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Göttingen Notprogramm zur medizinischen Versorgung
Die Region Göttingen Notprogramm zur medizinischen Versorgung
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00:22 06.12.2018
Ankunft der ersten Boat People in Friedland am 3. Dezember 1978. Quelle: Karlheinz Otto
Göttingen/Friedland

Viele der Flüchtlinge waren chinesischer Abstammung“, erinnert sich Hilmar Burchardi, der damals mit der medizinischen Betreuung der Menschen im Lager Friedland beauftragt worden war. „Sie flohen jetzt vor der Diskriminierung.“

Im Jahr 1978, drei Jahre nach dem offiziellen Ende des Vietnamkrieges, zeigten Fernsehen und Zeitungen Fotos, die heute an die Bilder aus dem Mittelmeer der vergangenen Jahre erinnern: extrem überfüllte, sinkende Boote mit Flüchtlingen, hilflose Kinder, verzweifelte Eltern. „Die Flucht war extrem risikoreich“, sagt Burchardi, damals am Zentrum für Anaesthesiologie, Rettungs- und Intensivmedizin des Uni-Klinikums. „Viele Flüchtlinge ertranken oder wurden von Piraten aufgebracht und ermordet.“ Fast eine Viertelmillion Menschen soll damals ums Leben gekommen sein.

Völlig überfüllter Frachter

Medienberichte über das völlig überfüllte Frachtschiff „Hai Hong“, auf dem etwa 2500 Menschen festsaßen, brachten unter anderem den damaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht (CDU) dazu, Flüchtlinge aufzunehmen. Albrecht sorgte dafür, dass 1000 dieser „Boat People“ in die Bundesrepublik eingeflogen wurden. Später erklärten sich auch andere Bundesländer bereit, weitere Flüchtlinge aus Südostasien aufzunehmen.

Am Morgen des 25. November 1978 erhielt Burchardi im Flur des Operationsbereiches des Uni-Klinikums Göttingen einen Anruf: Die 1000 Flüchtlinge würden in den nächsten Tagen nach Deutschland geflogen und nach Friedland gebracht. Die medizinische Versorgung werde im Göttinger Uni-Klinikum stattfinden, und Burchardi habe die Versorgung der Menschen zu leiten.

Schwerwiegender Auftrag

„Es war schon etwas ungewöhnlich, einen solch schwerwiegenden Auftrag morgens früh unvorbereitet zu erhalten“, erinnert sich Burchardi. „Mir fiel allerdings die gute und naheliegende Antwort ein: ,Ich werde dieses umgehend dem Klinikums-Vorstand melden. Der wird dann das weitere Vorgehen beschließen.‘ Der Staatssekretär beschloss dann das Gespräch mit dem Satz: ,Und sagen Sie noch, Geld spielt keine Rolle.‘ Dann war das Gespräch beendet.“

Zur Vorbereitung hatten Burchardi und sein ad hoc zusammengewürfeltes Team gerade einmal drei Tage Zeit. Glücklicher Zufall: Das Universitätsklinikum hatte seinerzeit kurz zuvor den großen Neubau an der Robert-Koch-Strasse bezogen, der Altbau an der Goßlerstraße stand leer. Daher konnte die medizinische Versorgung der Boat People im Altklinikum erfolgen, der normale Klinikbetrieb blieb weitgehend unbeeinträchtigt. Sogar die Röntgeneinrichtung im Altbau sei noch nutzbar gewesen, meint Burchardi.

Große Hilfsbereitschaft

Allerdings gab es ein Problem: Der Altbau war in der Zwischenzeit bereits zum Teil ausgeschlachtet worden. Beispielsweise mussten dort Lichtschalter und andere Gebrauchsgegenstände wiederbeschafft und eingebaut werden.

Die Sorge, nicht genügend Helfer zu finden, war völlig unbegründet, so Burchardi: „Auf unseren Hilfe-Aufruf meldeten sich so viele Mitarbeiter, Ärzte wie Pflegekräfte, dass wir etliche abweisen mussten. Das war bereits ein starkes Zeichen der Hilfsbereitschaft, die diese gesamte Aktion über die gesamte Dauer prägen sollte.“

Nach Kontaktaufnahme mit der vietnamesischen Botschaft in Bonn kamen auch einige der dringend benötigten Dolmetscher. Burchardi: „Bereits zu Beginn konnten so auch schriftliche vietnamesische Handlungsanweisungen vorbereitet werden.“ Aber dabei gab es ein Problem. Zwischen den vietnamesischen Übersetzern und chinesischstämmigen Boat People kam es vorübergehend zu politischen Auseinandersetzungen. Diese Spannungen, so Burchardi, „ließen sich dann allerdings bald beruhigen“.

