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Göttingen Gutachter haben keine Zweifel an Geständnis
Die Region Göttingen Gutachter haben keine Zweifel an Geständnis
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20:02 09.06.2011
Geständnis „erlebnisbasiert“: Der Angeklagte Jan O. (rechts neben seinem Pflichtverteidiger Markus Fischer) vor Gericht. Quelle: Hinzmann

Wolfgang Grellner, Professor für Rechtsmedizin, und Georg Stolpmann, forensischer Psychiater, haben in der gestrigen Verhandlung versucht, die Schilderungen des Tatgeschehens mit wissenschaftlichen Erkenntnissen in Einklang zu bringen.

Grellner hatte die Leichen der 14-jährigen Nina und des 13-jährigen Tobias obduziert. Beide Kinder sind dem Rechtsmediziner nach an schwersten Stich- und Schnittverletzungen gestorben. In seinem Geständnis, das Jan O. am jüngsten Verhandlungstag unter Ausschluss der Öffentlichkeit im Wesentlichen wiederholte, gab der 26-Jährige an, Nina bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt und ihr schließlich die Kehle durchgeschnitten zu haben. „Die Schilderungen decken sich mit den Verletzungen am Hals“, erklärte Grellner. Auch die von O. eingeräumten Versuche, Teile der Leiche zu essen und das Blut von Nina getrunken zu haben, kann Grellner nicht ausschließen. Die detaillierten Beschreibungen des Angeklagten ließen sich medizinisch nachvollziehen. Bei beiden Kindern gebe es keine Belege für einen sexuellen Missbrauch, jedoch Hinweise auf eine sexuelle Motivation. Tobias sei, wie Nina, massiv gewürgt worden. Auch bei ihm hätte schon das Würgen tödlich sein können. Todesursache sei aber der massive Blutverlust nach mehreren Messerstichen gewesen. 14 Stiche in Hals und Gesicht zählte der Rechtsmediziner. Dabei hatte sich Jan O. auch selbst verletzt. Diese Verletzung könne, so Grellner, auch die Blutspuren erklären, die sich an den Unterschenkeln des Schülers fanden. Die Spuren waren eine von einer Reihe von Ungereimtheiten in der Aussage O.s.

Georg Stolpmann wurde von der Strafkammer damit beauftragt, ein aussagepsychologisches Gutachten zu erstellen, um diese Ungereimtheiten auszuräumen: Er sollte prüfen, ob die Schilderungen in O.s Geständnis „erlebnisorientiert“ oder erfunden waren. Stolpmanns Fazit: Die Schilderung des Tatgeschehens sei erlebnisorientiert. Stolpmann betonte aber mehrfach, dass ein aussagepsychologisches Gutachten lediglich eine Aussage darüber treffen kann, wie wahrscheinlich es ist, dass eine Aussage ohne einen erlebten Hintergrund produziert wurde. Die Wahrheit könne er nicht herausfinden, das sei die Aufgabe des Gerichts.

Dass es indes höchst unwahrscheinlich ist, dass Jan O. seine Aussage erfunden hat, kann Stolpmann an „originellen Details“ festmachen, denn erlebtes sei „persönlicher, unmittelbarer und detaillierter“, so der Fachmann. An etlichen Beispielen konnte der Psychiater belegen, dass O. das Geschehene tatsächlich erlebt habe. So habe O. völlig empört reagiert, als er in der Anklage lesen musste, dass er Tobias auch vergewaltigen wollte: „Ich bin doch keine Schwuchtel“, wehrte er sich gegenüber dem Sachverständigen gegen die Anklagevorwurf. Jan O. hatte Tobias irrtümlich für ein Mädchen gehalten. Auch die Erwägung, O. habe seine Schilderung gezielt übertrieben und dramatisiert, um Aufmerksamkeit zu erregen, konnte Stolpmann plausibel widerlegen. „Sein gesamtes Aussageverhalten lässt den Schluss nicht zu.“ So habe Jan O. keine Chance genutzt, um sich zu präsentieren, Aussagen habe er stets unter der Bedingung gemacht, dass die Öffentlichkeit ausgeschlossen wird.

Am heutigen Freitag wird Jürgen Leo Müller, Professor für forensische Psychiatrie und Psychotherapie, als vierter und letzter Sachverständiger sein Gutachten erstatten. Es spielt eine große Rolle in der Frage, ob Jan O. schuldfähig ist oder nicht. Die Kammer hat bereits angekündigt, dass die Verhandlung unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden soll.