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Göttingen Unschuldig in die Kälte
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08:17 02.09.2017
Mit Werken von Alexander Weprik erinnert das GSO an sowjetische Gulags. Quelle: Lieske
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Göttingen

Gezeigt wurde auch ein Kurzfilm des Göttinger Filmemachers Dean Cáceres. Zwischen den Beiträgen des Orchesters hielt GSO-Dramaturgin Inna Klause einen Vortrag zur Bedeutung der Musik in den Lagern.

Die Werke Wepriks wurden nicht zufällig für das Konzert gewählt. Weprik war nicht nur ein Komponist aus der Sowjetunion, er war auch Insasse in einem Gulag. 1950 wurde er wegen „konterrevolutionärer Tätigkeit“ verhaftet, verhört und zu acht Jahren Lagerhaft verurteilt. Bis dahin sei er einer der meistgespielten sowjetischen Komponisten in Deutschland gewesen, heißt es in der Broschüre zur Vorstellung. Seine teils stark an jüdische Folklore anknüpfenden Werke seien in der Nachkriegszeit mehr und mehr in Vergessenheit geraten. Auch deshalb widmet das GSO dem Künstler eine eigene Konzertreihe.

Schon beim ersten Stück zeigt sich die Vielschichtigkeit in Wepriks Werken. Auch macht der Kontrast zu späteren Werken deutlich, wie vielseitig er komponierte und es schaffte, Emotionen in seinen Kompositionen zu transportieren. So empfand es auch Carolin Flamm vom Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasium: „Man hat die Stimmungen und die Gefühle gespürt.“

Vielseitig war indes auch die Veranstaltung mit Kurzfilm und Vortag. Cáceres zeigte einen 20-minütigen Ausschnitt aus seinem Film „Die letzten Zeugen des Gulag“. In ihm kommen vor allem Zeitzeugen zu Wort, die selbst im Gulag saßen.

Die Deportationen ins kalte Sibirien, der Heimat des Teufels, wie es im Film einmal heißt, betrafen nicht nur Bürger der Sowjetunion, auch deutsche Kriegsgefangene und Bürger der sowjetischen Besatzungszone wurden dort inhaftiert. So reichte das Verteilen Westdeutscher Zeitungen für eine Odyssee durch Gefängnisse der Staatssicherheit und der Sowjetunion bis hin in die berüchtigten sibirischen Lager, wie der Fall eines Zeitzeugen im Film zeigt. Wie zum Beispiel das Lager Workuta, im äußeren Osten des Landes. Das Urteil lautete oft auf 25 Jahre Zwangsarbeit. Zwar kamen durch Amnestien und ähnliches einige Menschen vorher frei, wie zum Beispiel Deutsche, die Mitte der 1950er-Jahre durch ein Abkommen zwischen Deutschland und der Sowjetunion frei kamen. Doch für nicht wenige bedeutete die Haft in der eisigen Kälte Russlands den Tod.

Die Musik gab den Menschen vielfach Halt und half ihnen, den Alltag zu ertragen, erzählte Klause in ihrem Vortrag. So habe es in den Lagern manchmal ganze Orchester aus Gefangenen gegeben, die für das Personal und Bewohner der angrenzenden Städte und Dörfer sangen oder auch Theater spielten. Auch Weprik wurde im Lager mit der „Kulturarbeit“ betraut und konnte so auch in Gefangenschaft komponieren.

Am Sonnabend, 2. September, spielt das GSO nochmals ein Konzert mit den Werken Wepriks. Beginn ist um 19.45 Uhr in der Stadthalle Göttingen, mit kostenloser Werkeinführung um 19 Uhr im Kleinen Saal.

Von Finn Lieske

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