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06:00 07.12.2018
Frauenhaus-Kunst im Göttinger Weststadtzentrum an der Pfalz-Grone-Breite. Quelle: Markus Riese
Göttingen / Northeim

„Frauen Farbe Vielfalt –gemeinsam sind wir stark“: Unter diesem Motto läuft seit Ende November die mittlerweile siebte Bilder-Ausstellung des Frauenhauses Göttingen im Weststadtzentrum. Auch im Kreishaus in Northeim sind derzeit Acrylbilder zu sehen, die von

Bilder der aktuellen Ausstellung im Weststadtzentrum. Quelle: Markus Riese

ehemaligen Bewohnerinnen des Frauenhauses gestaltet wurden.

Sie haben oftmals traumatische Erlebnisse hinter sich, wurden Opfer von häuslicher Gewalt – und als es ihnen so schlecht ging, dass sie für ein paar Wochen Zuflucht im Frauenhaus suchten, da werden die meisten von ihnen kaum daran gedacht haben, künstlerisch tätig zu werden und ihre Werke auch noch öffentlich auszustellen. Genau das passiert aber Jahr für Jahr, und zwar mit durchaus bemerkenswerten Ergebnissen. „Das Kunstprojekt ist Teil unseres Nachbetreuungsangebotes“, erklärt Susanne Hoffmann vom Frauenhaus-Team. Neun Frauen aus sechs verschiedenen Ländern haben diesmal bei dem interkulturellen Projekt mitgemacht; entstanden sind daraus etwa 30 Kunstwerke. Über einen Zeitraum von acht Wochen traf sich die Gruppe einmal wöchentlich für mehrere Stunden, um gemeinsam an Ideen, Motiven und Techniken zu feilen – unter einfühlsamer Anleitung der Göttinger Künstlerin Lilly Stehling. „Am Anfang ist das auch sehr viel Motivationsarbeit“, beschreibt sie. Die meisten Teilnehmerinnen hätten vorher keine Berührungspunkte zur Malerei gehabt. Für sie gehe es darum, sich erst einmal auf das Malen einzulassen, ganz ohne Leistungsdruck. „Es gibt da kein richtig oder falsch“, betont Stehling.

Anfangs noch ahnungslos

„Meine ersten drei Bilder waren reines Experimentieren“, erinnert sich Octavia Jünke, die bereits zum dritten Mal dabei ist, mit einem Augenzwinkern. „Man muss den Mut haben, sich künstlerisch auszuprobieren, aber wenn man erst mal die ersten Erfolge sieht, dann lässt es einen nicht mehr los“, erzählt sie. Alleine hätte sie so etwas nie angefangen – doch in der Gruppe freue sie sich über die gegenseitige Inspiration. Sie habe in dem Projekt noch keine Frau erlebt, die sich nicht davon habe „anstecken“ lassen. Zu diesen gehört auch Yildiz Cicek, die sogar schon sechs Mal dabei war. „Ganz am Anfang hatte ich keine Ahnung von Kunst. Heute weiß ich schon einiges darüber“, berichtet sie stolz. Sie habe sich in den vergangenen Jahren immer wieder damit beschäftigt, viel über Kunst und Künstler wie Monet gelesen und ein Verständnis dafür entwickelt. Für die aktuelle Ausstellung hat sie drei Werke beigesteuert.

Drei Beispiele aus der Ausstellung. Quelle: Markus Riese

Die Motive von Cicek und Jünke folgen keiner einheitlichen Linie – mal sind es Blumen oder Landschaften, mal ist es Abstraktes oder Geometrisches, mal ist ein Mensch zu sehen, mal ein Buddha-Kopf – und manchmal sind es einfach Spielereien.

Die „produktive Kraft“ des Malens

Die meisten Bilder sind sehr farbenfroh und wirken zunächst einmal positiv auf den Betrachter. „Gerade Frauen, die während des Projektes noch im Frauenhaus wohnen, wollen kein schwarzes Bild malen. Sie wollen etwas Unverfängliches, Fröhliches gestalten. Und die Möglichkeit haben sie hier“, erläutert Stehling. „Die Frauen können dadurch auch einfach mal abschalten und an etwas anderes denken als an ihre aktuellen Probleme“, ergänzt Hoffmann. Dafür werde sogar extra eine Kinderbetreuung vom Frauenhaus organisiert, damit die Frauen sich ganz auf das gemeinsame Malen und die sich dadurch entfaltende „produktive Kraft“ einlassen können.

Von links: Lilly Stehling, Yildiz Cicek, Susanne Hoffmann und Octavia Jünke. Quelle: Markus Riese

Mit dem Projekt will das Frauenhaus gezielt auf die eigene Vereinsarbeit aufmerksam machen. Wichtiger erscheint jedoch ein anderer Aspekt. Hoffmann: „Viele Teilnehmerinnen sind ja in der Situation, dass sie vor einem Scherbenhaufen stehen und ihnen das Gefühl vermittelt wurde, sie könnten nichts und seien nichts wert. Dass das nicht stimmt, wird ihnen hier bewusst gemacht.“

Kalender gegen Spende erhältlich

Die Bilder, die im Northeimer Kreishaus noch bis zum 20. Dezember zu sehen sind, stammen aus der letztjährigen Göttinger Ausstellung „Lebe ohne Gewalt – frei und selbstbestimmt“. Die Ausstellung im Weststadtzentrum an der Pfalz-Grona-Breite 84 in Göttingen soll hingegen noch mehrere Monate zugänglich bleiben – zu den üblichen Öffnungszeiten (montags bis donnerstags von 9 bis 16 Uhr, freitags von 9 bis 13 Uhr). Ein Wandkalender 2019 mit zwölf ausgewählten Motiven aus der Ausstellung wird dort gegen eine Spende abgegeben. Informationen zum Frauenhaus gibt es online auf frauenhaus-goettingen.de.

Frauenhaus-Kunst im Weststadtzentrum. Quelle: Markus Riese

Von Markus Riese

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