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Göttingen Eine Würdigung mit langer Vorgeschichte
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00:21 11.02.2018
Sammlung zu Ehren des Geehrten in der Stadtbibliothek: Thomas Buergenthal mit Ehefrau Peggy und Marlies Schügl vom Förderverein (von links). Quelle: Christoph Mischke
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Göttingen

„Ich kann mir kaum eine größere Ehre vorstellen als die Auszeichnung einer Bibliothek“, sagte Buergenthal bei der Übergabe der Urkunde. Der 84-jährige Jurist hat zahlreiche Bücher verfasst – darunter nicht nur Fachliteratur, sondern auch seine international bekannt gewordenen Memoiren „Ein Glückskind“. Darin verarbeitete er seine Erfahrungen in Konzentrationslagern und Ghettos während des Dritten Reiches.

Buergenthal ist Mitbegründer des „Freundeskreises Stadtbibliothek Göttingen“

Geehrt wurde Buergenthal, weil er vor zehn Jahren zu den Mitbegründern des „Freundeskreises Stadtbibliothek Göttingen“ gehörte. Der Förderverein unterstützt die Bücherei bei verschiedenen Projekten und hilft nicht zuletzt Kindern, indem beispielsweise Grundschüler Bustickets für die Fahrt zur Bücherei bezahlt bekommen.

Lesen als Schlüsselqualifikation

Der Förderverein der Stadtbibliothek besteht seit 2008. Erklärtes Ziel der derzeit etwa 80 Mitglieder ist es, Kinder beim Lesen als „Schlüsselqualifikation unserer Kultur“ zu unterstützen, wie es der Verein formuliert. Zuletzt habe sich der Verein intensiv um den Fremdsprachenbereich der Bücherei gekümmert, berichtet die Vorsitzende Marlies Schügl. Dazu gehörte unter anderem ein Kabinett mit Selbstlern-Arbeitsplätzen für Fremdsprachen.

Dass der Förderverein mit Buergenthal ein so prominentes Mitglied hat, begründet sich durch die Biografie des heute in den USA Lebenden. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs kehrte Buergenthal mit seiner Mutter nach Göttingen zurück, wo die Familie vor der Flucht vor den Nazis ein Geschäft besaß. Im späteren Schwiegervater von Marlies Schügl habe Buergenthal damals einen Schulfreund gefunden, erzählt Schügl, heute Vorsitzende des Fördervereins der Bibliothek.

Bibliothek nach Buergenthal benannt

Mehr als 70 Jahre später wurde das wieder relevant, als die Stadt 2008 das heutige Gebäude der Bibliothek nach Buergenthal benannte. Dieser war zwar schon lange in die USA emigriert, doch Schügl konnte ihn für eine Mitgliedschaft im Förderverein begeistern. Buergenthal sagt noch heute über sich, er habe den Großteil seines Lebens in Bibliotheken verbracht.

Aus Sicht der Stadt ist Buergenthals Rolle in der Stadtbibliothek auch eine politische: Schon 2008 sei die Benennung des Hauses nach ihm ein Zeichen der Versöhnung gewesen, sagte Kulturdezernentin Petra Broistedt bei der Feierstunde. „Die damalige Entscheidung zeigt, dass das Judentum einen Platz in Göttingen hat“, so Broistedt weiter.

Mahnung an Toleranz, Vielfalt und Völkerverständigung

Zugleich geht es Broistedt zufolge auch um eine Mahnung an Toleranz, Vielfalt und Völkerverständigung: Eine Bibliothek sei per Definition ein weltoffener Ort. Schließlich gehe es in Büchereien immer auch um „einen Blick über den eigenen Tellerrand, um die Situation anderer Menschen zu verstehen“. Dementsprechend sei Bildung der einzig effektive Weg, Antisemitismus, Rassismus und Faschismus vorzubeugen.

Dem pflichtete Buergenthal bei. Vor allem ging er aber auf seine eigenen Erfahrungen als Richter am Internationalen Gerichtshof in Den Haag ein: Von dort wisse er, wie schwer es für Länder sein könne, eine Vergangenheit wie die deutsche aufzuarbeiten.

Übergang von einer mörderischen Nation zu einer funktionierenden Demokratie

Umso größer sei das Privileg, jetzt in einem Land geehrt zu werden, dass den Übergang von einer mörderischen Nation zu einer funktionierenden Demokratie geschafft habe. „Deshalb werde ich mich an diese Auszeichnung erinnern, solange ich lebe.“

Bereits am Mittwoch wurden in Göttingen im Andenken an Buergenthals im Dritten Reich ermordete Angehörige mehrere Stolpersteine verlegt. Mehr dazu lesen sie hier.

Von Christoph Höland

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