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Göttingen „Entweihung“ der Urnenfelder
Die Region Göttingen „Entweihung“ der Urnenfelder
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00:17 22.04.2017
An den Gedenkstellen für die Urnengräber scheiden sich die Geister. Quelle: Höppner
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Göttingen

Der Friedhof liegt ruhig und anmutig im Nachmittagslicht, Sonnenstrahlen fallen durch das Geäst der Bäume. Das Ambiente ist dem eines Friedhofes würdig. Wären da nicht die Bilder, Figuren und Mitteilungen, die Hinterbliebene an den Bäumen des Friedparks angebracht haben. Elsbeth Friedrich-St.Johannis sind sie ein Dorn im Auge.

Urnenfeld entweiht

„Es macht keinen würdevollen Eindruck“, schreibt die Witwe in einem Brief ans Tageblatt. Wenn sie am Urnengrab ihren verstorbenen Mann besucht, fühle sie sich von den Erinnerungsstücken anderer Menschen in ihrer Trauer unangenehm berührt. Die vielen Bildchen und Figuren erinnerten sie „eher an Jahrmarktsdekorationen“. Das Urnenfeld werde dadurch „entweiht“.

Auch Mareike Wittorf und Benjamin Haberlag finden: „Es passt einfach nicht zum Friedhof.“ Sie erinnere es an Osterschmuck. „Natürlich ist es eine Trauerbewältigung, aber die Leute wollten es ja so“, sagt Haberlag. Mit „so“ meint er die Anonymität eines Urnenbegräbnisses. „Vorher überlegen und ein Einzelgrab nehmen“, sagt Friedrich-St.Johannis. Doch so einfach ist es nicht, vor allem dann nicht, wenn es um den Tod geliebter Menschen geht.

Leben in der Friedhofsecke

„Natürlich wissen wir, dass es zur Frage des Baumschmucks unterschiedliche Auffassungen gibt“, sagt Detlef Johannson, Verwaltungssprecher der Stadt Göttingen. Ein Verbot für den Baumschmuck gebe es nicht, vielmehr sollten auf den einzelnen Grabstellen keine Blumen oder Gestecke niedergelegt werden - an der Gedenkstele sei dies in Ordnung.

Doch der Platz um die Stele reicht vielen Angehörigen nicht, und so hängen sie ihre Andenken auf - an Zweigen oder den kleinen Namenstafeln. „Diese Praxis findet nicht ungeteilten Beifall, das wissen wir. Wir wissen aber auch, dass viele Angehörige und Besucher des Friedparks den Baumschmuck ausdrücklich begrüßen“, erklärt Johannson.

So, wie Gerd Steffen. Den 74-Jährigen stören die Andenken überhaupt nicht, sagt er. Er denke dabei auch an die Kinder oder Enkelkinder der Verstorbenen: „Die begreifen das meistens nicht, deswegen wollen sie wenigstens etwas basteln.“ Anders als Friedrich-St.-Johannis fühle er sich in seiner Trauer nicht gestört. Im Gegenteil: „Die Friedhofsecke soll ja auch leben, irgendwie.“

Von Yannick Höppner

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