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Göttingen Hoffnung für MS-Patienten
Die Region Göttingen Hoffnung für MS-Patienten
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19:57 13.11.2018
Bei Multipler Sklerose erkranken die Nervenzellen: Göttinger Forscher wollen ein Medikament entwickeln, das direkt im Gehirn wirkt. Quelle: Foto: mp
Göttingen, Göttingen, München/Göttingen, Göttingen

Göttingen. Es ist ein sperriger Titel aber dahinter verbirgt sich Forschung, die vielen Menschen helfen kann: Die Außenstelle der Fraunhofer-Gesellschaft in Göttingen für „Translationale Neuroinflammation mit integrierter 4D-Technologieplattform für Gesundheitsforschung” wird demnächst gegründet. Was aber ist das?

Prof. Wolfgang Brück. Quelle: Niklas Richter

Die Außenstelle „translationalen Neuroinflammation”: Sie teilt sich künftig die Infrastruktur mit dem 4-D-Hub. Dort geht es um die Erforschung von degenerativen Krankheiten des Nervensystems wie der Multiplen Sklerose (MS) und Alzheimer. Das Team von Wolfgang Brück, Professor für Neuropathologie an der UMG, hat das Ziel, Medikamente zu entwickeln, die direkt und gezielt im Gehirn der Patienten wirken. Denn: „Eine Schwierigkeit ist heute noch die Überwindung der Blut-Hirn-Schranke”, erklärt Brück. Die Entzündung steckt im Gehirn, alle heutigen MS-Therapien wirken aber nur im Blut, erklärt der Mediziner. Bislang gibt es keine Therapie, die die Entzündungsprozesse im Gehirn bekämpft. Zunächst, so erklärt der Wissenschaftler, müsse das „Target”, also das Ziel, beispielsweise in Form der betroffenen Zellen definiert werden. Die Wissenschaftler wollen zudem die Frage beantworten, wie man den passenden Wirkstoff ins Hirn bekommt und möglichst schnell ein Medikament entwickeln, das genau das schafft. Die Erkenntnisse aus Brücks Forschung zügig in die Anwendung zu überführen: Da kommt die Fraunhofergesellschaft ins Spiel. „Wir brauchen beispielsweise präklinische Pharmaforscher dafür”, sagt Brück. Das sei nicht Kernkompetenz der Göttinger Wissenschaftler. Die Vernetzung mit Start-ups, großen Pharmaunternehmen und Wissenschaftlern anderer Disziplinen – auch das könne Fraunhofer leisten. Mutterinstitut ist das IME-Fraunhoferinstitut in Frankfurt. In den nächsten fünf Jahren sind ein Neubau auf dem Gelände der UMG und etwa 30 bis 40 Mitarbeiter in der Projektgruppe geplant.

Eine weltweite Studie zur Etablierung eines Medikamentes könne laut Brück bis zu 400 Millionen Euro kosten, das kann kaum ein universitäres Forschungsinstitut leisten. Indes: Das Interesse daran ist groß. Allein in Deutschland leiden zwei Millionen Menschen an Demenz, Pflegekosten von 15 bis 42.000 Euro pro Jahr fallen pro Patient an.

 4-D-Hub als Puzzleteil für Exzellenzcluster

Die 4-D-Plattform: Dahinter steckt eine strategische Zusammenarbeit mit dem neuen Göttinger Exzellenzcluster “Multiscale Bioimaging: von molekularen Maschinen zu Netzwerken erregbarer Zellen” (MBExC). Das MBExC wird vom Neurowissenschaftler Tobias Moser von der Universitätsmedizin Göttingen, der Chemikerin Claudia Steinem von der Universität Göttingen und dem Molekularbiologem Patrick Cramer vom Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie geleitet. „Die 4D-Plattform oder der 4D-Hub, ist ein wichtiges Puzzleteil für den Göttinger Campus und vor allem für unser Cluster”, erklärt Moser. Die Art der Zusammenarbeit mit der Fraunhofer-Gesellschaft sei strategischer Art: sie soll künftig also als eine Art Scharnier zwischen den Göttinger Wissenschaftlern und Fraunhofer Instituten bundesweit agieren. Das sei neu für die Fraunhofer Gesellschaft und ein Alleinstellungsmerkmal für das Göttinger Cluster MBExC.

Prof. Heyo K. Kroemer und Prof. Tobias Moser. Quelle: Niklas Richter

4-D, das steht für Drugs, Devices, Data and Diagnositcs. Beim Thema Drugs, also Medikamente, wollen die Wissenschaftler des Clusters das Know-How beisteuern, um beispielsweise mittels einer Gen-Therapie Patienten mit einem genetischen Hörschaden zu helfen. “Zur Zeit arbeiten wir mit vielversprechenden Ergebnissen an Mäusen”, so der Professor. Um das jahrelange Verfahren bis zu einer Anwendung am Menschen zu beschleunigen sei hier die Zusammenarbeit mit Fraunhofer besonders wertvoll. Das erhoffen sich die Göttinger Forscher auch im Bereich Devices, also Geräte. Ein weiteres Beispiel seien die Stammzell-Aktivitäten die im MBExC von Professor Zimmermann vorangetrieben werden und zur Untersuchung von Krankheitsmechanismen und zur Entwicklung von Medikamenten genutzt werden können.

