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Göttingen Geismar-Treuenhagen: Schild für „Else-Bräutigam-Straße“ wird enthüllt
Die Region Göttingen Geismar-Treuenhagen: Schild für „Else-Bräutigam-Straße“ wird enthüllt
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18:28 29.07.2014
Neuer Name: Von Freitag an heißt die Heinrich-Sohnrey-Straße Else Bräutigam-Straße. Quelle: Heller
Geismar

Über den Heimatdichter Heinrich Sohnrey (1859-1948) war in der jüngsten Vergangenheit im Ortsrat, in den städtischen Ratsgremien und an der Universität Göttingen kontrovers diskutiert worden.

Der Historiker Dirk Schumann, beauftragt mit einer Untersuchung von 26 Uni-Ehrenbürgern, hatte festgestellt, dass sich durch Sohnreys Werke  „rassistische und fremdenfeindliche Tendenzen“ zögen. Auch Ortschaften im Landkreis Göttingen erörterten Straßenumbenennungen wegen Sohnreys Haltung zum Nationalsozialismus.

Schließlich beschloss der Ortsrat Geismar im Januar dieses Jahres, die Treuenhagener Heinrich-Sohnrey-Straße umzubenennen. Vorausgegangen war dem Beschluss eine Befragung der Anlieger, die sich allerdings mehrheitlich gegen einen neuen Straßennamen ausgesprochen hatten.

Göttingens Ehrenbürgerin Else Bräutigam

Ende Mai fiel auf Vorschlag von Bündnis 90 / Die Grünen gegen die Stimmen der CDU im Ortsrat die Entscheidung, die Straße nach Göttingens Ehrenbürgerin Else Bräutigam  (1931-2001) zu benennen, unter anderem Gründerin des Vereins Selbsthilfe Körperbehinderter und engagierte Streiterin in vielen sozialen Belangen.

Gegenvorschläge waren von der CDU-Fraktion gekommen, die in den ehemaligen Ortsbürgermeistern  Fritz Hecke (SPD) und Ernst Klie (FDP) geeignetere Namensgeber sah: „Auch wir würdigen die Verdienste von Frau Bräutigam. Bei einer Namensänderung in einem Ortsteil sollte aber die geschichtliche Würdigung von örtlich gebundenen Persönlichkeiten in Betracht gezogen werden“, so sieht es CDU-Fraktionssprecherin Brigitta Wagener-Brandt nach wie vor.

Eine Vertagung und weitere Beratung lehnten die übrigen Fraktionen im Ortsrat jedoch ab.

Ortsbürgermeister Thomas Harms (Bündnis 90/Die Grünen) wird am Freitag das neue Straßenschild enthüllen. Die Feier wollen nach Mitteilung der Göttinger Stadtverwaltung „Angehörige und Freunde der Göttinger Ehrenbürgerin“ begleiten.

Wer war Else Bräutigam?

13 Jahre nach ihrem Tod wird in Geismar eine Straße nach Else Bräutigam benannt. Wegen „ihres Engagements und ihrer Leistungen im sozialen Bereich“, hatte die Stadt im Jahr 1991 der damals 60-Jährigen die Ehrenbürgerwürde verliehen.

Bräutigam wurde am 3. Januar 1931 in Göttingen geboren. Seit ihrem dritten Lebensjahr litt sie an den Folgen einer Pocken-Impfung, so dass sie zeitlebens auf Rollstuhl und Krücken angewiesen war. Nach einer Buchhalter-Lehre nahm Bräutigam ihre Arbeit bei der Inneren Mission auf, dem späteren Diakonischen Werk.

In den 60er-Jahren begann auch ihr Einsatz für andere behinderte Menschen. Sie war Gründungsmitglied der Telefonseelsorge, baute die Selbsthilfe Körperbehinderter auf und war lange Zeit deren Vorsitzende. 1981 zog Bräutigam für zwei Jahre als Mitglied der Alternativ Grünen Initiativen Liste (Agil) in den Stadtrat ein.

Bis 1997 gehörte sie außerdem dem Gesamtvorstand des Paritätischen Wohlfahrtsverbands Niedersachsen an. 2001 starb Bräutigam in Göttingen, wenige Wochen nach ihrem 70. Geburtstag.

In den 80er-Jahren war Bräutigam, engagierte Streiterin für Gerechtigkeit, in die Schlagzeilen geraten. Sie war dafür bekannt, dass sie sich bei Demonstrationen mit ihrem Rollstuhl deeskalierend zwischen Polizei und Demonstranten bewegte. So stand ihr Name auf der sogenannten Spurendokumentations (Spudok)-Liste – als eine von  mehr als 100 Terrorismus-Verdächtigen.

Die Vorgänge um die Aktivitäten der Staatsschützer der Göttinger Polizei führte zu einer heftigen Debatte um deren Rechtmäßigkeit und schließlich der vom Innenministerium angeordneten Vernichtung der Listen.

Else Bräutigam
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