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Göttingen GfbV-Generalsekretär Tilman Zülch hört auf
Die Region Göttingen GfbV-Generalsekretär Tilman Zülch hört auf
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00:17 30.03.2017
Tilman Zülch Quelle: Heller
Göttingen

Die politische Leitung der GfbV übernimmt der langjährige Asien- und Afrikareferent Ulrich Delius. „Ich mache das jetzt fast 50 Jahre“, begründete Zülch auf Anfrage seinen Rückzug. Zugleich sei er fast 50 Jahre glücklich verheiratet – mit der Märchenforscherin Ines Köhler-Zülch. „Meine Frau hat das alles mitgemacht, wir hatten in all den Jahren rund 6000 Übernachtungen bei uns zu Hause“, sagte Zülch.

Flüchtlinge, politisch Verfolgte, Vertreter europäischer Minderheiten, Ehrenamtliche und andere hätten bei ihnen gewohnt. „Das war mit ganz wenigen Ausnahmen sehr angenehm. Mit vielen der reizenden Menschen stehen wir immer noch in Verbindung“, erzählte der 77-Jährige. Doch jetzt sei es an der Zeit, kürzer zu treten. Außerdem wolle er sich verstärkt um seinen Garten kümmern, denn, so Zülch: „Ich bin ein großer Gärtner.“

Vor allem aber ist Zülch einer der anerkanntesten Menschenrechtler Deutschlands. Mit einem Kommilitonen gründete er 1968 die „Aktion Biafra-Hilfe“. 1970 entstand daraus die GfbV, die Zülch zu einer der größten deutschen Menschenrechtsorganisationen entwickelte. Die GfbV tritt weltweit für die Rechte ethnisch, religiös und politisch verfolgter Völker und Gruppen ein. Im Fokus stehen etwa Ureinwohner in Amerika und Asien, Sinti und Roma, Kurden, Yeziden und Christen im Nahen Osten. Für sein Engagement erhielt Zülch 16 Preise und Auszeichnungen, darunter den Göttinger Friedenspreis und das Bundesverdienstkreuz.

Als einen seiner größten Erfolge beurteilt Zülch, dass die GfbV von 1979 bis 1981 den bis dahin tabuisierten Holocaust an Sinti und Roma bekannt gemacht habe. Folge: Der Genozid wurde von der Bundesregierung anerkannt. Staatenlose Sinti erhielten ihre deutsche Staatsbürgerschaft zurück, die Bezeichnung Sinti/Roma anstelle von Zigeuner wurde durchgesetzt.

Trotz seiner vielen Erfolge, Zülch war nicht unumstritten. Intern beklagten Mitarbeiter und ehrenamtliche Vorstandsmitglieder gelegentlich ein autoritäres Regiment des Generalsekretärs. 2012 eskalierte ein Streit über angeblich nicht belegte Zuweisungen und zu unrecht bezogene Gehälter in Strafanzeigen und dem Ausschluss von zwei Vorständen.

Bei Protesten gegen die geplante Abschiebung zweier Roma-Familien aus Göttingen während einer Ratssitzung Anfang 2016 soll Zülch zudem Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler einen „Verbrecher“ genannt haben. Dieser zeigte ihn daraufhin an. Er habe gesagt, es sei „verbrecherisch“, die Kinder der Roma-Familien zu „deportieren“, erklärte Zülch damals. Köhler müsse wissen, was er tue. Mittlerweile gibt sich Zülch versöhnlich. Der Fall der zwei Familien mache ihn zwar immer noch wütend, aber Köhler sei kein Verbrecher. „Er hat in vielen Fällen gute Arbeit geleistet. Ich bin da ausgeflippt. Es tut mir leid“, so Zülch.

Mit epd

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