Gemeinsam für den Standort Göttingen

Die Fraunhofer-Gesellschaft ist bundesweit tätig. Die beiden Bundestagsabgeordneten Thomas Oppermann (SPD) und Fritz Güntzler (CDU) haben sich gemeinsam mit dem Vorstand der Universitätsmedizin, Heyo Kroemer, dafür eingesetzt und Bundesmittel für die Anschubfinanzierung beschafft. Das Land muss nun weitere Mittel zur Verfügung stellen. In der biomedizinischen Forschung war die Gesellschaft mit Sitz in München bislang nicht in der Region vertreten.

Erforschung der Plasmatechnologie

Bislang die Fraunhofer-Gesellschaft mit einem Anwendungszentrum in Göttingen vertreten. Es wurde 2012 an der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst (HAWK) in Göttingen angesiedelt. Dort forscht unter anderem der Physiker Wolfgang Viöl, Vizepräsident für Forschung und Transfer an der HAWK. Dieser Bereich der Fraunhofergesellschaft beschäftigt sich nach eigenen Angaben mit der Erforschung neuer anwendungsorientierter Einsatzfelder im Bereich der Plasmatechnologie. Die wesentlichen Themenfelder seien dabei insbesondere Umwelt, Optik, Hygiene, Gesundheit, Produktion und Energie. Viöl wurde unter anderem im Jahr 2007 mit dem niedersächsischen Wissenschaftspreis als herausragender Wissenschaftler und 2015 mit dem Joseph-von-Fraunhofer-Preis Technik für den Menschen ausgezeichnet.

Wolfgang Viöl Quelle: r

„Das Fraunhofer Anwendungszentrum wurde 2012 an der HAWK in Göttingen angesiedelt, um die Sichtbarkeit der Plasma-Forschung in Göttingen zu erhöhen“, sagt Viöl. Zur Zeit werde dort im Innovationsverbund „SNIFF“ gemeinsam mit der HAWK, der TU Clausthal und dem Fraunhofer HHI in Goslar ein optischer Formaldehydsensor erforscht und entwickelt.

Viöl freut sich über die neue Ansiedlung von Fraunhofer Außenstellen in Göttingen: „Wir begrüßen das sehr, insbesondere da wir mit Tobias Moser schon im Bereich der optischen Cochlea-Implantate zusammenarbeiten“, so Viöl. Der Weg zu einem eigenständigen Fraunhofer Institut sei aber „noch in weiter Ferne“. Über die weitere Entwicklung des Fraunhofer Anwendungszentrums sei man derzeit aber in Gesprächen.

Gespräche über Konzept laufen noch

Die Fraunhofer-Gesellschaft zur Förderung der angewandten Forschung ist die größte Organisation für angewandte Forschung in Europa. Sie betreibt nach eignen Angaben in Deutschland 72 Institute und Forschungseinrichtungen mit mehr als 25 000 Mitarbeitern. Die Gesellschaft verantwortet 2,3 Milliarden Euro Forschungsvolumen jährlich. Rund 70 Prozent werden mit Aufträgen aus der Industrie und mit öffentlich finanzierten Forschungsprojekten erwirtschaftet.

Zu ihrem Engagement in Göttingen sagt Kommunikationsleiter Roman Möhlmann, dass die Fraunhofer-Gesellschaft das Vorhaben der Politik, Deutschland als Standort für eine erfolgreiche Forschung in Sachen Translationaler Medizin zu stärken und im internationalen Wettbewerb zu positionieren, unterstütze. „Den Ball der nun von Bundesseite zur Verfügung gestellten Finanzmittel nehmen wir mit unseren konkreten Projektvorschlägen rund um das Thema Translationale Neuroinflammation mit integrierter 4D-Technologieplattform gerne auf“, so Möhlmann. Und weiter: „Wir arbeiten auf Bundes- und Landesebene in der Tat bereits intensiv an entsprechenden Konzepten für den Standort Göttingen“.

Laufende Gespräche

Zu den Ergebnissen der noch laufenden Gespräche mit dem Land und weiteren Planungen wollte er noch nichts bekannt geben. Wie genau das Projekt in Göttingen aussehen wird, das werde die Gesellschaft „in einigen Wochen“ bekannt geben.

Max-Planck, Leibniz und Helmholtz

Nicht nur die Fraunhofer-Gesellschaft ist in Göttingen vertreten. Die Max-Planck-Gesellschaft ist gleich mit fünf Instituten engagiert. Das sind das Max-Planck-Institut für Biophysikalische Chemie, das für Dynamik und Selbstorganisation, das zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften, das für Experimentelle Medizin und das für Sonnensystemforschung.

Auch die Helmholtz-Gemeinschaft findet sich in der außeruniversitären Forschungslandschaft wieder, nämlich mit dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt. Dritte der Gesellschaften, die in Göttingen ansässig sind, ist die Leibniz-Gemeinschaft. Unter ihrem Dach arbeitet das Deutsche Primatenzentrum.

Von Britta Bielefeld

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