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Göttingen Plädoyer gegen Diskriminierung
Die Region Göttingen Plädoyer gegen Diskriminierung
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00:17 31.01.2018
Teilnehmer der Gesprächsrunde: (von links) Arne Bischoff und Anna Domdey vom Bündnis für die Opfer des Nationalsozialismus, Kenan Emini, Dietmar Sedlaczek und Ilona Lagrene. Quelle: Heller
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Göttingen

Organisiert vom Bündnis für die Opfer des Nationalsozialismus schilderten sie am Sonnabend, dem Holocaust-Gedenktag, vor rund 100 Interessierten ihre Erkenntnisse, Erfahrungen und Meinungen.

Sinti und Roma seien bereits lange vor der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten diskriminiert worden, sagte der Leiter der KZ-Gedenkstätte Moringen, Dietmar Sedlaczek. Seit der Reichsgründung 1871 habe es Erlasse zur „Bekämpfung des Zigeunerunwesens“ gegeben, die eine „Einweisung von Kindern und Jugendlichen in eine Fürsorgeeinrichtung“ vorsahen. „Diese Erlasse behielten in der Zeit des Nationalsozialismus ihre Gültigkeit“, berichtete Sedlaczek. Sinti und Roma hätten den neuen Machthabern als „asoziale Rasse“ gegolten. Allerdings hätten die zuständigen Behörden häufig versucht, eine Einweisung von „Zigeunerkindern“ in Heime zu verhindern, da deren „Erziehbarkeit“ prinzipiell bezweifelt wurde.

21 Sinti von Moringen nach Auschwitz deportiert

Das Jugend-KZ in Moringen sei von den Nazis im August 1940 als erstes „polizeiliches Jugendschutzlager“ eingerichtet worden. „Im September 1940 kamen die ersten drei Sinti in das Jugend-KZ Moringen, 1941 folgten weitere drei und 1942 zwölf Einlieferungen“, betonte der Referent. Eine „rassistische Aufladung“ habe die Haft durch die sogenannte Kriminalbiologie erhalten, „die behauptete, das den jugendlichen Häftlingen attestierte Verhalten sei erblich bedingt“, erklärte der Leiter der KZ-Gedenkstätte.

1943 seien 21 Sinti aus dem Jugend-KZ nach Auschwitz deportiert worden. Im August 1944 sei das dortige „Zigeunerfamilienlager liquidiert und die Mehrzahl der Häftlinge ermordet worden. „Nur wenige, die als arbeitsfähig galten, wurden in die Konzentrationslager Buchenwald, Flossenbürg und Ravensbrück überstellt, darunter auch zehn Sinti aus Moringen“, erläuterte Sedlaczek. Von den Häftlingen, die in Auschwitz blieben, habe nur einer überlebt, vier Häftlinge seien bereits 1943 und sechs 1944 gestorben, berichtete Sedlaczek.

„Es gibt unter uns kaum eine Familie, die mit dem Namen ,Auschwitz’ nicht den Verlust von Angehörigen verbindet“, sagte Bürgerrechtlerin Ilona Lagrene, die Gründungsmitglied des baden-württembergischen Landesverbandes deutscher Sinti und Roma ist. Ein „einschneidendes Datum in der Verfolgungsgeschichte unserer Minderheit“ sei der 16. Dezember 1942 gewesen. An diesem Tage habe der SS-Reichsführer und Chef der deutschen Polizei, Heinrich Himmler, im „Auschwitz-Erlass“ die Deportation aller im Reich verbliebenen Sinti und Roma in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau „in geschlossenen Familien“ verfügt. Mehr als 23 000 Sinti und Roma aus Deutschland und aus weiten Teilen Europas seien ab Ende Februar 1943 in das „Zigeunerlager“ transportiert und dort ermordet worden. Auschwitz stehe nach Lagrenes Worten für „die Verbindung von menschenverachtender Ideologie und Barbarei, von kalter bürokratischer Logik und mörderischer Effizienz“.

Lagrene erinnerte daran, dass der nationalsozialistische Völkermord an den Sinti und Roma erst 1982 vom damaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt völkerrechtlich anerkannt worden sei. „Ziel unserer heutigen Aufklärungsarbeit kann gewiss nicht sein, den Enkeln und Urenkeln der Generation, aus der die NS-Täter stammen, irgendeine Form von historischer Schuld anzulasten“, erklärte der Gast. Es gehe vielmehr „um Wahrhaftigkeit und um gelebte Verantwortung für unsere demokratischen Werte“.

Plädoyer gegen Diskriminierung von Minderheiten

Historisches Erinnern sei ein wesentlicher Beitrag für unsere heutige Zivilgesellschaft, „in der Diskriminierung von Minderheiten oder die Ausgrenzung Andersdenkendender keinen Platz mehr haben dürfen“, betonte Lagrene, die auch auf die Gegenwart zu sprechen kam. Europa erlebe eine Wiederkehr von längst überwunden geglaubtem Nationalismus, Populismus und antidemokratischen Bewegungen. In einer Zeit, in der Sinti und Roma, Juden und andere Minderheiten in vielen Ländern Europas „rassistischer Hetze und Gewalt ausgesetzt sind, müssen die Demokraten zusammenstehen“, sagte die Bürgerrechtlerin.

Die aktuellen politischen Entwicklungen in vielen europäischen Ländern seien für ihn ein „Deja-vu“ meinte Kenan Emini, Mitglied im Roma-Zentrum Göttingen. „Eine Geschichte ist vorbei, aber irgendwie wiederholt sich wieder etwas“, schilderte er seinen Eindruck.

Emini erinnerte daran, dass durch die Kriege im ehemaligen Jugoslawien sehr viele Roma vertrieben, verfolgt und ermordet worden seien. 1999 habe sich Deutschland in der Nato an der Bombardierung in Ex-Jugoslawien beteiligt. 50 000 Roma seien als Folge des Krieges nach Westeuropa gekommen. Ein Problem sei, dass die Bevölkerungsgruppe keine Repräsentanten in der Politik habe – weder auf nationaler noch auf europäischer Ebene. Emini forderte „ein Bleiberecht für viele Jahre geduldete Roma“.

Von Axel Artmann

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