockenen Tüchern? Oder gibt es noch Unwägbarkeiten?

Der Bauabschnitt 1A, der Neubau des Bettenhauses, ist bewilligt, die Bagger rollen bereits auf dem UMG-Gelände, um das Baufeld vorzubereiten. Wir möchten parallel zur Ausschreibung des Abschnittes 1A die Planung für den Bauabschnitt 1B, den Neubau des OP-Traktes, ausschreiben. Dieses Verfahren würde uns zwei Jahre sparen und darüber verhandeln wir intensiv mit dem Land. Zu der gesamten Masterplanung UMG bis zum Jahr 2035 hat die UMG dem Wissenschaftsministerium im September 2017 einen Vorschlag vorgelegt. Der Wissenschaftsminister Thümler und der Wissenschaftliche Beirat Universitätsmedizin Niedersachsen haben die UMG-Planungen als Ganzes sehr positiv bewertet.

Mehr über den Umbau und Neubau unter folgenden Links:

Es ist das größte Bauprojekt Südniedersachsens

UMG-Neubau: Minister gibt Startschuss

Wo liegen die Herausforderungen an die Universitätsmedizin Göttingen?

An der Universitätsmedizin in Göttingen sind Forschung, Lehre und Krankenversorgung über das Integrationsmodell eng verknüpft. Das ist eine besondere Situation. Einmalig ist zudem, dass das Konstrukt „Universitätsmedizin“ als Organisationsmodell die einzige Schnittstelle ist zwischen Wissenschaft und Wirtschaft im Sinne eines großen Unternehmens, das mit Marktgesetzen umzugehen hat. Hier treffen privatwirtschaftliche Elemente und wettbewerbliche Versorgung im Krankenhausbereich auf die originären Entscheidungsstrukturen des öffentlichen Dienstes. Das ist eine Schnittfläche, die es sonst in Deutschland nicht gibt, und die deshalb auch im politischen Raum immer wieder Unsicherheiten produziert, weil dazu keine Vergleichsszenarien vorhanden sind.

Was bedeutet das konkret?

Dieses ungewöhnliche Konstrukt „Universitätsmedizin“ steht vor mehreren gesellschaftlichen Aufgaben. Zum einen wird sich die Altersstruktur in der Bevölkerung weiter massiv verschieben. Ich bin erstaunt, wie ruhig die Bundesrepublik bei diesem Thema ist. Es beginnt jetzt die letzte Legislaturperiode vor Eintreten des demografischen Wandels. In fünf Jahren gehen die ersten großen Kohorten von Pflegerinnen und Pflegern in den Ruhestand. Wir haben kaum eine Chance, diese Personalabgänge quantitativ auch nur ansatzweise ersetzen zu können, weil ein Drittel der Beschäftigten, die wir später als Uniklinikum benötigen, gar nicht vorhanden sind. 1975 gibt es nur noch 66 Prozent der Geburten im Vergleich zu 1960. Gleichzeitig wird mit den älter werdenden Jahrgängen natürlich auch das krankwerdende Klientel größer, und damit werden sich die, im positiven Sinne, Ansprüche als Grundlage unseres Gesamtauftrages auch noch verstärken. Das heißt, Sie haben auf der Seite der Leistungserbringung ein Problem und Sie haben auch ein quantitatives Problem in der Personalrekrutierung über mehrere Jahre hinweg.

Der zweite Punkt ist der unvorstellbar große medizinische Fortschritt. Was wir heute in der UMG machen, war ja vor zehn, 15 Jahren undenkbar: Sie können inzwischen eine neue Herzklappe über die Leiste einsetzen und die Leute können am nächsten Tag wieder die Klinik verlassen, Sie können roboterassistierte Operationen durchführen und Sie können jemanden einen künstlichen, „denkenden“ Arm als Prothese anoperieren. Solche Fortschritte gibt es in fast jedem Fachgebiet.

Der dritte Punkt resultiert unmittelbar aus diesen dramatischen Entwicklungen. Es ist die Frage nach deren Finanzierbarkeit. Die Jüngeren finanzieren über ihre Beiträge Ruhestand und Krankenversorgung der Älteren. Aber die Zahl der im Arbeitsleben stehenden jüngeren Bevölkerung nimmt ab, die Zahl der älter werdenden Menschen dagegen nimmt zu. Darauf fußen viele gesellschaftliche Probleme, die außerhalb des Gesundheitssystems gelöst werden müssen.

