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Göttingen „Redet miteinander!“
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00:33 20.05.2018
Erstes Zusammentreffen von Axel Morgenroth und Otto Knoke vor dem besetzten Haus in der Reitstallstraße. Quelle: Foto: Karl-Heinz Otto
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Göttingen

Es war im Frühling 1984, als sechs Göttinger Studenten das Haus Nummer 5 an der Reitstallstraße besetzten. Sie hatten sich zu der Gruppe „Gewaltfreie Aktion Göttingen“ zusammengeschlossen, um zu zeigen, dass Protest auch friedlich verlaufen kann. In Zeiten von Großdemonstrationen beispielsweise in Brokdorf mit 100 000 Menschen und mehreren hundert Verletzten auf Seiten der Demonstranten und der Polizei wollte die Gruppe ein Zeichen setzen. Auch gegen die spürbare Gewaltbereitschaft in der Göttinger Szene.

Erste Verhandlung mit der Polizei

„Es war ein schönes Haus“, erzählt Axel Morgenroth, der sich damals einige Monate in der Reitstallstraße 5 einquartiert hatte. Die Immobilie sollte wie viele in Göttingen „luxussaniert“ werden. Um das zu verhindern, zogen die Studenten bei der letzten verbliebenen Mieterin ein. „Wir haben dann angefangen zu renovieren, obwohl wir wussten, dass das Haus abgerissen werden soll“, erinnert sich Morgenroth lachend. Er war es auch, der aus der Gruppe ausgewählt wurde, als es am Tag der Räumung darum ging, mit der Polizei zu verhandeln.

Göttinger Hausbesetzungen in den 80er Jahren

Und so standen sich der schlaksige Religionsstudent mit den langen blonden Haaren und der spätere Inspektionsleiter Otto Knoke in Uniform und mit dunkler Sonnenbrille am Morgen vor dem Haus gegenüber. Für Morgenroth eine prägende Begegnung. Denn was ihm seine Mutter schon in frühen Jahren beigebracht hatte, bestätigte sich an diesem Tag: Es lohnt sich, miteinander zu sprechen – auch wenn der Gegenüber ein Polizist ist.

„Friede den Hütten, Krieg den Palästen“

Das Ergebnis: Nachdem der eine beteuerte, von ihnen gehe keine Gewalt aus, wies der andere seine Kollegen an, Helme und Schlagstöcke wegzupacken. Die Studenten ließen sich medienwirksam aus dem Haus tragen und konnten anschließend gehen. „Die haben nicht mal unsere Personalien verlangt“, erinnert sich der heute 62-jährige Morgenroth.

Ein für damalige Zeiten nicht selbstverständlicher Ausgang einer Hausbesetzung, die durchaus auch in direkter Konfrontation ausgehen konnten. In Spitzenzeiten waren in Göttingen mehr als 50 Häuser besetzt. Auf den Transparenten der Zeit waren Slogans wie „Wohnraum muss her, sonst gibt es keine Ruhe mehr“ oder „Friede den Hütten, Krieg den Palästen“ zu lesen. Die feste Überzeugung, dass es auch ohne Krieg funktionieren muss, ließ Morgenroth in der Folge immer häufiger in die Rolle des Vermittlers zwischen den Fronten schlüpfen.

Ein nicht ungefährlicher Spagat

Während er sich einerseits aktiv an den Protesten gegen den Bau der Startbahn-West in Frankfurt beteiligte oder sich der Anti-Atomkraftbewegung im Wendland anschloss, stand er in Göttingen in ständigem Kontakt zur Polizeiführung. Ein für ihn nicht immer ungefährlicher Spagat. Als am 25. November 1989 nach dem Tod von Conny Wessmann 10 000 Demonstranten durch Göttingen marschierten, stand der Pazifist plötzlich unerwartet mit dem Rücken an der Wand. Auch hier hatte er im Vorfeld Kontakt zur Polizei gehalten. Am Ende stand der Vorwurf im Raum, er habe die Demonstranten verraten und sich dann verdrückt.

Hausbesetzungen in Göttingen in den 2010er Jahren

„Tatsächlich bin ich damals zu meiner schwangeren Frau nach Hause gefahren. Es war mit der Einsatzleitung vereinbart, dass ich mich abmelde.“ Diese Nachricht wurde abgefangen und gegen ihn verwendet. „Natürlich habe ich kein Signal gegeben.“ Noch heute lächelt er bitter, wenn er davon erzählt. In der Folge war lange Jahre der Spruch „Tötet Axel Morgenroth“ am Göttinger Juzi zu lesen. Aber auch das hielt ihn nicht davon ab, bei den folgenden Demonstrationen dabeizusein – immer zwischen schwarzem Block und der Polizei.

„Verpiss dich“

Die Ablehnung sei greifbar gewesen. Es gehöre zu seiner Geschichte mit Autonomen, dass er „Verpiss dich“ zu hören bekomme. Gleichzeitig sei er sich immer sicher gewesen, dass die Steine nicht in seine Richtung fliegen. Er sollte Recht behalten. Zwischenzeitlich habe für einige Jahre sogar ein Vertrauensverhältnis in beide Richtungen bestanden. Erst als der politische Wille aus dem Innenministerium in Hannover diese Zusammenarbeit unmöglich machte, zogen sich die beteiligten Akteure zurück.

