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Göttingen Gedanken zum Erntedank 2018
Die Region Göttingen Gedanken zum Erntedank 2018
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20:52 05.10.2018
Dud-Forum-Kellner Dud-Forum-Kellner Landwirt Hubert Kellner Quelle: GOETTINGERTAGEBLATT
Göttingen

Denkt bitte einen Moment über das Essen auf Eurem Teller nach.

Macht euch bewusst, wie viel Zeit und Arbeit es braucht bis es dort landet.

Und das es Menschen gibt, die ihr ganzes Leben nur einer Aufgabe widmen: Uns zu ernähren.

Ohne Landwirte könnten wir nicht überleben. Mit ihrer Arbeit sorgen sie dafür, dass wir dreimal am Tag Essen auf dem Tisch haben. Etwa zwei Prozent der deutschen Bevölkerung arbeiten heute noch in der Landwirtschaft, das ist eine große Verantwortung. Wenn die meisten bei uns noch schlafen, stehen Landwirte schon auf dem Feld oder im Stall. Damit auch künftige Generationen ernährt werden können, müssen Landwirte Ihre Böden nachhaltig bewirtschaften. Ein einziges Unwetter kann die Arbeit eines ganzen Jahres zerstören.

Und darum: Landwirte verdienen Respekt!

An diesem Sonntag feiern wir wieder das Erntedankfest. In unseren Städten werden Herbstmärkte abgehalten und den Besuchern wird ein reichhaltiges Essensangebot vor Augen geführt.

Es ist Herbst – und die Ernte fast vollständig bis auf die Zuckerrüben eingefahren. Es braucht sich keiner um Nahrung zu sorgen, es ist genug da. Bei uns in Europa haben wir wieder einen vollen Kühlschrank, vor dem wir jeden Abend einschlafen und vor demselben am anderen Tag aufwachen.

Das Erntedankfest erinnert uns landwirtschaftliche Betriebe nicht nur an die eingebrachte Ernte, sondern auch an die Abhängigkeit von der Natur. In diesem Jahr besonders – was für ein Jahr! Haben wir in der Vergangenheit immer mal wieder von Trockenheit gesprochen, ist der aktuelle Begriff für 2018 „Dürre“. So früh wie nie haben wir mit der Getreideernte begonnen, und noch nie so früh wie in diesem Jahr ging die Getreideernte zu Ende. So ein Jahr haben auch die älteren Generationen noch nicht erlebt.

Regale in Supermärkten trotz Verlusten gut gefüllt

Unsere Landwirte haben eine unterdurchschnittliche Ernte eingefahren, 30 bis 40 Prozent weniger bei Getreide und Mais, Kartoffeln und Zuckerrüben. Dennoch sind die Regale im Supermarkt auch nach einer langen Phase extremer Trockenheit und Hitze gut gefüllt und die Verbraucherpreise gleichbleibend niedrig. Nachdenklich werden wir erst, wenn Lebensmittel knapp werden sollten, wenn nicht alles und zu jeder Zeit verfügbar ist.

Geerntet wird von den Verbrauchern bei den Discountern und beim Lebensmitteleinzelhandel. Dadurch geht die Demut für die Gaben der Schöpfung oft verloren. „Danke“ kommt nur noch schwer über die Lippen, ich hab die Lebensmittel ja bezahlt. Der direkte Bezug zur Lebensmittelproduktion ist verloren gegangen. Achtlos werfen wir täglich wertvolle Lebensmittel in den Müll.

Wir Landwirtinnen und Landwirte, egal ob konventionell oder Bio, erzeugen hochwertige, sichere und gesunde Nahrungsmittel. Das ist für uns selbstverständlich! Die Standards für Qualität, Sicherheit, Umwelt-, Tierschutz und auch im sozialen Bereich (Mindestlohn und vieles mehr) sind im weltweiten Vergleich auf sehr hohem Niveau festgesetzt. Diese Leistungen haben ihren Preis! Dazu zählt auch die Bereitschaft, für Lebensmittel mehr Geld auszugeben. Mit seinem Einkaufsverhalten bestimmt der Verbraucher die Produktionsformen – auch, ob die bäuerliche Landwirtschaft bei uns eine Zukunft hat.

Interesse hat sich verändert

Aber was ist passiert? Das Interesse der Verbraucher liegt nicht mehr auf dem Fokus Lebensmittelsicherung, das heißt gesättigt sein. Nein, die gesamte Produktionstechnik wird kritisch hinterfragt.

Wer, wenn nicht wir Bauern, weiß, was für unsere Tiere das Beste ist? Sie werden nicht mehr in Ställen, wie sie unsere Vorfahren hatten, gehalten. Jeder neue Stall trägt zu mehr Tierwohl bei. Wer, wenn nicht wir Bauern, leben und arbeiten seit Generationen mit der Natur eng zusammen. Wer, wenn nicht wir Bauern, sind Sachwalter und Fürsprecher der Natur. Wer, wenn nicht wir Bauern, sind Teil eines Kreislaufes, der jedes Jahr endet und wieder neu beginnt.

Wir Landwirtsfamilien wissen, dass die Erträge trotz technischer Unterstützung nicht planbar sind, das hat uns dieses Dürrejahr ganz deutlich wieder einmal gezeigt.

Wenn Verbraucherinnen und Verbraucher all das Wissen mit uns Landwirten teilen würden, den hohen persönlichen Einsatz und das finanzielle Risiko bei der Produktion anerkennen und sehen würden, wären auch sie dankbar für eine gute Ernte.

Wir Bauernfamilien halten am Erntedank kurz inne, blicken zurück und richten gleichzeitig den Blick nach vorn, indem wir unsere Äcker für das kommende Jahr wieder bestellen, in der Hoffnung auf eine bessere Ernte 2019.

Danke sage ich allen Menschen, die achtsam mit Lebensmitteln umgehen und die uns Landwirtsfamilien Wertschätzung entgegenbringen. Das Erntedankfest ist dafür eine gute Gelegenheit.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen, wo immer sie das Erntedankfest feiern, einen schönen, besinnlichen, aber auch freudigen Tag.

Ihr Hubert Kellner, Vorsitzender Landvolk Göttingen Kreisbauernverband

Von Hubert Kellner

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