Im Moment kann jeder in Deutschland medizinisch alles kriegen, zu jedem Zeitpunkt und unabhängig vom Preis. Das wird so nicht zu halten sein. Die weitere, nahezu revolutionäre Änderung ist die Dynamik bei der Entwicklung der digitalen Möglichkeiten. Das sind einmal die Smartphones als Träger und Vermittler individueller, digitaler Informationen. Wenn Sie zudem noch eine iWatch besitzen, werden ständig Gesundheitsdaten aufgezeichnet. Diese können in einer vernünftigen Art und Weise ausgearbeitet und bewertet werden. Sie können daraus therapeutische Schlüsse ziehen. Dass Arzt und Patient für eine Diagnostik noch an einem Tisch sitzen müssen, das wird sich verändern oder sogar gar nicht mehr notwendig sein können. Denn die Person, die Ihre gesundheitlichen Daten über digitale Kanäle bewertet, die kann überall sitzen. Das hat massive Konsequenzen: Es ist das erste Mal, dass aus einem klar umgrenzten System, nämlich dem Solidarsystem der Bundesrepublik Deutschland, erhebliche Finanzmittel für Dienstleistungen im Gesundheitssektor an dritte, auch ausländische Anbieter fließen können.

Welche Schlüsse ziehen Sie daraus für die Unimedizin in Göttingen?

An der UMG haben wir ein Strategiepapier erstellt. Darin haben wir vor einiger Zeit für einen überschaubaren Zeitraum, nämlich bis zum Jahr 2020, zusammengefasst, was wir an der UMG machen wollen. Dem ganzen Strategieprozess haben wir den Titel „Universitätsmedizin an Grenzen“ gegeben. In dem Papier stehen 12 Punkte, die umgesetzt werden müssen, wenn wir mit diesen äußeren Rahmenbedingungen in Zukunft erfolgreich umgehen und mithalten wollen. Dazu kommen noch weitere Herausforderungen, wie etwa ein verschärfter Wettbewerb in der Wissenschaft. Ein elementares, strategisches Entwicklungsziel liegt im Bereich der Informationstechnologien. Da hat die UMG dringenden Handlungsbedarf. Ende März werden wir den Erwerb eines neuen Krankenhausinformationssystems ausschreiben. Dafür haben wir die notwendigen Mittel vom Land Niedersachsen bekommen. Wir werden im Laufe dieses Jahres entscheiden, welches Krankhausinformationssystem die UMG bekommen wird, sodass die UMG in den nächsten Jahren die notwendige Transformation inein digitales Krankenhaus vollziehen kann. Aber wir müssen uns schon jetzt für die Digitalisierung, die alltägliche Nutzung der Smart-Phones, aufstellen. Das heißt, wir müssen Verbindungen schaffen zu den Patienten, die an die UMG kommen und die wir eben auch dann begleiten wollen, wenn sie nicht mehr bei uns an der UMG sind.

Theoretisch könnten Sie sich eine komplett digitale Verwaltung vorstellen, sodass viele Prozesse, die heute händisch ablaufen, künftig digital abgewickelt werden können. Jetzt liegt aber eine große Studie aus den amerikanischen Universitätsmedizinen, die monetär orientiert sind, vor. Das sind große, voll digitalisierte Konzerne, die erleben gerade massive Gewinneinbrüche. Da stellt sich die Frage: Woher kommt das? Die Produktivität pro Arzt ist durch die Digitalisierung gesunken, weil die Mediziner einen großen Teil ihrer Zeit der Eingabe von Informationen in den Computer widmen müssen und sich nicht mehr vollständig um ihre Patienten kümmern können.

Im Bereich der Pflege haben wir große personelle Veränderungen. Wir haben 2000 Mitarbeiter in diesem Bereich. Wenn dort etwas nicht funktioniert, dann bekommen Sie in einem Universitätsklinikum ein großes Problem. Das ist einer der wichtigsten Hebel in der UMG. Frau Helle Dokken, die als neue Pflegeleiterin kommt, ist Norwegerin, ein Land, in dem 100 Prozent aller Pflegekräfte akademisiert sind. Zu den Schlüssen, die wir daraus ziehen, zählt der Gesundheitscampus Göttingen. Er soll dazu dienen, dass Leute, die hier lange in der Pflege tätig sind, auch noch berufsbegleitend studieren können – wenn sie noch einmal etwas anderes machen wollen.

Wie bewerten Sie die sieben Teile des Koalitionsvertrages zum Thema Pflege?

