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Göttingen So wurde der Reformationstag in St. Johannis gefeiert
Die Region Göttingen So wurde der Reformationstag in St. Johannis gefeiert
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14:57 31.10.2018
Festgottesdienst in der Johanniskirche am Reformationstag. Quelle: Arne Bänsch
Göttingen

„Wir können nicht feiern, als gebe es keinen Dissens um diesen neuen Feiertag“, sagte Friedrich Selter, Superintendent des Kirchenkreises Göttingen. „Wir wollen aber auch nicht Trübsal blasen.“ So habe man sich entschieden, mit den Vertretern der anderen Glaubensgemeinschaften, mit denen die evangelische Kirche in Göttingen so gut zusammenarbeite, den Gottesdienst zu gestalten. Neben Selter und dem Pfarrer der St. Johanniskirche Gerhard Schridde wirkten Dechant Wigbert Schwarze, Jacqueline Jürgenliemk, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Göttingen, und Klaus Achim Sürmann, Delegierter in die ACK und Mitglied des „Runden Tisches der Abrahamreligionen“, mit.

„Protest hat mich betroffen gemacht“

„So sehr ich mich freue, dass der Reformationstag nun ein Feiertag ist –mit dem großem Potential des Themas Reformation, auch für die Gesellschaft. So sehr hat mich der Protest betroffen gemacht“, sagte Selter zu Beginn der Feier, bei der die Kirche fast vollbesetzt war. Zuhören und reden sei daher nun wichtig. Der Antisemitismus des Reformators Martin Luther sei nicht auf ihn beschränkt, sagte Jürgenliemk. „Viele Antisemiten beziehen sich auf Luthers Gedanken. Wir bedauern und kritisieren die Entscheidung des niedersächsischen Landtages“, betonte Jürgenliemk. Vor allem in einer Zeit in der Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit wieder in der Mitte der Gesellschaft angekommen seien.

Dechant Schwarze verwies auf den ausgebliebenen Dialog. Denn ein Dialog, so Schwarze, hätte sicher noch typisch evangelisch zu einem Konsens geführt werden können. Diese Entscheidung sei eine Delle in der Zusammenarbeit der Glaubensgemeinschaften und der Gesellschaft. Mit Befindlichkeiten müsse in Zukunft besser umgegangen werden, auch weil antisemitische Strömungen in der Gesellschaft zu groß seien. Jetzt müsse man aber nach vorne schauen.

Wünsche für den Reformationstag

„Was lösen diese Worte in ihnen aus, welche Wünsche und Ideen für den Reformationstag haben sie?“ Selter forderte die Gottesdienstbesucher auf, dies zum einen für eine Weile mit ihren Nachbarn zu diskutieren. Und zum anderen Gedanken auf einem Zettel zu notieren. Lebhafte Gespräche in der Kirche und eine große Menge beschriebener Zettel waren das Ergebnis. Selter wählte zwei aus, die die Bandbreite der Meinungen zeigten: von „Die Diskussion um Martin Luther und seinen Antisemitismus gehört nicht hier in den Gottesdienst, den wir feiern wollen. Reformation ist eben nicht nur Luther“ bis „In Zukunft an diesem Tag allgemein diskutieren, was reformbedürftig ist.“

Freude über den Feiertag, Betroffenheit über den Protest: Superintendent Friedrich Selter. Quelle: r

Selter verwies dann darauf, dass die evangelische Kirche sich mit Luther und seinen judenfeindlichen Äußerungen auseinandersetze und dies auch weiter tun werde. Andere Aspekte der Reformation seien aus seiner Sicht für gesellschaftliche Diskussionen wichtig und sollten den Reformationstag bestimmen. Etwa das Aufbegehren gegen Obrigkeiten, das Streben nach einer individuellen Lebensführung in der Verantwortung für das Ganze. Kirche sei auch gefordert Impulse auf die drängenden Fragen der Gesellschaft zu geben.

Mit Antworten auf die Frage „Warum bleibe ich?“ kamen dann noch einmal Jürgenliemk und Schwarze zu Wort. „Ich bleibe, weil die kritische Auseinandersetzung mit Luther in den Kirchen längst begonnen hat. Wir müssen mit dem Dissens auskommen. Er öffnet neue Wege des gemeinsamen Handelns“, sagte Jürgenliemk. Schwarz betonte, dass die Ökumene in Göttingen schon sehr weit sei. Ein interreligiöser Dialog, nicht nur ein katholisch/evangelischer Austausch. „Der Anspruch, den wir in Göttingen haben, muss weitergehen.“

Von Christiane Böhm

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