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Göttingen Das Dilemma der Organspende
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00:18 07.02.2018
Seit Jahren fehlt es an Spender-Organen. Medizin und Politik wirbt um potenzielle Organspender. Quelle: epd
Göttingen

Weniger Menschen verunglücken im Straßenverkehr mit der Folge Hirntod; die Gesetzeslage in Deutschland macht es jedem leicht, dem Thema auszuweichen; zunehmend mehr Menschen verfassen eine Patientenverfügung und gehen irrtümlicherweise davon aus, dass sie nicht mehr als Organspender infrage kommen. Ärzte bemühen sich daher intensiv um Aufklärung.

Ein Rettungswagen mit Blaulicht bringt einen schwerverletzten Motorradfahrer in das Göttinger Universitätsklinikum (UMG). Not-Operation, verlegen auf die Intensivstation und dort wird festgestellt, dass der Patient möglicherweise hirntot ist. In so einem Fall greift ein stark standardisiertes Verfahren der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO), welche bundesweit die Organspende koordiniert.

In der UMG kommt dann das Transplantationsteam ins Spiel. Über eine Rufbereitschaft ist ständig einer der vier Mitarbeitern erreichbar, um sich sofort den Patienten anzuschauen. Dr. Jan Liman aus der Klinik für Neurologie ist Transplantationsbeauftragter der UMG und hat selbst jahrelang die Hirntoddiagnostik vorgenommen.

Die Frage, ob der Patient als Organspender infrage kommt, stellt sich unmittelbar, wenn sich der Verdacht auf Hirntod erhärtet, denn das Zeitfenster für eine Transplantation ist kurz. Wenn kein Organspendeausweis oder eine Patientenverfügung vorliegen, was häufig der Fall ist, müssen die Angehörigen die Entscheidung treffen. „Das ist ein extrem schwierig“, so Liman. „Der Unfall hat stattgefunden und Sie wollen gleich darüber sprechen, Organe zu entnehmen? Das geht nicht. Man muss die Angehörigen darauf vorbereiten. Und doch ist es eine absolute Ausnahmesituation für die Angehörigen.“

Zuerst müsse der Umstand verarbeitet werden, dass der Tod bevorsteht oder bereits eingetreten ist. Dann gelte es, im Gespräch herauszufinden, wie der mutmaßliche Wille des Verstorbenen aussehen würde. Geben die Angehörigen ihr Einverständnis zur Organspende, wird mit der vorbereitenden Diagnostik für die Organspende inklusive der Hirntoddiagnostik begonnen. Wobei die Hirntoddiagnostik grundsätzlich von der Organspende zu trennen ist, da erstere ohnehin bei Patienten mit schwersten Hirnschädigungen vorgenommen wird, beispielsweise um über einen Therapieabbruch entscheiden zu können.

Feststellung des Hirntods kann sich über Tage hinziehen

„Die Kollegen, die mit der Feststellung des Hirntods betraut werden, sind extremst erfahren. Aber eine Hirntoddiagnostik ist nichts, was in zwei Stunden abgeschlossen ist“, so Liman. „Stattdessen kann sich das Verfahren auch schon einmal über mehrere Tage hinziehen, um zum Beispiel auszuschließen, dass der Patientenzustand die Folge von Narkosemitteln ist, die von kranken Menschen nur langsam abgebaut werden.

Es gilt, auf Nummer sicher zu gehen und eine Fehldiagnose auszuschließen. „Die Hirntoddiagnostik ist ein komplexes Thema“, sagt Liman, „aber eines, das sehr gut geregelt ist, um zu einer klaren Entscheidung zu kommen.“ Anschließend müssen in einem ebenfalls aufwendigen Verfahren die Organe überprüft werden, ob sie sich überhaupt als Spenderorgane eignen.

Doch dass die Angehörigen ihr Einverständnis zur Organspende geben, kommt nur in der geringeren Zahl der Fälle vor, so Limans Erfahrung. „In vielleicht sechs oder sieben von zehn Fällen gibt es keine Zustimmung. Häufig aus der Angst heraus, etwas zu entscheiden, was der Verstorbene nicht gewollt hätte.“ Für die Ärzte heißt es dann: Gibt es keine Einigung der Angehörigen untereinander, wird nicht versucht, sie zu einer Organspende zu überzeugen.

