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Göttingen Immenhof-Filme: Skandal um Pastor in Heiratsszene
Die Region Göttingen Immenhof-Filme: Skandal um Pastor in Heiratsszene
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17:01 14.08.2012
Kinder, Pferde und malerische Landschaft: Angelika Meissner spielt in den Immenhof-Filmen Dick. Quelle: Sammlung Bornée
Göttingen

Mehr als 50 Jahre ist es her, dass die Immenhof-Filme der in Göttingen gegründeten Arca in die Kinos kamen. Doch  die Filme sind bis heute beliebt. Noch immer wird die heute 88-jährige Carola Bornée, die mit ihrer Arca-Herstellungsgruppe die Filme realisierte, bisweilen auf das Thema angesprochen und bekommt Post von Fans.

Rührige Immenhof-Fans

Es gibt treue und rührige Immenhof-Fans, so wie Mario Würz, Jahrgang 1969. Er war noch gar nicht geboren, als die Filme im Kino liefen. Der gebürtige Hesse verliebt sich in die Filme, als er sie als Jugendlicher im Fernsehen sieht – und zwar so sehr, dass er nach seiner Ausbildung zum Maler und Lackierer nach Schleswig-Holstein zieht, dorthin, wo die Filme gedreht wurden. Zeitweise wohnt Würz nach eigenen Angaben sogar selbst auf dem „Immenhof“ – in Wirklichkeit das Gut Rothensande bei Malente in der Holsteinischen Schweiz.

Immenhof-Darsteller: Raidar Müller, Angelika Meissner, Matthias Fuchs und Heidi Brühl (von oben). Quelle: Sammlung Bornée

Doch die Nähe zu den Original-Filmschauplätzen reicht dem Fan nicht. Er gründet einen Fan-Club und 2005 organisiert er ein Immenhof-Festival – 50 Jahre, nachdem der erste Film 1955 in die Kinos gekommen ist. „Die Mädels vom Immenhof“ wurde als idyllischer Familienfilm mit Kindern, Pferden und malerischer Landschaft ein großer Erfolg. Die Fortsetzungen „Hochzeit auf Immenhof“ und „Ferien auf Immenhof“ folgten 1956 und 1957. Dem Kino- und später dem Fernsehpublikum wächst das Ponygestüt mit Oma Jantzen (Margarete Haagen) und ihren Enkelinnen Dick (Angelika Meissner) und Dalli (Heidi Brühl) ans Herz. Noch heute werden die Filme regelmäßig im Fernsehen ausgestrahlt.

Viele alte Bekannte treffen sich wieder

50 Jahre nach dem ersten Film treffen sich am Jubiläumswochenende 2005 in Bad Malente-Gremsmühlen viele alte Bekannte wieder. Dabei ist auch die aus Weende stammende Bornée. Das Treffen sei rührend gewesen, erinnert sich Bornée. Am Festball hätten 200 Leute teilgenommen, der Saal sei im Stil der 50er-Jahre geschmückt gewesen.

Bornée muss an dem Wochenende viele Autogramme geben. Die Immenhof-Ausstellung, auch bestückt mit Exponaten aus Bornées Sammlung, wird eröffnet. Zu sehen sind unter anderem Plakate und Fotos. Würz kurbelt den Immenhof-Tourismus mit vielen Projekten an. Der Fan hat sogar drei Immenhof-Bücher verfasst: „Sommernacht auf Immenhof“, „Abschied vom Immenhof“ und „Die Rückkehr zum Immenhof“.

Der Tourismus-Service Malente wirbt mit Touren zu den Film-Schauplätzen und dem von Würz betreuten Museum zu den Immenhof-Filmen in der Kampstraße 1 in Bad Malente. Auch ein Immenhof-Festspiel-Verein ist aktiv. Doch wo viele Fans sind, gibt es manchmal auch Reibereien – zuletzt nach Zeitungsberichten in Form eines Streits um die Rechte an der Marke „Immenhof“. Es ist manchmal anstrengend, eine heile Welt aufrechtzuerhalten.

Das galt auch schon in den 50er-Jahren. Auch wenn die Immenhof-Filme eigentlich Inbegriff einer heilen Ferienwelt der 50er-Jahre und von harmlosen, netten, reizenden Familienfilmen sind: Um den zweiten Teil „Hochzeit auf Immenhof“ gab es damals einen Skandal. Das Nachrichtenmagazin „Spiegel“ berichtete dazu unter dem Titel „Frevel im Hause Gottes“.

Echter Pastor statt Schauspieler

Was war geschehen? Regisseur Volker von Collande hatte in der Kirche in Malente-Gremsmühlen die Hochzeit von Jochen von Roth (Paul Klinger) und Margot Hallgarten (Karin Andersen) gedreht. Der Einfachheit halber hatte von Collande für den Pastor keinen Schauspieler eingesetzt, sondern – den echten Pastor. Der hatte sich laut Spiegel bereit erklärt, weil er es durchaus positiv gesehen habe, dass die Malenter Kirche bekannt wird und auch einmal eine evangelische Trauung im Film zu sehen sei und nicht wie häufig eine katholische.

Das Mitwirken des Pastors brachte den bekannten und renommierten Theologie-Professor Helmut Thielicke jedoch auf die Barrikaden. Er wetterte, der Pastor habe sich zum „talartragenden Mannequin“ gemacht. „Wie“, fragt Thielicke laut Spiegel, „wird sich wohl das nächste Brautpaar fühlen, das an diesen entweihten Altar tritt? Wird es nicht mit der Anfechtung kämpfen müssen, dass auch sein Traugelübde nicht ganz ernst gemeint, dass es ein frommes Spiel sei, und dass man dieses Spiel ja abbrechen könne, wenn einem die Lust woandershin steht?“

Der angegriffene Geistliche erhielt jedoch Rückendeckung von seinem kirchlichen Vorgesetzten, den er zuvor um Erlaubnis gefragt hatte. In Leserbriefen gab es geteilte Meinungen über die Mitwirkung des Pastors und auch über die Schärfe der Kritik von Thielicke. Am Ende störte der Skandal den Kult um den Film nicht.

Der erste Immenhof-Film hat das Buch „Dick und Dalli und die Ponies“ von Ursula Bruns als Vorlage. Der Film macht die Island-Pferde in Deutschland bekannt. Die beiden Fortsetzungen, die nach dem Erfolg des ersten Teils gedreht werden, entstehen ohne Buchvorlage. Anfang der 70er-Jahre versucht Arca-Produzent Gero Wecker mit den beiden Filmen „Die Zwillinge vom Immenhof“ und „Frühling auf Immenhof“ noch einmal an die früheren Erfolge anzuknüpfen. Aus den alten Filmen ist noch die nun erwachsene Heidi Brühl dabei. Die Filme finden aber keine so starke Resonanz mehr beim Publikum und genießen bei Fans auch nicht den Kultstatus der frühen Filme.

Bornée selbst sieht diese heute immer noch gerne und erinnert sich dann auch an die Begebenheiten hinter der Kamera. Wenn die Leute bei den Uraufführungen an den richtigen Stellen gelacht und geweint hätten, sei sie der glücklichste Mensch der Erde gewesen.
In Teil 5 folgt: „Der tolle Bomberg“, die Gartetalbahn und Mädchen in Uniform.

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