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Göttingen Erinnerung an mutige Menschen
Die Region Göttingen Erinnerung an mutige Menschen
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18:05 17.05.2017
Quelle: Peter Heller
Göttingen

Mit der Erforschung der Geschichte Göttingens während der NS-Zeit sei die Stadt recht weit fortgeschritten und es gebe viele Forschungsprojekte. Die Erinnerung an die mutigen Menschen, die Widerstand geleistet haben, sei bisher aber ein „blinder Fleck gewesen. Das hat am Mittwoch Göttingens Kulturdezernentin Petra Broistedt aus Anlass der Enthüllung des jenen Menschen gewidmeten Denkmals betont.

Widerstand zu leisten, sei in der heutigen Zeit der Demokratie selbstverständlich, sagte sie. Widerstand, wie ihn die mutigen Menschen während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Göttingen geleistet hätten, so Broistedt weiter, "das hätte ich mich nicht getraut", so die Kulturdezernentin mit Blick auf die Angst, die die Widerständler damals gehabt haben müssten.

Der etwa zwei Meter hohe, schwarze, polierte Granitstein wurde vom Weender Steinmetzbetrieb Bachmann gefertigt. Damit er im rechten Licht steht, habe die Energienetz Mitte die alte Straßenleuchte entfernt und durch eine neue ersetzt, berichtete Broistedt, bevor sie zusammen mit Axel Fette als Vertreter des Energieunternehmens den Gedenkstein enthüllte. Dieser trägt die Inschrift: "Zum Gedenken an die Menschen, die zwischen 1933 und 1945 trotz aller Bedrohungen mutig Widerstand gegen das nationalsozialistische Unrechtsregime geleistet haben". Broistedt sprach von einem "Meilenstein". Damit an den Widerstand zu erinnern, sei als Teil des Konzeptes für Erinnerungskultur der Stadt.

Zweieinhalb Jahre lang erforschte der Historiker Rainer Driever die Geschichte des Widerstands gegen die nationalsozialistische Gewaltherrschaft in Göttingen. Ein QR-Code am Fuße des Gedenksteins an der Südseite der Stadtbibliothek, dem früheren Polizeigefängnis, führt via Smartphone direkt zur Internetseite des Stadtarchivs, wo Drievers Forschungsergebnisse nachzulesen sind. Einige Beispiele des Widerstands nannte der Historiker während der Enthüllung vor Ort. Die Zeugen Jehovas, so Driever, hätten Widerstand vor allem in der Verweigerung geleistet. Beispielhaft ging der Historiker auf die Vita von Bäckermeister Wilhelm König aus Groß Lengden ein, der 1937 von der Gestapo verhaftet worden war.

Erinnert hat Driever am Mittwoch auch an die Kommunisten, von denen damals etliche wegen Staatsgefährdung oder Hochverrat verurteilt worden waren. Trotz Überwaschung hätten sich die Göttinger KPD-Mitglieder in "informellen Zirkeln" getroffen und Tarnschriften wie "Wie wasche ich mit Persil" verteilt. In Stichworten gab Driever den Lebenslauf von Wilhelm Eglinsky wieder, der Anfang der 1930er-Jahre in der Göttinger Ortsgruppe der KPD aktiv war. Er sei in drei politischen Systemen in Haft gesessen. Im Februar 1945 sei Eglinsky die Flucht aus dem KZ Buchenwald gelungen, berichtete der Historiker, und Freunde hätten ihm in Bovenden Unterschlupf gewährt. Dabei habe es sich um ihre Großeltern gehandelt, sagte Karin Rohrig am Rande der Gedenksteinenthüllung.

Erinnert wurde bei der Enthüllung auch an den Internationalen Sozialistischen Kampfbund (ISK), der laut Driever in zwei Fünfergruppen etwa mit Flugblattaktionen oder einem Koffer Widerstand geleistet hätten. Der Koffer habe auf seiner Unterseite einen Farbstempel gehabt, der auf dem Pflaster den Schriftzug "Nieder mit Hitler" hinterlassen habe. Und schließlich sprach der Historiker noch vom Widerstand der Eisenbahner, durch deren Netzwerke zum Beispiel "illegale Materialien" ins Reichsgebiet transportiert worden seien.

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