So auch Morgenroth. Erst vor wenigen Jahren kehrte er zurück. Die Kundgebungen rechtsradikaler Gruppen und die zum Teil eskalierenden Gegendemonstrationen ließen ihn wieder aktiv werden. Aus den langen blonden sind kurze graue Haare geworden, aus dem Religionsstudenten ein Bäckermeister mit eigenem Betrieb. An seiner Überzeugung hat sich nichts geändert. Auch die Kontakte zur Polizei waren bald wieder hergestellt. Und sein Platz ist immer noch zwischen den Fronten.

Hoffnung auf Nachahmer

Er erzählt, wie der aktuelle PI-Leiter Thomas Rath mit ihm gemeinsam Wasser in einem Demonstrantencamp am Bahnhof verteilte, statt es gewaltsam auflösen zu lassen. Oder wie sich Polizeipräsident Uwe Lührig zusammen mit ihm zwischen vermummte Demonstranten und eine Polizeihundertschaft stellte, um die Gemüter zu beruhigen. Auf welcher Seite steht Axel Morgenroth? „Ich habe mich für beide Seiten entschieden.“

So auch bei der jüngsten Hausbesetzung in Göttingen. Er habe viel Sympathie für die Aktion. Vieles habe ihn an die 1980er Jahren erinnert – auch die Ablehnung, die ihm schließlich entgegengeschlagen sei. „Die halten mich für einen Vollidioten, aber das ist egal.“ Er selbst werde das nicht ewig weitermachen können, so Morgenroth, aber er hofft auf Nachahmer. Sein Appell: „Redet miteinander!“

Von Matthias Heinzel Hausbesetzungen in Göttingen: Jürgen Trittin erinnert sich

Die Hoch-Zeit der Hausbesetzungen waren die 1980er Jahre. Eine erste Welle begann gleich im Jahr 1980, als im Dezember die Jüdenstraße 35 und die Prager Schule besetzt wurden. Sie werden am 4. Februar des folgenden Jahres geräumt.

Die Hoch-Zeit der Hausbesetzungen waren die 1980er Jahre. Eine erste Welle begann gleich im Jahr 1980, als im Dezember die Jüdenstraße 35 und die Prager Schule besetzt wurden. Sie werden am 4. Februar des folgenden Jahres geräumt.

Doch schon drei Monate später besetzen Stundenten und Sympathisanten Häuser in der Goßler und in der Weender Landstraße. Im Oktober 1981 wird die ehemalige Zahnklinik in der Geiststraße besetzt.

Eine zweite noch intensivere Welle der Hausbesetzungen beginnt 1986. Im November werden die Häuser Burgstraße 7 und Theaterplatz 7 besetzt. Doch schon drei Tage später räumt die Polizei die Häuser, wie auch das schon lseit Mitte Oktober besetzte Haus Schieferweg 29.

Ende März 1987 dringen Besetzer in das „Rosa Haus in der Bürgerstaße 12“ ein. Es folgt die ehemalige Luisenschule in der Baurat-Gerber Straße 10. Dort wird ein selbstverwaltetes Jugendzentrum eingerichtet. Ein Grund für die Besetzung ist laut Flugblatt, dass „Spekulanten, Hausbesitzergesellschaften und Bauunternehmer (sich) auf unserem Rücken … eine goldene Nase“ verdienen.

„Zwei Bausünden“

Dies ist nur ein kleiner Ausschnitt der Göttinger Hausbesetzungen in dieser Zeit. Einer, der ganz nah dran war an der Hausbesetzerszene in den 1980er Jahren, war Jürgen Trittin, damals Student in der Stadt. „Als ich 1973 das erste Mal nach Göttingen kam“, erinnert sich der spätere Bundesumweltminister und heutige Göttinger Bundestagsabgeordnete, „fielen mir gleich zwei Bausünden auf: Die Stadthalle, die heute immer noch steht. Und das frisch abgerissene Reitstallviertel.“ Das, so Trittin, „wurde abgerissen, nachdem die Besetzer geräumt wurden. Ersetzt durch einen Bau, der einst Hertie und heute das Carré beherbergt. Aus malerischen Ställen wurde ein Betonklotz.“

Der damaligen Hausbesetzerszene schreibt Trittin eine ausgesprochen wichtige Rolle zu: „Das Stadtbild und die Stadtentwicklung Göttingens sind ohne den Häuserkampf, ohne Räumungen, ohne Besetzungen nicht zu verstehen.“ So seien Häuser in der Roten Straße nur wegen erfolgter Besetzungen Wohnheime geworden. Trittin: „Doch es wurde nicht nur Wohnraum geschaffen, sondern wertvolle historische Stadtsubstanz erhalten.

Bühlstraße, Kreuzbergring – durch all diese Viertel wollte eine Große Koalition eine vierspurige Straße bauen. Wer sich das vorstellen will, denke sich die Ortsumgehung Waake quer durch das Ostviertel.“ Dies hätten Hausbesetzer verhindert: „Sie haben dabei gegen Gesetze verstoßen, Rechtsbruch begangen – aber sie hatten Erfolg. Die Häuser blieben stehen, wurden saniert, sind bewohnt.“

Von Markus Scharf

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