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Göttingen „Uns fehlt der Nachwuchs“
Die Region Göttingen „Uns fehlt der Nachwuchs“
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00:19 15.05.2018
Eine Hebamme kümmert sich in ihrer Praxis um den neun Tage alten Emil. Quelle: dpa
Göttingen

„Fast alle Krankenhäuser in der Region suchen Hebammen”: Das sagt Birgit Steinmetz-Roesener, Kreissprecherin der Hebammen in Göttingen. „Uns fehlt der Nachwuchs”, sagt sie. Der Hebammenmangel, auf den der Deutsche Hebammenverband bereits seit Jahren aufmerksam macht, „hat auch die Region Göttingen erreicht”, so Steinmetz-Roesener. Das Problem: Auch in der Region gibt es Krankenhäuser- beispielsweise in Duderstadt, die ihre Geburtshilfeabteilung geschlossen haben. „Aber es werden wieder mehr Kinder geboren”, sagt die Hebamme. Die Kreißsäle in der Region platzen ihren Angaben zufolge „aus allen Nähten”. Auch wenn in Göttingen bislang noch jede Schwangere in einem Krankenhaus entbinden konnte, vor allem die Betreuung der Mütter und ihrer Säuglinge in den Tagen nach der Geburt sei nicht garantiert. „Am besten kümmert man sich schon um eine Hebamme, sobald man den Verdacht hat, schwanger zu sein”, sagt sie. „Ich bin beispielsweise bis Oktober ausgebucht.” Hebammen, so will es das Gesetz, dürfen nur immer zwei Mütter zur gleichen Zeit betreuen.

Noch schwieriger sei die Lage bei Hausgeburten. „Wir haben zwei Hebammen im Altkreis Göttingen, die noch Hausgeburten übernehmen können”, sagt sie. Auch wenn die Situation in anderen Gegenden weit dramatischer ist als in Göttingen, der Mangel mache sich bemerkbar - vor allem bei den Familienhebammen. Die betreuen Mütter mit besonderem Hilfebedarf und werden in Hannover ausgebildet. „Im aktuellen Jahrgang gibt es eine einzige Schülerin”, sagt Steinmetz-Roesener. Als Kompromiss würden auch Kinderkrankenschwestern dafür eingestellt, diese dürfen aber keine speziellen Hebammen-Tätigkeiten ausüben. „Es gibt immer mehr Mütter, die keine Betreuung zuhause nach der Geburt mehr haben”, sagt die Hebamme. Sie empfiehlt werdenden Müttern, sich so schnell wie möglich um eine Hebamme zu kümmern. „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst”, sagt sie.

Dabei sei der Beruf Hebamme doch „wirklich schön”. Der Zauber der Geburt, den findet sie noch heute, nach 23 Jahren im Beruf, „großartig”. Weit weniger großartig ist die Veränderung. „Immer mehr Bürokratie, steigende Versicherungssummen, Qualitätszirkel, Datenschutzrichtlinien”, zählt sie auf. Dabei sei sie Hebamme geworden, um eben gerade keinen Bürokraten-Job zu machen.

Nach Angaben des Deutschen Hebammenverbandes bleiben Hebammen durchschnittlich nicht länger als sieben Jahre im Beruf. Trotz der aktuell leicht steigenden Anzahl von Hebammen sowie Ausbildungs- und Studienplätzen könne der aktuelle Hebammenmangel nur behoben werden, wenn sich die Arbeitsbedingungen verbessern. Deutschland ist eines der letzten Länder in der EU, in dem Hebammen noch nicht vollständig an der Hochschule ausgebildet werden.

Bildet Hebammen aus: Cornelia Krapp. Quelle: UMG

Beruf Hebamme: Interview mit Lehrerin Cornelia Krapp

An der Hebammenschulde der Bildungsakademie der Universitätsmedizin Göttingen ( UMG) werden Hebammen ausgebildet. Die Leitende Lehrerin Cornelia Krapp erklärt, wie der Beruf in Zukunft attraktiver werden kann.

Wie steht es um die Ausbildung der Hebammen, was verändert sich?

Ab Januar 2020 sollen die EU-Richtlinien umgesetzt werden: Ab diesem Zeitpunkt gilt als Zugangsvoraussetzung für die Ausbildung eine zwölfjährige Schulbildung. Die Ausbildung selbst wird dann ein ein Bachelor-Studium.

Wie stark sind die Ausbildungs-Jahrgänge derzeit , werden die Klassen noch voll?

Unsere Klassen sind voll besetzt mit 18 Schülerinnen. Zum 1. Oktober wird ein zusätzlicher Kurs mit zehn Gesundheits- und Krankenpflegerinnen angeboten. Sie können die Ausbildung um ein Jahr verkürzen. Unser diesjähriger Bewerbungszeitraum läuft noch bis 20. Juni.

Wie hat sich das Interesse am Hebammen-Beruf in den vergangenen Jahren verändert?

Es besteht wieder mehr Interesse am Beruf Hebamme. Diese Rückmeldung bekomme ich auch von anderen niedersächsischen Hebammenschulen

Warum interessieren sich junge Menschen heute weniger für den Beruf? Was wird am häufigsten kritisiert?

Sicher ist es zunächst einmal der Schichtdienst, überhaupt die unregelmäßigen Arbeitszeiten, ein Problem für einige Interessenten. Trotz allem ist es ein sehr schöner Beruf, was mir auch die Bewerberinnen immer wieder bestätigen. Die hohe Versicherungssumme für Selbstständige Hebammen hat sicher viele junge Frauen erst einmal abgeschreckt

Wie viele der fertigen Hebammen gehen denn in die Selbständigkeit, wie viele in ein Krankenhaus?

Etwa ein Drittel arbeitet selbstständig, zwei Drittel in einer Klinik.

Wie viele Hebammen arbeiten zurzeit in der UMG?

Wir haben 22 Hebammen in der Entbindungsabteilung.

Welche Maßnahmen gibt es, um den Beruf aufzuwerten?

Ab 2020 gibt es das Studium – mit Übergangszeiten ist natürlich zu rechnen. Für Beleghebammen wird künftig teilweise oder auch komplett die Haftpflichtversicherung übernommen.

Gibt es viele offene Stellen?

Ja. Im November werden fünf Schülerinnen an der UMG übernommen. Es gibt überall in Deutschland reichlich freie Stellen für Angestellte und auch für selbstständige Hebammen.

Von Britta Bielefeld

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