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Göttingen „Vielen Dank Herr Buergenthal“
Die Region Göttingen „Vielen Dank Herr Buergenthal“
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00:20 09.02.2018
Rieka Buchenau liest den Brief, den sie nach einem Besuch des Vernichtungslagers Auschwitz mit der Lektüre von Thomas Buergenthals Biografie „Ein Glückskind" geschrieben hat. Quelle: Richter
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Göttingen

Am Mittwoch, 7. Februar, werden in Göttingen 18 Stolpersteine zum Gedenken an jüdische Familien verlegt. Zu diesem Anlass ist auch Thomas Buergenthal mit Teilen seiner Familie aus den USA angereist. Am Dienstag besuchte er das Felix-Klein-Gymnasium (FKG) – und bekam überraschend Post.

„Eigentlich wollten wir Ihnen diesen Brief schicken, aber jetzt, da Sie uns besuchen, können wir ihn ja auch persönlich vorlesen“, sagt Rieka Buchenau am Dienstag vor versammelter FKG-Schülerschaft und wendet sich direkt an den berühmten Ex-Schüler im Publikum: Thomas Buergenthal – Jurist, Buchautor, Überlebender des Holocaust. Später wird die 18-Jährige verraten, dass sie extrem dankbar sei, ihn persönlich getroffen zu haben.

Im Rahmen einer einwöchigen Studienfahrt hatte sie gemeinsam mit dem Deutschkurs des zwölften Jahrgangs die Stadt Krakau und bei dieser Gelegenheit auch das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau besucht. Um das Gesehene und das zuvor Erlernte begreifbar zu machen, lasen die Schüler Buergenthals Buch „Ein Glückskind“, in dem er unter anderem seine Kindheit im Ghetto Kielce und in den Lagern Auschwitz und Sachsenhausen beschreibt. All das überlebte er ebenso wie den Todesmarsch im Winter 1944/45 – „erstaunlicherweise unbeschadet“, wie er sagt.

„Das erste Mal begegneten wir Ihnen, da saßen wir vor den Stacheldrahtzäunen des Vernichtungslagers Birkenau. Um uns herum war Stimmengewirr, die Sonne schien, und im Hintergrund dröhnten die Shuttlebusse. Wir lasen Auszüge aus „Ein Glückskind“ laut vor. Als wir Ihren Worten lauschten, verschwand das Gras, auf dem wir saßen, der Lärm des Tourismus wurde ersetzt durch den deutschen Befehlston, und auch die Sonne gab es nicht mehr, denn sie schien nicht zu passen in die Welt des Glückskindes“, schreibt Rieka in ihrem Brief.

Buergenthal ging nach seiner Schulzeit am FKG 1951 in die USA, studierte Jura, spezialisierte sich auf internationales Recht und Menschenrechte und lehrte als Professor an mehreren Universitäten. Er wirkte an der Gründung des Interamerikanischen Gerichtshofs für Menschenrechte mit, war Richter am Internationalen Gerichtshof (IGH) in Den Haag und schrieb 2007 seine Autobiografie. Als Überlebender des Holocaust sprach Buergenthal außerdem bei zahllosen Gelegenheiten über seine Geschichte – zuletzt Ende Januar vor den Vereinten Nationen.

Denkmal für die Opfer des Nationalsozialismus unter den Schülern der Schule auf dem Gelände der Schule. Quelle: Richter

Als aber am Dienstag die 18-jährige Rieka den Brief bis zum Ende verlesen hat und mit den Worten schließt „Das Glückskind ist ein Glück für die Welt. Vielen Dank Herr Buergenthal“, fällt es dem 83-Jährigen vorübergehend schwer zu sprechen. Dieser Brief müsse veröffentlicht werden, damit möglichst viele Menschen davon lernen können, lobt ein sichtlich bewegter Buergenthal die Schüler. Er werde sich dafür einsetzen, dass Riekas Zeilen in einer neuen Auflage seines Buches als Anhang abgedruckt werden.

Als er in der anschließenden Diskussion von Schülern gefragt wird, welche Veränderung er an seiner Schule festgestellt habe, antwortet er: „Ein solcher Brief und eine Diskussion wie diese, wäre zu meiner Zeit nicht denkbar gewesen.“ Ein weiterer Schüler will wissen, wie es ihm gelungen ist, Auschwitz zu überleben. „Früher habe ich oft gesagt, es war Glück. Heute sage ich, ich hatte eine Strategie: Ich kämpfte meinen persönlichen Kampf gegen Hitler und ich wollte ihn nicht gewinnen lassen.“ Bei Sätzen wie diesem lacht Buergenthal. Die Schüler tun es ihm gleich.

Als Buergenthal wie durch ein Wunder überlebt und durch einen Zufall seine Mutter wiedergefunden hatte, verbrachte er einige Jahre in Göttingen. Der Stadt, in der schon seine Großeltern lebten. Hier holte er seine Schulausbildung nach. Hier habe er nach dem ganzen Grauen andere Deutsche kennengelernt. Hier habe er den Hass verloren, sagt er heute. „Einige Mitschüler haben mich damals beneidet, weil ich den Religionsunterricht nicht mitmachen musste. Sie fragten mich ernsthaft: Wie wird man eigentlich Jude?“ Wieder dieses freundliche Lachen.

Buergenthal ist der Stadt bis heute auf vielfältige Weise verbunden. Sein Name ist auf dem Gedenkstein auf dem FKG-Schulhof zu lesen, das ehemalige Stadthaus ist nach ihm benannt. Er trägt die Ehrendoktorwürde der Juristischen Fakultät der Georg-August-Universität und wird ab Donnerstag erstes Ehrenmitglied des Fördervereins der Göttinger Stadtbibliothek sein, den er vor zehn Jahren mit begründet hat. Und wenn am Mittwoch die Stolpersteine in der Groner Straße und im Papendiek verlegt wurden, erinnern darauf die Namen an sechs Mitglieder seiner Familie.

Es bedeute ihm viel, dass er diese Erlebnisse mit seiner Familie teilen könne, sagt Buergenthal und blickt zu seinem 13-jährigen Enkel. Der wird mit nach Hause nehmen können, dass in Göttingen Schüler zu seinem Großvater sagen: „Vielen Dank Herr Buergenthal“.

18 Gedenksteine für Göttingen

Gunter Demnig wird am Mittwoch, 7. Februar, ab 13.30 Uhr die Steine an verschiedenen Orten installieren. Den Anfang macht er am Haus Weender Straße 70, wo Max Raffael und Nathan Hahn gemeinsam mit ihren Ehefrauen Gertrud und Betty und den Kindern bis zu ihrer Deportation lebten. Die zweite Station ist vor dem Haus Papendieck 3, dem letzten Göttinger Wohnort von Lea und Max Silbergleit. Ihre Geschwister Rosa und Paul Silbergleit lebten in der Groner Straße 52, wo im Anschluss Steine verlegt werden. Vor der Lotzestraße 20a schließlich soll an Aenne und Eugen Meininger erinnert werden.

Von Markus Scharf

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