Medienwirksamer Empfang

Am 3. Dezember 1978 traf der erste Transport der Boat People im Lager Friedland ein. Lagerverwaltung und Landesregierung hatten Vorbereitungen für einen medienwirksamen Empfang getroffen.

Burchardi hatte jedoch eine andere Sorge: Unter der ersten Flüchtlingsgruppe waren einige Menschen, die dringend eine medizinische Versorgung benötigten. Während Burchardi diese Leute schnellstens nach Göttingen bringen wollte, bestand die Landespolitik auf einem repräsentativen Empfang der geflüchteten Menschen einschließlich der entsprechenden Bilder. Dabei kam es zu einer Panne. Burchardi: „Ich machte dem Staatssekretär scharfe Vorwürfe, dass er die dringende medizinische Versorgung behindere. Bei meiner verständlichen Anspannung in diesem Durcheinander hatte ich dabei nicht bemerkt, dass wir bereits auf Sendung waren.“

1,6 Millionen Flüchtlinge

Seeuntüchtige, völlig überfüllte Boote, kenternde Schiffe, ertrinkende Menschen: Die Flucht der sogenannten Boat People erinnert stark an die Massenflucht über das Mittelmeer in den vergangenen Jahren.

Nur kurze Zeit nach dem Ende des Vietnamkrieges begannen Menschen in Massen vor dem neu etablierten kommunistischen Regime zu flüchten. Die Angst vor Umerziehungslager oder Umsiedlung trieb sie in die Boote. Etwa 2,5 Millionen Menschen wurden inhaftiert, etwa 165000 sollen die Umerziehungslager nicht überlebt haben.

In der Folge versuchten etwa 1,6 Millionen Menschen aus Vietnam, über das Meer zu entkommen. Andere Staaten – mit Ausnahme der USA und Frankreich als am Vietnamkrieg direkt Beteiligte - nahmen die Flüchtlinge zunächst nur zögerlich auf, darunter auch Deutschland. Erst Ende der 1980er Jahre flaute die Massenflucht aus dem Süden Vietnams ab – auch weil die Flüchtlinge immer mehr Probleme bekamen, Aufnahmeländer zu finden. Die Bundesrepublik hatte schon im Juli 1982 einen Aufnahmestopp verfügt.

Nach dem holprigen Beginn gestaltete sich die medizinische Betreuung der Menschen allerdings weitgehend problemlos. Burchardi nennt als Grund dafür auch, „dass von den ärztlichen und pflegerischen Mitarbeitern sich gerade die besten, engagiertesten und fähigsten zur Verfügung gestellt hatten. So lösten sich viele Probleme wie von selbst dort, wo sie auftraten. Dies zeigt eigentlich wieder einmal, dass mit guten Mitarbeitern die Abläufe wesentlich reibungsloser ablaufen, wenn man den Mitarbeiter genügend Entscheidungskompetenz und Freiraum lässt.“

Erstes Kind „Mutiges Meer“

Im Uni-Klinikum gab es damals nur einen einzigen vietnamesischen Arzt – den Göttinger Mediziner Xuan-Trang Nguyen. Umgehend wurde er gebeten, die Flüchtlinge zu betreuen. Und schnell stellte sich eine Routine ein: morgens Bustransport der ersten Gruppe von Friedland zum Altbau-Klinikum, dort Aufnahme und medizinische Untersuchung. Nach einem Mittagessen startete Rücktransport der ersten Gruppe zurück nach Friedland. Aus Friedland kam dann der Bus wieder zurück mit der zweiten Gruppe für diesen Tag. In den meisten Fällen konnte der medizinische Dienst in Friedland eine weitere medikamentöse Behandlung ambulant übernehmen.

Ein besonderer Tag war der 15. Dezember 1978: Das erste Kind vietnamesischer Boat People in Göttingen wurde geboren. Der Junge erhielt den Namen „Chi-Hai“ ( = Mutiges Meer). Die Patenschaft für das Kind übernahm das Göttinger Tageblatt.

Das Geldversprechen der Landesregierung, so Burchardi, habe sich später allerdings als leer erwiesen: „Die Klinik hat meines Wissens nach keinen Pfennig für diese Aktion bekommen.“

Von Matthias Heinzel

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