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Göttingen Justiz-Mitarbeiter verschönern ihren Arbeitsplatz
Die Region Göttingen Justiz-Mitarbeiter verschönern ihren Arbeitsplatz
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12:37 05.04.2017
Richter Jakubetz mit einigen seiner Bilder im Büro im Landgericht. Quelle: ms
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Göttingen

Am Wochenende hat Justizia eigentlich frei. Entsprechende Ruhe sollte über den in den 50er-Jahren gebauten und in den 90ern erweiterten Gerichtsgebäuden an der Berliner Straße liegen. Doch das tut sie nicht - zumindest nicht an diesem Sonnabend. Im Innenhof stehen Bänke und Tische, es riecht nach Gegrilltem. Etliche Mitarbeiter, die man hier üblicherweise eher in Richterrobe oder Wachtmeisteruniform antrifft, sitzen zusammen in der Sonne. Einige haben Farbspuren auf der Kleidung. Im Hintergrund spielen Kinder. Dann steht der erste auf, richtet sich an seine Chefin: "Ich gehe dann mal wieder hoch und mache weiter." Andere folgen. Landgerichtspräsidentin Gabriele Immen lächelt ihnen zu. Was machen diese Leute hier?
Um diese Frage zu beantworten, nehmen Immen und Vizepräsident Michael Kalde ihren erstaunten Besucher mit auf Gebäudetour. Gelegentlich weisen sie auf Bereiche, die den manchmal düsteren Charme vergangener Jahrzehnte ausstrahlen. Dazwischen sind bereits einige Räume neu gestrichen - von den Mitarbeitern, in ihrer Freizeit. Seit Immen vor sechs Monaten nach Göttingen kam, habe sich eine gewisse Dynamik entwickelt, sagt Kalde. Vor einer dunklen Wand im Obergeschoss steht eine weiße Bank. "Die haben die Wachtmeister in einer Nacht und Nebel-Aktion lackiert und der Präsidentin geschenkt", erzählt Kalde weiter.
Aber die Verschönerung des Gebäudes ist für Immen eigentlich nur ein Nebeneffekt. Sie sei bei den Gesprächen, die sie zu Beginn ihrer Amtszeit mit den Mitarbeitern in den Gerichten des Landgerichtsbezirks geführt habe, auf erstaunlich viele verschiedene Talente gestoßen. Einige Mitarbeiter malen, andere sind ambitionierte Fotografen, wieder andere engagieren sich für Kinder in Not oder treiben Leistungssport. Dieses Engagement ihrer Kollegen will Immen mit Ausstellungen im Gericht sichtbar machen. Jeder Flur ein eigener Themenbereich. Regelmäßig bekomme sie neue Vorschläge.
Die Gerichtstour geht weiter. An der Bürotür von Tobias Jakubetz bleibt sie schließlich stehen. "Das müssen Sie sich ansehen." Der vorsitzende Richter verhandelt aktuell zwei Tötungsdelikte, entsprechend hoch sind die Aktenberge auf den Schreibtischen. Doch es ist nicht das große Arbeitsaufkommen, das die Aufmerksamkeit des Besuchers auf sich zieht. Der Blick fällt zunächst an die Wände. Dort hängen neun Ölgemälde in verschiedenen Formaten. Farbintensive Landschaften mit Tieren von einem Oval begrenzt. Der Richter hat sie gemalt. Er sei eines jener Talente, die sie gerne der Öffentlichkeit präsentieren wolle, erzählt Immen.
Er selbst schränkt bescheiden ein, er sehe sich nicht als Künstler. Vor zehn Jahren habe ihm seine Frau, die übrigens viel talentierter sei als er selbst, zu Weihnachten ein Bob-Ross-Malset geschenkt. Bis heute sind etwa 80 Bilder entstanden. Er genieße die Malerei. "Ich tauche dabei ab. Ein Ausgleich zum Beruf." Für sein jüngstes Werk habe er ein halbes Jahr gebraucht. Der Idee mit der Ausstellung seiner Bilder im Gericht habe er zugestimmt, nach kurzer Überlegung. Jakubetz bleibt bescheiden. "Es ist bestimmt nicht jedermanns Geschmack. Aber ich denke, ich habe mir bei den Bildern nichts vorzuwerfen." So etwas kann nur ein Richter sagen.
Auf dem Weg zum Ausgang sagt Immen: "Eigentlich waren sie zu früh hier. Wenn sie in zwei Monaten nochmal wiederkommen, hat sich hier schon ganz viel verändert." Das war allerdings auch jetzt schon zu sehen.

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