Im Koalitionsvertrag stehen einige Punkte, die für die Universitätsmedizin interessant sind. Der Problematik des Fachkräftemangels in der Pflege werden die Koalitionsvereinbarungen meines Erachtens nicht gerecht. Da müssen drei Voraussetzungen geschaffen werden: Es geht um die Frage der Qualifizierung, dann um die Frage des zukünftigen Berufsbildes und letztlich noch um die monetäre Seite. Nur: Selbst wenn Sie diese drei Fragestellungen angehen, wird man das Problem allenfalls ein wenig abmildern und verbessern, aber trotzdem nicht lösen können. Damit sind wir bei den drei Bestandteilen, die für die Universitätsmedizin notwendig sind. Sie brauchen erstens gute Leute. Auf dem Level der Direktorenstellen glaube ich, ist die UMG recht attraktiv. Da haben wir bei unseren Neuberufungen, mit nur einer Ausnahme, alle Erstplatzierten bekommen. Das ist ein ziemlich ungewöhnlicher Rekord. Dann brauchen sie ein anständiges Equipment, das ist in Teilen an der UMG vorhanden, in Teilen ist es veraltet. Der dritte Teil, der unabdingbar ist und an dem sich unsere Zukunft entscheidet, sind vernünftige Gebäudestrukturen. Wir haben eine Studie erstellt, in der genau berechnet ist, wie viele Fälle es eigentlich in zehn Jahren in der Region geben könnte. Wie viele Menschen hier wohnen werden, kann man ziemlich genau vorhersagen. Dann gibt es auch eine Prognose, was die Menschen für Krankheiten haben werden und wie viele davon mit hoher Wahrscheinlichkeit zur UMG kommen werden. Da haben wir eine ganz genaue Vorstellung, wie sich das entwickelt und das müssen wir jetzt in vernünftiger Art und Weise planen und umsetzen.

Wie sieht Ihre Perspektive auf die Zukunft der UMG aus?

Was passiert hier bei uns hier in zehn, 15 Jahren? Ich würde heute davon ausgehen, dass wir an einer Einrichtung, wie der UMG, einen moderaten Aufbau an Personal haben werden. Die werden ihre Aufgaben möglicherweise anders konfiguriert ausüben, als das heute der Fall ist. Wenn Sie sich überlegen, dass Pflegekräfte in Zukunft Aufgaben übernehmen können, die bisher den Ärzten vorbehalten sind, haben die Ärzte mehr Freiraum für die immer anspruchsvoller werdende Behandlung schwerkranker Patienten. Dann wird es Berufsfelder geben, die wir versuchen, auf dem Gesundheitscampus Göttingen neu aufzubauen. Aus meiner Sicht brauchen wir an einer Universitätsmedizin wie die UMG künftig Personal, das die Patienten durch das Gesundheitssystem begleitet, etwa wie Lotsen. Dafür ist der nächste Studiengang zum Versorgungsmanagement gedacht, den wir auf dem Gesundheitscampus Göttingen anbieten werden. Es gibt Vorhersagen, dass es in zehn Jahren keine konventionellen Radiologen mehr gibt. Diese Bilder können auch von Rechnern mit hoher Verlässlichkeit ausgewertet werden. Und es kann sein, dass wir vielleicht andere Fächer haben werden, die sich erst jetzt entwickeln. Vieles, was Sie technisch an einem Uniklinikum machen können, kann Ihnen ein großes Versorgungskrankenhaus, wenn es privat betrieben ist, relativ schnell nachmachen. Was diese Anbieter nicht gut hinbekommen, sind Aufgaben, die an Grenzflächen verlaufen, beispielsweise, dass Patienten nicht nur eine Erkrankung haben. Wenn Sie eine Unterfunktion des Herzens, eine Herzinsuffizienz, haben, dann haben Sie ein ganz hohes Risiko, auch eine kognitive Einschränkung zu bekommen. Das heißt, wir verstehen, dass Herz- und Hirnerkrankungen stark voneinander abhängen können. Deswegen haben wir das Heart & Brain Center nach Göttingen geholt und versuchen jetzt, mit den Kardiologen und Neurologen eine Schnittstelle zu bilden. Dabei könnte ein neuer Typ Arzt entstehen, der sowohl etwas von Herzkrankheiten als auch von Hirnerkrankungen versteht. An diesem Punkt ist eine Universitätsklinik wie die UMG weit vorne. Diese Wechselwirkungen werden, davon bin ich überzeugt, in einer alternden Bevölkerung eine viel größere Rolle spielen. Und wir haben in einem 80 Kilometer Umkreis, außer dem Klinikum Kassel, keinen weiteren Maximalversorger. Es gibt nur die UMG.

So erreichen Sie die Autoren:

Uwe Graells

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Christoph Oppermann

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Von Uwe Graells und Christoph Oppermann

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