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Göttingen Noch zehn Tage bis zur Obdachlosigkeit
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21:42 29.10.2018
Wohnungssuche ist für die Hartz-IV-Empfängerin Nitzschke ein echtes Problem. Quelle: Scharf
Göttingen

Ab dem 8. November um 7.15 Uhr ist Monika Nitzschke obdachlos. Dann wird der Gerichtsvollzieher eine Räumungsklage vollstrecken, die Schlösser austauschen und die 56-jährige Göttingerin auf die Straße setzen.

Sie sitzt vor dem Computer und studiert Wohnungsinserate, jeden Tag. Auf 30 Wohnungen habe sie sich schon beworben. Zu einer Besichtigung wurde sie noch nicht eingeladen. Wenn sie eine Antwort bekommt, werden ihr Status als Hartz-IV-Empfängerin und ein Schufa-Eintrag als Gründe für die Ablehnung angeführt. Die Schulden stammen aus einem verlorenen Prozess gegen ihren Ex-Mann. Sie zahlt noch heute an den Prozesskosten.

300 Euro zum Leben

Seit etwa vier Jahren geht in ihrem Leben ziemlich viel schief. Seit ihrer Trennung war die Mittfünfzigerin plötzlich auf sich gestellt. Einen Job hat sie nicht. Mit Minijobs versuchte sie die Kasse aufzufüllen, machte auch eine Umschulung zur Bürokauffrau. Von langer Dauer war das alles nicht. Sie ist gesundheitlich angeschlagen, hat Probleme mit dem Herzen und chronische Schmerzen in den Beinen.

Finanziell kam sie dennoch irgendwie über die Runden. Die 928 Euro, die ihr das Jobcenter monatlich überweist, reichten für Miete, Nebenkosten, Strom und Telefon. „Am Ende blieben mir noch 300 Euro zum Leben“, erzählt Nitzschke. Dann aber kam im August 2016 die Mieterhöhung: 20 Prozent sollte die Nettokaltmiete für ihre knapp 60 Quadratmeter große Wohnung steigen.

Mieterhöhung führte zur Räumungsklage

„Das kann ich nicht bezahlen“, sagt die Göttingerin. Sie weigerte sich zu zahlen und kassierte wenig später eine Mieterhöhungsklage. Als sich die Mietschulden auf über 1000 Euro addiert hatten, folgte schließlich die Räumungsklage. Nach sieben Jahren muss Nitzschke ihre Wohnung verlassen.

Dabei hätte es so weit gar nicht kommen müssen, heißt es vom Landkreis als zuständiger Behörde. „Das Jobcenter hätte die höheren Mietkosten zumindest zeitweise übernommen. Und die Mietschulden hätten als Darlehen übernommen werden können“, sagt Sprecher Ulrich Lottmann am Montag. Aber die Mieterin habe die Beratungsangebote nicht angenommen.

Mit Hartz-IV keine Chance

Dafür ist es jetzt allerdings auch zu spät. ihre Hoffnung schwindet. „Mit Hartz-IV und Schufa-Eintrag habe ich auf dem Göttinger Wohnungsmarkt schlicht keine Chance.“ Und selbst wenn sie die bekäme, würde das Geld nicht ausreichen. Die geforderten Preise selbst für Kleinstwohnungen liegen oberhalb der Angemessenheitsgrenze für die Kosten der Unterkunft. Die liegen für alleinstehende Leistungsbezieher in Göttingen bei 453 Euro.

Und auch wenn das momentan wenig tröstlich für sie ist: Nitzschke ist nicht allein mit ihrem Schicksal. „Viele Leute haben derzeit unverschuldet kein Dach mehr über dem Kopf, weil sie ihre Wohnung verlieren und sich eine neue schlicht nicht mehr leisten können“, weiß Uwe Friebe vom Verein Förderer, einer Anlaufstelle für Obdachlose.

Ein kleines Wunder

„Wenn jetzt nicht ein kleines Wunder passiert, sitze ich in zehn Tagen auf der Straße, sagt Nitzschke unter Tränen. Ein kleines Wunder gab es bereits: Nach der Berichterstattung des NDR über ihren Fall wurden ihr zwei Wohnungen angeboten – leider nicht in Göttingen. Andere Zuschauer boten ihr Geld an. „Diese Hilfsbereitschaft ist unglaublich.“ Aber auch sie kann die Räumung nicht verhindern. „Da ist juristisch nichts mehr gegen zu machen“, bestätigt ihr Göttinger Anwalt Sven Adam.

Einen Plan für die Zeit nach dem 8. November hat Nitzschke nicht. Ihre Möbel und Habseligkeiten muss sie wohl zurücklassen, eine Einlagerung wäre zu teuer. Wo sie dann schlafen soll, weiß sie noch nicht. „Ich habe Angst“, sagt sie.

Von Markus Scharf

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