Seit 2010 sind die Zahlen rückläufig

Organspende ist in Deutschland ein schwieriges Thema. Die Zahlen sprechen für sich. Gab es 2010 noch rund 1300 Menschen, denen nach dem Tod Organe entnommen wurden, fiel die Zahl kontinuierlich auf knapp 800 im Jahr 2017 – ihnen stehen gegenwärtig etwa 10 000 Menschen gegenüber, die auf ein Spenderorgan warten, rund 8000 davon auf eine Niere.

Die Ursachen für den Rückgang sind vielfältig, so Prof. Alfred Simon aus der Göttinger Akademie für Ethik und Geschichte der Medizin. „Sicher haben die Skandale rund um die Organverteilung eine Rolle gespielt. Aber es gibt auch noch ganz andere Faktoren – einer davon ist die positive Entwicklung in der Verkehrssicherheit. Dadurch hat sich das Verletzungsspektrum so verändert, dass die Folge Hirntod rückläufig ist und damit potenzielle Organspender einfach weniger werden.“

. Quelle: DSO, GRAFIK: TATER

Zudem haben 2009 die neuen gesetzlichen Regelungen zur Patientenverfügung zu mehr Rechtssicherheit geführt, was zu einem Anstieg dieser Willenserklärungen geführt hat. „Das Hauptanliegen der Menschen bei einer Patientenverfügung ist, dass sie nicht wochen- oder monatelang durch intensivmedizinische Maßnahmen am Leben erhalten werden“, so Simon. „Wer eine Patientenverfügung geschrieben hat, denkt häufig aber auch, dass er dann gar nicht mehr als Organspender infrage kommt. Dies ist aber nicht der Fall“, schließlich könne man auch einer kurzfristigen Verlängerung der intensivmedizinischen Maßnahmen zustimmen, damit die Hirntoddiagnostik durchgeführt werden kann.

Umstrittene rechtliche Regelung

Ein weiterer Grund hängt damit zusammen, wie Organspende in Deutschland rechtlich geregelt ist. Bis 2012 geschah das über die sogenannte erweiterte Zustimmungslösung – ein Mensch musste aktiv bekennen, Organspender zu sein oder die Angehörigen mussten aktiv zustimmen. Seit 2012 trat an die Stelle der erweiterten Zustimmungslösung die Erklärungslösung: Die Krankenkassen sind nun verpflichtet, die Bürger dazu aufzufordern, sich zur Organspendebereitschaft zu äußern. Eine Pflicht zur Erklärung besteht indes nicht, von daher sieht Alfred Simon in der Erklärungslösung nur einen Etikettenschwindel, weil sie keinerlei Auswirkung auf die Spendebereitschaft habe.

Eine andere Möglichkeit, Organspende zu organisieren, existiert beispielsweise in Spanien oder Österreich: die sogenannte Widerspruchslösung. In diesen Ländern können Hirntoten Organe entnommen werden, solange der Verstorbene einer solchen Organentnahme nicht zu Lebzeiten widersprochen hat. In Österreich und Spanien liegen die Spenderzahlen entsprechend deutlich höher als in Deutschland.

Aber eine solche Widerspruchslösung, die auch der Nationale Ethikrat 2007 befürwortet hat, hält Alfred Simon in Deutschland in den nächsten 30 Jahren politisch nicht für umsetzbar. In den 1970er Jahren wurde dies zwar diskutiert, aber abgelehnt.

„Es gibt viele Einwände“

„Jeder Versuch in dieser Richtung wird so verstanden, dass man nur an die Organe herankommen möchte oder dass der einzelne in die Sozialpflicht genommen wird“, so Simon, der selbst aus Österreich stammt. „Es gibt viele Einwände. Ich persönlich kann diese nur zum Teil nachvollziehen. In Österreich gibt es gesellschaftlich keinen Widerstand dagegen, in einem zentralen Register kann jeder ohne große Hürden Widerspruch gegen eine Organentnahme einlegen.“

Zuletzt spielen bei jedem Menschen auch individuelle Gründe noch eine große Rolle, sich erst gar nicht mit dem Thema Organspende auseinanderzusetzen. „Grundsätzlich denkt man nicht daran, sich Gedanken zu machen und viele möchten sich auch nicht mit dem eigenen Lebensende beschäftigen“, sagt Alfred Simon. „Und zuletzt, aber das wird kaum jemand in dieser Form bewusst zugeben, schwingt die Sorge mit, dass man das Schicksal herausfordert, wenn man sich dem Lebensende beschäftigt.“

