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Göttingen Göttinger Friedenspreis verliehen – begleitet von Protesten
Die Region Göttingen Göttinger Friedenspreis verliehen – begleitet von Protesten
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08:31 10.03.2019
Der Göttinger Friedenspreis 2019 ist am 9. März an den Verein „Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost“ verliehen worden. Quelle: Swen Pförtner
Göttingen

Der Göttinger Friedenspreis 2019 ist am Sonnabend an den Verein „Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost“ verliehen worden. Der festliche Akt in den Räumen der Galerie Alte Feuerwache war begleitet durch Protestkundgebungen vor dem Gebäude. Etwa 80 Personen demonstrierten mit Plakaten und Israel-Fahnen gegen den Preisträger. Der „Jüdischen Stimme“ wird vorgeworfen, antisemitische Bestrebungen zu unterstützen. Ein Vorwurf, den auch der Vorsitzende des Zentralrates der Juden in Deutschland, Josef Schuster, erhoben hat. Zu den Demonstranten auf der Straße gehörten unter anderem Mitglieder von politischen Nachwuchsorganisationen wie den Jusos, einzelne Mitglieder der Jüdischen Gemeinde Göttingen, zudem Vertreter des Bündnisses gegen Antisemitismus und Antizionismus „Jachad“. Einige Teilnehmer der Protestaktion waren von weither angereist, etwa aus Köln, Mannheim, Kassel, Berlin und sogar vom Bodensee.

Souveränität der Jury

Der Verein „Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost“ hat am Sonnabend den Göttinger Friedenspreis erhalten.

Im mit etwa 350 Personen voll besetzten Saal der Galerie hielt Nirit Sommerfeld die Laudatio. Die deutsch-israelische Sängerin und Schauspielerin aus München warf der israelischen Regierung vor, offen rassistisch und kriegstreibend zu sein. Allein diese Kritik gelte bereits als antisemitisch. Sie kritisierte auch Josef Schuster: „Er hat nicht darüber zu bestimmen, wer ein guter Jude ist.“ Und auch das sagte sie: „Deutsche zeigen auf Juden und bezichtigen sie des Antisemitismus. Wie absurd, wie anmaßend.“ Zum Disput um die Preisverleihung befand sie: „Es ist eine Schande, wenn die Souveränität der Jury missachtet wird. Eine bessere Preisträgerin hätte sich die Jury nicht backen können.“ Allen Kritikern der „Jüdischen Stimme“ empfahl sie, sich die Verlautbarungen des Vereins einfach einmal anzuhören.

Boykottaufruf ist umstritten

In der Galerie Alte Feuerwache kam sich das Publikum näher. Der Platz reichte kaum, um die knapp 350 Gäste zu platzieren. Quelle: Pförtner

Die „Jüdische Stimme“ steht vor allem deshalb in der Kritik, weil sie die Kampagne BDS (Boycott, Divestment an Sanctions) unterstützt. BDS ruft seit 2005 zum Boykott Israels auf, um die israelische Regierung zum Einlenken im Umgang mit den Palästinensern zu bewegen. Der Boykott solle so lange andauern, bis Israel die Besetzung palästinensischer und syrischer Gebiete beendet und die Rückkehr palästinensischer Flüchtlinge zulässt – gemäß einer Resolution der Vereinten Nationen. Die Kritiker dieses Vorgehens argumentieren wiederum, das Boykottkampagnen gegen Israel in ihrem Anliegen antisemitisch geprägt seien, außerdem müsse auch die palästinensische Seite in Verantwortung genommen werden.

