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Göttingen Bereitschaftsdienst mit Doktor Faber
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00:21 10.12.2018
Jonas Niemann hat vor sechs Wochen sein erstes Buch veröffentlicht. Quelle: Hinrich Kollenrott
Göttingen

Über 300 Bereitschaftsdienste hat Jonas Niemann in seiner Zeit als Assistenzarzt in Kliniken geleistet. Oft mit nur zwei Stunden Schlaf. Was das mit Ärzten macht und für die Patienten bedeutet, hat er in seinem autobiografischen Roman „Patient Krankenhaus – Doktor Faber hat Dienst“ aufgeschrieben.

Darin begleitet der Leser den Assistenzarzt über die gesamten 24 Stunden seines Bereitschaftsdienstes, beobachtet, wie er voller Adrenalin zwischen den Stationen hin und her rennt, weil er nicht nur für 150 Patienten gleichzeitig zuständig ist, sondern zeitweise auch noch den Kollegen in der Notaufnahme vertreten muss. „Dieses Buch können Sie auf jedes Krankenhaus in Deutschland übertragen, dann wissen Sie, was leider in Deutschland passiert“, sagt Niemann. Alles, was er schildert, sei so vorgekommen, lediglich Namen und Orte hat der 42-Jährige geändert.

Doktor Faber nimmt sich Zeit

Niemann gelingt es, Faber der zehrenden Arbeit mit lakonischem Humor begegnen zu lassen, der aber nie auf Kosten der Patienten geht. Mit einer sich selbst verordneten Haltung versorgt er seine Patienten, nimmt sich Zeit, ihnen die Behandlung zu erklären oder sich mit ihnen auseinanderzusetzen, auch wenn er das mit einem knurrenden Magen und voller Blase bezahlt.

In Göttingen aufgewachsen, hat Niemann nach seinem Medizinstudium als Assistenzarzt in der Facharztausbildung mehrere Jahre in Kliniken gearbeitet. Wie Faber auch hat er während seiner Dienste immer wieder Notfälle erlebt. Und dann „haben Sie niemandem, mit dem sie darüber sprechen können.“ Deshalb hat er seine Erlebnisse aufgeschrieben.

System krankt seit Jahren

Niemann, groß und schlank, redet schnell und gestikuliert viel, während er von einem System erzählt, in dem Ärzte nicht mehr für die Behandlungsdauer eines Patienten, sondern nur noch pro Fall bezahlt werden. Ein System, das junge Ärzte, die am Anfang noch froh sind, endlich zu arbeiten, am Ende auffrisst. Doch die Mediziner versuchen, irgendwie durchzuhalten, ackern in der Tretmühle, um ihren Facharzt zu machen. „In der Krankenhausrealität zerplatzen die Träume der Medizinstudenten“, sagt Niemann.

Hier müsse sich etwas ändern. Das mit seinem Buch anzustoßen, ist nicht sein Anspruch, aber auch so könnte sich Veränderung ergeben. „Letztlich möchte ich auch den Finger in die Wunde legen.“

Nähe zu den Menschen

Dabei ist Niemann nicht Arzt geworden, weil er Menschen helfen wollte, sondern weil er Fragen hatte. „Ich musste Medizin studieren, musste klären, warum ich so bin wie ich bin.“ Eigentlich eher auf Sprachen konzentriert, entschied er sich für etwas, „was ich überhaupt nicht konnte, wo ich einen Mangel hatte“.

Was Niemann und Faber immer wieder suchen, ist die Nähe zu den Menschen. Schon vor seinem Studium hat Niemann sich während eines Pflegepraktikums zu den Sterbenden gesetzt. Das Leid der Menschen habe etwas Tiefes, Ehrliches, Öffnendes. Diese ernsthafte Begegnung, der Kontakt von Mensch zu Mensch ist kostbar, sagt er.

Niederlassung mit 34 Jahren

Doch im Krankenhaus sei der Arzt eine Nummer, müsse sich permanent zurücknehmen. „Was man denkt, interessiert niemanden. Man selbst kommt oft überhaupt nicht vor“, sagt Niemann.

Mit gerade einmal 34 Jahren hat er sich vor acht Jahren als Hausarzt im Wendland niedergelassen, wo er mit seiner Frau und seinen fünf Kindern heute noch lebt. Dort wird er wahrgenommen. Manchmal zu sehr. Auf dem Land, wo die Familienstrukturen oft weggebrochen sind, wird vieles auf ihn projiziert. Dann ist der Arzt plötzlich Sohn, Schwiegersohn und Heilsbringer.

„Kraft, Aufmerksamkeit, alles gebe ich meinen Patienten“

Mit den Sorgen und Ängsten seiner Patienten kann Niemann leben, mit ihrer Ablehnung nicht. „Ich kann nicht alles wegmachen, den Krebs nicht verschwinden lassen“, sagt er. Das, was gut läuft, nehme er zu selten wahr, dafür die zwei Prozent, die meckern, umso mehr.

Auch die Konflikte, die die Patienten innerhalb ihrer Familien haben und die er oft mitbekommt, belasten ihn. Und doch kann der 42-Jährige sich oft nicht zurückhalten. Dann setzt er sich mit allen Beteiligten an den Tisch und weist sie auf ihren Anteil hin. „Kraft, Aufmerksamkeit, alles gebe ich meinen Patienten. Das ist manchmal nicht sehr selbstschützend“, sagt Niemann.

Er sei zynisch, was das System betrifft. „Aber nicht, was die Menschen und das Leben angeht.“

Von Nora Garben

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