Ist Organspende also angesichts des Rückgangs an Spendern ein Auslaufmodell, um den Organbedarf zu decken? „Ich glaube, langfristig, da auch die Medizin und der Verkehr immer sicherer werden, kann Organspende nur ein Brückensystem sein“, so Jan Liman. Die Alternative besteht in der Nachzucht von Organen oder künstlichen Organen, die am Herzen schon erfolgreich zum Einsatz kommen. Auch, wenn es bis dahin vermutlich noch ein längerer Weg ist.

Spenden oder nicht spenden? Angehörige entlasten!

Die Frage, ob man sich zum Organspenden bereiterklärt, kann nur ein jeder für sich selbst entscheiden. Natürlich gilt: Wer spendet, kann Leben retten, denn die meisten Menschen, die es auf die Warteliste für ein Ersatzorgan schaffen, haben ohne Spenderorgan eine nur noch kurze Lebenszeit von wenigen Monaten bis Jahren. Doch egal, ob man für sich Organspende befürwortet oder ablehnt – die Gründe, sich überhaupt Gedanken über eine Patientenverfügung oder einen Organspendeausweis zu machen, gehen darüber hinaus und betreffen die eigene Familie.

„Mit dem Ausweis entbindet man die Angehörigen von der extrem schwierigen Entscheidung“, sagt Dr. Jan Liman. „Denn eine solche Entscheidung ist eine der schlimmsten Situationen für den Angehörigen.“ Dieser ist mit Tod und Verlust konfrontiert selbst in einer Ausnahmesituation, die sachliche Entscheidungen erschwert.

„Wenn ich die Frage zu Lebzeiten selbst regele“, ergänzt Alfred Simon, „habe ich auch die Sicherheit, dass meine Wünsche berücksichtigt werden.“ Selbst eine Patientenverfügung, die unter Umständen nicht sehr konkret ausgestaltet ist, gibt den Angehörigen und Ärzten einen Hinweis darauf, wie der mutmaßliche Wille des Verstorbenen ausgesehen haben könnte – und entlastet sie so von der Entscheidung, die versuchen soll, diesen Willen widerzuspiegeln.

„Wenn man nicht möchte, dass andere für einen entscheiden, und wenn man andere entlasten möchte, denn ist eine Regelung sinnvoll“, sagt Alfred Simon. „Die Möglichkeiten dazu gibt es. In Deutschland kann man guten Gewissens sagen, dass es eines der weltweit besten Gesetze zur Patientenverfügung gibt.“

Patientenverfügung und Organspende – ein Widerspruch?

Die Organspendebereitschaft lässt sich über einen Organspendeausweis dokumentieren – sei es, dass man eine Organspende ablehnt oder befürwortet. Auch Zwischenstufen sind möglich, indem bestimmte Organe von der Entnahme ausgeschlossen werden.

Auch eine Patientenverfügung kann Aussagen über die Organspendebereitschaft beinhalten. Eine solche Verfügung muss keine feste Form einhalten, sie stellt grundsätzlich eine freie Willensbekundung über künftige Behandlungssituationen dar, in denen man selbst nicht mehr entscheidungsfähig ist. Beispielsweise, indem intensivmedizinische Maßnahmen zur Lebensverlängerung ausgeschlossen werden.

Dies kann unter Umständen dazu führen, dass eine Person nicht mehr als Organspender infrage kommt, da zur Durchführung der Hirntoddiagnostik zumindest für einen kurzen Zeitraum ebensolche lebensverlängernden Maßnahmen notwendig sind. Eine entsprechende Ausnahme für den Zweck der Organspende lässt sich jedoch problemlos in einer Patientenverfügung formulieren.

Patientenverfügung und Organspende schließen sich nicht aus

Die Universitätsmedizin bietet regelmäßig Informationsveranstaltungen zur Patientenverfügung an. Eine Mustervorlage für eine Patientenverfügung inklusive verschiedener Textbausteine für unterschiedliche Situationen lässt sich beispielsweise über das Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz abrufen.

Von Sven Grünewald

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