„Nicht in unserem Namen“

Andreas Zumach übergab die Preisurkunde an Iris Hefets vom Verein "Jüdische Stimme". Quelle: Pförtner

Den Preis nahm die Vorsitzende der „Jüdischen Stimme“, Iris Hefets, entgegen. Sie sagte in ihrer Dankesrede: „Wir sind wahrscheinlich der einzige Preisträger, der sich bei der Benachrichtigung über die Preisverleihung sehr freute, gleichzeitig aber schon wusste, dass er sich warm anziehen muss.“ Mit Angriffen und Verleumdungen sei zu rechnen gewesen. „Unser großer Dank geht nicht nur an die Stiftung, sondern an all die Menschen, die sich nicht scheuen, sich politisch zu engagieren, dem sozialen Druck der Konformität nicht nachgeben und nicht die Angst herrschen lassen“, führte sie weiter aus. Die israelische Regierung spreche nicht für die Juden in aller Welt, auf jeden Fall spreche sie „nicht in unserem Namen“. „Wir sind ein paar Dutzend Juden mit Internetanschluss, Schuld- und Schamgefühlen gegenüber den Palästinensern und Angst um die Zukunft Israels“, so Hefets.

„Würdiger Preisträger“

Carmen Barann von der Stiftung Dr. Roland Röhl, die den mit 3000 Euro dotierten Friedenspreis auslobt, sagte im Namen der Veranstalter über die Wochen vor der Verleihung: „Wir waren manchmal am Rande der Verzweiflung. Aber an einem haben wir nie gezweifelt: Der Verein ist ein würdiger Preisträger.“ Da sich nach den Absagen von Stadtverwaltung, Universität und Sparkasse auch bei anderen Institutionen lange kein Raum für die Preisverleihung finden ließ, „dachten wir schon, wir müssten ein Zelt vor den Toren der Stadt aufstellen.“ Als Barann den Inhabern der Galerie dankte, applaudierte das Publikum lautstark. Die Lebensgefährtin des verstorbenen Preisstifters Roland Röhl - der an diesem Tage 64 Jahre alt geworden wäre - konnte dem gesamten Disput auch etwa Positives abgewinnen. „Die Diskussionen haben uns gezwungen, uns viel intensiver mit dem Nahost-Konflikt zu beschäftigen, als wir es bislang getan haben.“

Lehrfreiheit in Gefahr 

Der von der Stiftung verteilte Button zum Friedenspreis 2019. Quelle: Pförtner

Kritik an Oberbürgermeister und Universität übte Andreas Zumach von der Jury, als er warnte: „Wenn es nicht gelingt, im Rahmen einer solchen Diskussion öffentliche Räume zu öffnen, sehe ich künftig die Lehrfreiheit auch für andere Themen gefährdet.“ Er schlug vor, eine zielführende Diskussion für einen gerechten Frieden im Nahen Osten in Göttingen anzustoßen und dazu den Vorsitzenden des Zentralrates der Juden einzuladen. „Wenn uns das gelingt, bekäme Göttingen eine Leuchtturmfunktion in Deutschland.“ Damit dürfte er Joachim Doerfer von der Jüdischen Gemeinde in Göttingen prinzipiell aus dem Herzen gesprochen haben. Doerfer, der der Preisverleihung ablehnend gegenüber stand, kann sich zwar nicht vorstellen, dass Schuster diese Einladung annimmt, allerdings sei es jetzt an der Zeit, zum Thema vorzudringen, anstatt mit Schuldzuweisungen zu hantieren.

20000 Euro für Friedensorganisationen  

Zumach wies auch auf eine „überwältigende Resonanz“ auf einen Spendenappell der Stiftung hin. Der war nach dem Rückzug der Sparkasse Göttingen, der Stadtverwaltung und der Universität Göttingen publiziert worden. Bis zum 8. März seien über 28000 Euro von 319 Einzelspendern aus Deutschland und dem Ausland eingegangen, darunter auch aus Israel, versicherte Zumach. Nach Abzug der Kosten für die Verleihfeier von maximal 7000 Euro soll der Überschuss von mehr als 20000 Euro an Friedens- und Menschenrechtsorganisationen in Israel und Palästina gehen, erklärte er.

Unumstritten war derweil die musikalische Untermalung durch Elke Hardegen-Düker und Andreas Düker. Das Duo spielte auf Laute und Flöte unter anderem die F-Dur Sonate von Georg Philipp Telemann.

Von Ulrich Meinhard

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