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Göttingen Sterben der Live-Spielstätten: Verliert Göttingen ein Stück Kultur?
Die Region Göttingen Sterben der Live-Spielstätten: Verliert Göttingen ein Stück Kultur?
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19:51 31.01.2019
Traditionelle Live-Spielstätte mit internationalen Künstlern wie Patricia Vonne: der Nörgelbuff. Quelle: Jörg Linnhoff
Göttingen

Bei der nach Schließung der Tangente gerade wieder aktuell gewordenen Diskussion um ein Spielstättensterben in Göttingen ist zur Beurteilung dieser Situation die Definition von „Musikspielstätte“ wichtig. Die LiveKomm, ein Verband der Musikspielstätten in Deutschland mit Sitz in Hamburg, versteht unter Musikspielstätte „einen Ort musikalischer Prägung, der mindestens 24 Veranstaltungen pro Jahr nach dem U-K Tarif (Livekonzerte) abrechnet. Die Besucherkapazität beträgt maximal 2000 Personen. Treten in der Spielstätte überwiegend DJs auf, so muss die Mehrzahl der Veranstaltungen durch ,künstlerische DJs’, das sind DJs, die Musik produzieren und/oder Labels betreiben, bestritten werden“.

Musikspielstätten in Göttingen

Nach dieser Definition fallen folgende Einrichtungen in Göttingen unter den Begriff Musikspielstätte:

Das Dots im Börnerviertel existiert in seiner jetzigen Form seit ungefähr vier Jahren. Es wird von einem Kollektiv von nahezu 30 Mitgliedern geführt, von denen zehn den Kern in der Organisation bilden. Von Beginn an wurde die Gastronomie als Firma finanziell getrennt von dem Kulturverein geführt. Neben der Aufteilung der Verantwortlichkeit erleichtere diese Trennung die Beantragung eventueller Förderanträge, erklärt Frédérick Baur. Eine Förderung erhalten sie derzeit über das Kulturticket und das Rockbüro. Rund 50 Konzerte von Post-Punk über Indie, Elektronik, Hip-Hop bis hin zum Jazz veranstalten sie, davon im Sommer etwa zehn bis zwölf Konzert auf der Außenbühne und zehn mit regionaler Beteiligung.

Spielstätte mit Innenhofbühne: Das Dots im Börnerviertel. Quelle: Jörg Linnhoff

Ein Netz von Helfern und Ehrenamtlichen unterstütze sie dabei, so dass bestimmte Kosten niedrig gehalten werden könnten, so Marcus Szymansjki. Dazu kämen Ausstellungen, Kinder- und Erwachsenentheater, Literatur- sowie Poetry-Veranstaltungen. Für Konzerte im Keller stehen rund 50 Plätze zur Verfügung, die Außenveranstaltungen bieten 200 Besuchern Platz. Ziel des Vereins war von Beginn an „einen Raum in der Stadt zu schaffen, wo alle ihre Ideen anbringen können“. Der Verein stellt dazu die Technik und das Know-how.

Der Nörgelbuff wird, nach zwischenzeitlicher Schließung wegen drohenden Verkaufs der Immobilie, seit geraumer Zeit über das Rockbüro betrieben und verwaltet. Im Jahr finden dort rund 150 Konzerte und circa 30 andere Veranstaltungen bei einer maximalen Kapazität von 120 Besuchern statt.

Die Bandbreite ist vielfältig. Außer Singer-Songwriter, Folk, Indie, Rock, Ska und Punkkonzerten bis hin zur Newcomer Förderung und regelmäßigen Formaten wie der QuerBeat-Session, „Deep in the Groove“ oder der NB Houseband bietet der Kellerclub regelmäßig internationalen wie auch regionalen Künstlern eine Bühne.

Auch im Nörgelbuff seien sie auf ehrenamtliches Engagement angewiesen, da ansonsten die vielen Veranstaltungen nicht zu stemmen seien, erwähnt Sascha Pelzel vom Rockbüro. 2015 wurde der „Buff“ von der Initiative Musik gGmbH mit dem Spielstättenpreis der Kategorie I für „ein kulturell herausragendes Programm mit regelmäßig mehreren Livemusik-Veranstaltungen pro Woche“ ausgezeichnet.

Die Musa wird als Kulturzentrum von der Stadt institutionell gefördert. Weitere Unterstützung erhält sie vom Landkreis Göttingen, dem Landschaftsverband Südniedersachsen und dem AStA über das Kulturticket.

Die Einrichtung arbeitet mit festem Personal, muss aber laut Pelzel bei Konzerten zusehen, dass die Kosten dafür wieder eingespielt werden. Bei einem Fassungsvermögen von bis zu 400 Besuchern finden auf der Livebühne im Jahr ungefähr 40 bis 60 Konzerte vorwiegend im Rock- und Popbereich statt.

