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Göttingen Gesellschaft für bedrohte Völker besteht 50 Jahre
Die Region Göttingen Gesellschaft für bedrohte Völker besteht 50 Jahre
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20:20 25.06.2018
Bundesweite Kundgebung Menschenrechtsaktion von der Gesellschaft für bedrohte Völker. Quelle: Christina Hinzmann
Göttingen

In Ostnigeria, das sich als Republik Biafra für unabhängig erklärt hat, tobt vor 50 Jahren ein blutiger Bürgerkrieg. Hunderttausende Menschen sterben durch Bomben, an Hunger und Krankheiten. Die Weltöffentlichkeit wird durch Fernsehbilder von Kindern mit aufgeblähten Bäuchen aufgeschreckt. Weil Großbritannien das nigerianische Militär mit Waffen beliefert, besetzen Ende Juni 1968 Mitglieder des Komitees „Aktion Biafra Hilfe“ das britische Generalkonsulat in Hamburg.

Mit dabei ist Tilman Zülch, Student der Volkswirtschaft und Politik. Die Besetzung habe den britischen Botschafter mehr geschockt „als das Sterben im Hungerkessel von Biafra“, erinnert sich der heute 78-Jährige an die damalige Aktion. Zülch baut das Biafra-Komitee in der Folgezeit zur Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) aus: Einer Organisation mit dem Anspruch, weltweit Menschenrechte von ethnischen und religiösen Minderheitengruppen zu schützen und durchzusetzen.

Streitbar, nicht immer unumstritten, Träger des Bundesverdienstkreuzes: GfbV-Gründer Tilman Zülch. Quelle: Christina Hinzmann

Unterstützt von einer Hand voll ehrenamtlicher Helfer, bleibt Zülch zehn Jahre lang der einzige Vollzeit-Aktivist. Mit zunächst geringen finanziellen Mitteln prangert er in Flugblättern Menschenrechtsverletzungen in Afrika und Asien an. Die Arbeitsweise hat sich längst geändert. Die neben Amnesty International größte deutsche Menschenrechtsorganisation organisiert heute hoch professionell Kampagnen und setzt in den Medien „ihre“ Themen.

In der Göttinger Geschäftsstelle sind rund zwei Dutzend Frauen und Männer beschäftigt. Rund 10 000 Förderer und Mitglieder unterstützen die Gesellschaft durch Beiträge und Spenden. Es gibt Regionalgruppen in 15 Städten, sogenannte GfbV-Sektionen bestehen zudem in Österreich, der Schweiz, in Italien, Bosnien-Herzegowina und dem irakischen Kurdengebiet.

Mit dem Bambusfloß über den Atlantik

Mit dem Generalsekretär Zülch an der Spitze und teilweise spektakulären Aktionen schafften es die Menschenrechtler immer wieder in die Schlagzeilen. 1988 decken sie die Mitverantwortung deutscher Firmen beim Giftgaseinsatz gegen Kurden im Irak auf. 1992, im sogenannten Kolumbus-Jahr, überqueren zwei Aktivisten den Atlantik mit einem Bambusfloß, um den südamerikanischen Indianern eine Versöhnungsbotschaft zu überbringen. Und 1995, vor der Hinrichtung des nigerianischen Bürgerrechtlers Ken Saro-Wiwa, demonstriert die GfbV vor der Shell-Zentrale in Hamburg mit Galgen-Attrappen.

„Auf keinem Auge blind“

Unter dem Motto „Auf keinem Auge blind“ setzt sich die Menschenrechtsorganisation für Völkermordopfer im Sudan und muslimische Uiguren in China, für bedrängte Christen in Pakistan und für Kurden in der Türkei ein.

Protestankündigung auf Facebook

Am Dienstag protestieren wir von 11 bis 13 Uhr vor dem Brandenburger Tor gegen die völkerrechtswidrige Besetzung der...

Gepostet von Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) am Freitag, 22. Juni 2018

Immer wieder muss die GfbV auch Kritik einstecken. Als sie Indios aus Nicaragua nach Europa einlädt, die gemeinsam mit „Contras“ die sandinistische Befreiungsfront FSLN bekämpfen, protestieren Dritte-Welt-Gruppen. Im Jugoslawienkrieg bemängeln Friedensinitiativen ein „einseitiges“ und „polarisierendes“ Engagement der Gesellschaft für bedrohte Völker – frühzeitig habe sie die Serben als Alleinschuldige gebrandmarkt und Militärschläge der Nato zugunsten der bosnischen Muslime und Kosovo-Albaner gefordert.

Göttinger Geschäftsstelle der Gesellschaft für bedrohte Völker in der Geiststraße Quelle: Christina Hinzmann

Tilman Zülch erhält für sein Engagement 16 Preise und Auszeichnungen, darunter den Göttinger Friedenspreis, den Europäischen Bürgerrechtspreis der Sinti und Roma und das Bundesverdienstkreuz. Intern beklagen Mitarbeiter und ehrenamtliche Vorstandsmitglieder gelegentlich ein autoritäres Regiment des Generalsekretärs. 2012 eskaliert ein Streit um angeblich nicht belegte Zuweisungen und zu unrecht bezogene Gehälter in Strafanzeigen und dem Ausschluss von zwei Vorständen. Monatelang kommunizieren Zülch und seine Widersacher nur über Anwälte miteinander.

Offizielle Feier im Oktober

Im Frühjahr 2017 gibt Zülch die Leitung der GfbV an den Afrika- und Asienexperten der Organisation, Ulrich Delius, ab. Die Menschenrechtsarbeit der Gesellschaft für bedrohte Völker habe mit dazu beigetragen, den Schutz der Zivilbevölkerung gegen schlimme Verbrechen zu stärken, schreibt Delius in einem Beitrag für die aktuelle Ausgabe der GfbV-Zeitschrift „pogrom“: „Die jüngste Vertreibung von 700.000 Rohingya aus Burma zeigt, wie brisant und aktuell diese Herausforderung auch heute noch ist.“ Offiziell feiern will die Gesellschaft für bedrohte Völker ihr 50-jähriges Bestehen Anfang Oktober in Göttingen.

Von Reimar Paul / EPD