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Göttingen Auf der Schmalspur durchs Gartetal
Die Region Göttingen Auf der Schmalspur durchs Gartetal
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00:19 23.10.2017
Der Personenzug kurz hinter Diemarden. Quelle: Beil
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Göttingen

Erdacht, konzipiert, gefilmt, Regie geführt, geschnitten und produziert und damit von A bis Z geschaffen hat den 44 Minuten langen Film „Die vergessene Bahn“ der Göttinger Rainer Beil. Und noch viel mehr als das: Auch die überaus detaillierte Szenerie, durch die das Bähnchen dampft und schnauft, hat Beil in Teilen selbst hergestellt. So baute der Rentner zahlreiche Gebäude wie die Gartetalschenke, die Gaststätte Waterloo oder mehrere Bahnhöfe, Schuppen und Brücken selbst – nicht aus Bausätzen, sondern aus Karton. Durch all das dampft eine handelsübliche Modelleisenbahn.

Andere Elemente, aus denen die einzelnen Szenen aufgebaut wurden, sind historische Fotos und Filme, selbstgebastelte Bäume, Führerstandsaufnahmen aus Schmalspur-Dampflokomotiven, hineinmontierte Dampfwolken aus den Schornsteinen der Loks, selbstgedrehte Videos der heutigen Landschaft und aktuelle Fotos. Und die eigene Ehefrau samt Freundin, die, gekonnt in die Modellszenerie montiert, in den (Modell-) Zug in Richtung Rittmarshausen einsteigt.

Das Ganze hat Beil zu einer in sich stimmigen und stimmungsvollen Bahnreise vom Göttinger Gartetal-Bahnhof zum Endbahnhof Rittmarshausen zusammengeschnitten und -montiert. Der Film kommt stilecht in Schwarz-Weiß mit darübergelegtem bräunlichem Sepia-Farbton daher. Perfektioniert hat Beil die Optik seines Films mit den typischen streifenförmigen Bildfehlern alter und leicht beschädigter Zelluloid-Filme.

Los geht die Fahrt auf der 750-Millimeter-Schmalspurbahn vom Gartetalbahnhof, der sich südlich des Göttinger Bahnhofs befand. Das Bahnhofsgebäude baute Beil anhand historischer Fotografien bis ins Detail nach. Über Leinestraße und Rosdorfer Weg fährt der kleine Personenzug am (ebenfalls selbst nachgebautem) Felix-Klein-Gymnasium vorbei zum ersten Halt am Lindenkrug. Weiter geht die Fahrt, die ungefähr in den 1950er Jahren angesiedelt ist, über die Lotzestraße hoch zur Reinhäuser Landstraße und der Landwehrschenke. Nach der Garteschenke, auf dem Weg nach Diemarden, setzt Schneefall ein. Es folgen die Stationen Klein Lengden, Steinsmühle, Eichenkrug und das damals beliebte Ausflugslokal „Waterloo“ östlich von Benniehausen. Immer wieder auffällig ist Rainer Beils Liebe zum Detail: So dampft es nicht nur aus dem Schornstein der Lokomotive, sondern vorbildgetreu auch an den Zylinderblöcken.

Als der Zug Wöllmarshausen passiert, ist die Reise fast beendet. Von dort ist es nicht mehr weit zum Endbahnhof Rittmarshausen, dem Beil eine längere Sequenz widmet. Auf diesem Bahnhof, auch er bis ins Detail nachgebaut, sind nach einem längeren Schwenk über die Szenerie kleinere Rangierfahrten zu sehen, bevor der Personenzug aus Göttingen eintrifft.

Damit lässt es der Regisseur aber nicht bewenden, sondern beschließt den Film mit einer eleganten Schleife zurück an den Ausgangspunkt der Fahrt durchs Gartetal. Von Rittmarshausen setzt sich ein Güterzug in Bewegung, der die gleiche Strecke zurückfährt, aber nur an wenigen Streckenpunkten gezeigt wird, bevor er Göttingen erreicht.

Dieser Abschluss von Beils Film ist stimmig: Güterzüge waren damals ein mindestens ebenso wichtiger Betriebsbestandteil der Gartetalbahn wie die Personenbeförderung. Passend auch das Erscheinungsjahr des Films: Die gut 18 Kilometer lange Gartetalbahn von Göttingen nach Rittmarshausen wurde vor genau 120 Jahren, im Jahr 1897, in Betrieb genommen. In den Jahren zwischen 1907 und 1931 fuhr sie sogar weitere 18 Kilometer bis nach Duderstadt.

Zu Betriebsbeginn im Jahr 1897 verfügte die Bahngesellschaft über drei zweiachsige Dampflokomotiven. In den folgenden Jahren kamen zwei vierachsige Loks der Bauart Mallet mit zweigeteiltem Triebwerk für engkurvige Strecken hinzu. 1940 wurde als Ersatz eine weitere dreiachsige Dampflok, diesmal mit einer Schleppachse, angeschafft. Nach dem Zweiten Weltkrieg erwarb die Bahngesellschaft als Ersatz für die Mallets noch zwei dreiachsige Loks mit Schlepptender und eine eine fünfachsige Schlepptenderlok aus Heeresfeldbahnbeständen. 1954, drei Jahre vor Betriebsende, ereilte auch die Gartetalbahn der Traktionswechsel weg von der Dampflok: Ein vierachsiger Triebwagen verstärkte den Fuhrpark. Da waren es gerade einmal noch drei Jahre bis zum Betriebsende.

Die Gartetalbahn hatte nie über mehr als neun vierachsige und drei zweiachsige Personenwagen im Bestand. Dazu gab es noch zwei Pack-/Postwagen und bis zu 24 gedeckte und 53 offene Güterwagen.

Noch heute lassen sich Teile der früheren Bahntrasse identifizieren. So gibt es Brückenfundamente am Leinekanal in der Nähe der Jahnstraße, Reste des Bahndamms in der südlichen Verlängerung der Lotzestraße und weitere Überbleibsel des Bahndamms, so im Gartetal zwischen Gartemühle und Diemarden und zwischen Rittmarshausen und Kerstlingerode. Der Güterschuppen beim ehemaligen Bahnhof Klein Lengden an der Straße zwischen Klein Lengden und Diemarden wurde zwar 2006 abgerissen, aber an gleicher Stelle und in gleicher Gestalt wiederaufgebaut. Der frühere Bahnhof Rittmarshausen wird heute als Wohnhaus genutzt, der ehemalige Lokschuppen als Gewerbeimmobilie.

Sechs Jahrzehnte nach ihrer Schließung lässt sich nun die Atmosphäre des Schmalspurbahnbetriebs südöstlich von Göttingen wieder nachempfinden: Drei Jahre lang hat Rainer Beil an seinem Film gewerkelt, allerdings mit mehreren längeren Unterbrechungen. Nicht nur der Nachbau der Szenerie und der Gebäude, sondern auch die Montage und die Herstellung der einzelnen Szenen war aufwendig und verlangte Präzisionsarbeit. Bis zu vier Elemente, beispielsweise historische Fotos, Aufnahmen des Modellzuges oder aktuell gefertigte Videosequenzen, habe er mit der von ihm benutzten Software übereinanderlegen und zu einem historisch stimmigem Ganzen verschmelzen können, erklärt Beil. Natürlich, meint der Gartetalbahn-Fan in der Rückschau, hätte er immer noch mehr und länger an seinem Film werkeln und optimieren können, „aber dann wäre ich wohl nie fertig geworden“.

Gezeigt wird der Film am Sonntag bei der Modellbörse von 10 bis 16 Uhr.

Von Matthias Heinzel

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