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Göttingen „Ich dachte, da komme ich nie wieder raus“
Die Region Göttingen „Ich dachte, da komme ich nie wieder raus“
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20:08 10.11.2009
Heimgekehrt von ihrer persönlichen Odyssee: Sabine Meier (Name geändert). Quelle: Theodoro da Silva
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„Man stürzt hinab, von einem Tag auf den anderen. Ganz tief.“ Sabine Meier (Name geändert) rutscht auf dem schmalen roten Schlafsofa hin und her. Die 47-Jährige spricht leise, ihre Stimme zittert. „Es ist schwer für Außenstehende, sich das vorzustellen.“ Die herbstliche Dunkelheit dringt durch das Fenster ihrer Ein-Zimmer-Wohnung am Rande Göttingens.
Sabine Meier hatte alles, was sie sich wünschte: eine Familie, zwei Töchter, ein eigenes kleines Geschäft, Freunde. Vor 15 Jahren beginnt dann ihr persönlicher Alptraum. Doch was andere in eine Sackgasse führt, überwindet sie. Schritt für Schritt erkämpft sie sich ihr Leben zurück.
In ihrem Elternhaus sei sie der Liebe ihrer Mutter immer hinterher gelaufen, vergeblich. Doch dann lernte sie ihren Mann kennen, alles wendete sich zum Guten. Das erste Kind kam und noch eine zweites. Eigentlich ein schönes Ereignis. Doch die ältere Tochter erkrankt an einem seltenen schweren Nierenleiden. Sie muss in ein Krankenhaus, ringt permanent mit dem Tode.
Der Absturz
„Sie war kein Kind mehr, nur noch ein schreiendes Bündel“, erinnert sich Meier. Unerträglich sei es gewesen, ihre Tochter so leiden zu sehen. Über Wochen und Monate wechseln sich ihr Mann und sie im Krankenhaus ab. „Um 7 Uhr morgens übergaben wir an den anderen.“ Ihr Baby musste sie in dieser Zeit zuhause lassen, berichtet die 47-Jährige mit erstickter Stimme. Sie macht sich noch heute Vorwürfe. Dann kommt alles noch schlimmer: Ihr Mann erleidet einen schweren Autounfall und fällt ins Koma. Sabine Meier greift zum Alkohol, um überhaupt einmal zur Ruhe zu kommen, die Schicksalsschläge irgendwie erträglich zu machen.
Doch ihr Mann erholt sich, der Tochter kann geholfen werden. Mit einer Entgiftung schafft es Meier, den Alkohol hinter sich zu lassen. Es geht aufwärts: Die Niedersächsin erfüllt sich den Traum vom eigenen Laden, „alles lief so gut“.
Dann erkrankt ihre Mutter schwer. „Ich war ein ungeliebtes Kind. Dass mich das so trifft, hätte ich nie gedacht.“ Sie pflegt die Mutter, dazu noch ihre geistig behinderte Schwester. Irgendwann wird die Belastung so groß, dass sie wieder zur Flasche greift. Um dem Wahnsinn für kurze Zeit zu entkommen.
Ihre Ehe zerbricht darüber, der Mann verlässt sie und entzieht ihr das Sorgerecht für ihre beiden Töchter. Sabine Meier stürzt immer tiefer. Sie wird geschüttelt von schweren Depressionen, erleidet Panikattacken, muss immer wieder in die Psychiatrie, von einer Entgiftung in die nächste. Sie versucht, sich das Leben zu nehmen. Ihre beste Freundin wendet sich ab. Sie solle sich wieder melden, wenn es ihr besser gehe. Im Gespräch fällt ein Satz immer wieder. „Ich dachte, da komme ich nie wieder raus.“ Schließlich zieht die Frau nach Göttingen, die Psychiatrie im Rücken gibt ihr Sicherheit. Sie hat nichts: keine Wohnung, nur 80 Euro zum Leben. Wie viele ist sie auf die Hilfe der Tafel angewiesen. Wie vielen ist es ihr schrecklich peinlich. Nach einem kurzen Rückfall kommt sie langsam auf die Beine. Sie stößt auf den städtischen allgemeinen Sozialdienst. „Das war das erste Mal, dass mir jemand keine Vorwürfe machte.“
Aufwärts
Man vermittelt ihr einen Ein-Euro-Job, hilft ihr, wo es geht. Sie kommt wieder unter Menschen, mietet sich eine eigene Wohnung, kann sich selbst versorgen. „Diese Hilfe war wie ein Geschenk des Himmels. Ich hatte das Gefühl, ein Wunder ist geschehen.“ Sabine spricht ruhig, ganz sanft, sie lächelt scheu. Zwar sind ihre Schwierigkeiten nicht kleiner geworden, doch sie kämpft sich zurück. Sie weiß: Sie leidet an einer Krankheit. Sie liest Fachbücher, versucht die Hintergründe ihrer Sucht zu durchdringen.
Ihre Kinder sieht sie so oft wie möglich, doch beide wohnen in anderen entfernten Städten, da ist jede Fahrt ein finanzieller Kraftakt. Dabei sind ihre Töchter „ihr Lebenselixier“. Mit ihnen spricht sie immer wieder über ihre Sucht. „Ich will nichts totschweigen.“ Das Verhältnis zu beiden wird immer besser. Seit einem Jahr ist sie jetzt abstinent. Ihr größter Traum? Vielleicht wieder im alten Beruf zu arbeiten. Und eine Wohnung mit einem zweiten Zimmer. „Dann kann mich auch eine meiner Töchter besuchen.“
Bei allem Negativen versuche sie, das Positive zu sehen. Gerade die kleinen Dinge, die man sonst so einfach übersehe. Vorwürfe macht sie nur sich selbst.

Von Erik Westermann

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