Die Musa im Hagenweg Quelle: Jörg Linnhoff

Hinzu kommen externe Veranstaltungen, die, aufgrund der Nachfrage und notwendigen Kapazität, wie zuletzt bei der Metal-Mensa und Bukahara, vor rund 1000 Besuchern im Foyer der Zentralmensa stattfinden müssen. Weitere Kooperationen, wie bei der KlubKultura oder mit der Nacht der Kultur, wurden gemeinsam mit dem Rockbüro organisiert.

Auch das Apex wird von der Stadt institutionell gefördert und als gemeinnütziger Verein geführt. Nach einer drohenden Insolvenz wurde der Kulturbetrieb von der Gastronomie getrennt und mit dem Apex Kultur hat 2011 ein Trägerverein die Geschäfte übernommen.

Den Vorstandsvorsitz des achtköpfigen Vereins haben Christoph Huber und Stefan Dehler von der Theatergruppe Stille Hunde inne. Weitere finanzielle Förderungen gibt es vom Landschaftsverband, dem Landkreis und über das Kulturticket. Bei 200 bis 250 Veranstaltungen im Jahr fallen darunter vorwiegend Kabarett- und Theatervorführungen, sowie 70 bis 80 Konzerte im Bereich Weltmusik, Singer-Songwriter, Blues und Jazz, erläutert Huber. Bei der Auswahl seien sie jedoch offen für alle Richtungen.

Der über der Gaststätte gelegene Veranstaltungsraum hat eine Begrenzung von bis zu 95 bestuhlten Plätzen. Zur Organisation und Durchführung der Veranstaltungen stünden ihnen allerdings nur 1,6 bezahlte Stellen zur Verfügung, so Huber. Dies sei aber eindeutig zu wenig und so ist auch im Apex ehrenamtliche Unterstützung unabdingbar.

Unter den per Definition Genannten ist das Exil die einzige privat geführte Spielstätte. Die maximale Kapazität des Live-Clubs liegt je nach Event bei 200 bis 300 Besuchern. Rund 60 Konzerte mit aus vielen Musikrichtungen veranstaltet der inzwischen ins Iduna-Zentrum umgezogene Club. Davon entfallen ungefähr 30 Veranstaltungen mit lokaler oder regionaler Beteiligung, erzählt Karl Schrader, der sich um das Booking der Künstler kümmert. So ist die traditionelle Blues und Boogie Küche mit wechselnden lokalen Größen regelmäßiger Gast. Jeden Montag sind die „Swinger“ im Exil, wo sie Lindy Hop, Swing, Charleston und Boogie zu original Swingmusik tanzen können.

Eine Förderung erhält das Exil über das Rockbüro sowie das Kulturticket. Eine Wettbewerbsverzerrung sieht Bea Roth dahin gehend, dass Vereine keine Vergnügungssteuer zahlen und den privatwirtschaftlich geführten Clubs im Bereich Tanzveranstaltungen aktiv Konkurrenz machen. Zusätzlich müssten sie momentan auf Eintrittserlöse 34 Prozent Steuern zahlen. So würde sich das Exil bei kontinuierlich steigenden Kosten ständig am finanziellen Limit bewegen, ergänzt Roth.

Auch das Juzi und der T-Keller fallen mit regelmäßigen Konzertveranstaltungen unter den Begriff Spielstätte. Laut Torsten Wucherpfennig, der im Juzi das Booking macht, finden dort circa 30 bis 35 Konzerte pro Jahr vorwiegend im Bereich Punk, Hardcore und Ska bei einer Kapazität von 150 bis 200 Besuchern statt. Die Konzerte, wie auch die Organisation drum herum, wie Ausschank und Catering, werden von verschiedenen Konzertgruppen organisiert. Eine Förderung für Veranstaltungen erhält das Juzi derzeit nicht.

Außer den genannten Spielstätten gibt es noch weitere Locations, in denen unregelmäßig Musikveranstaltungen laufen, wie im Vinyl Reservat, Freihafen, Eins B, dem Jungen Theater oder im Irish Pub. Zusätzlich bietet das KIM jeden letzten Donnerstag im Monat Kultur bei freiem Eintritt.

Fazit zum Thema Spielstättensterben

Nach Definition einer Spielstätte fällt ein Großteil der von Klaus Wißmann vom Verein Kreuzberg on KultTour in Verbindung mit einem Spielstättensterben aufgeführten Clubs von vornherein raus. So bleiben von den in den vergangenen Jahren von der Schließung betroffenen Spielstätten außer dem Café Kreuzberg noch die Outpost und das Blue Note erwähnenswert. Setzt man diese drei Live-Clubs in Relation zu der Anzahl an bestehenden Live-Spielstätten, so kann man durchaus von einer bedrohlichen Situation sprechen. Die Ende des Jahres von der Schließung betroffene Tangente erhielt als vorwiegender Diskothekenbetrieb keine öffentliche Förderung, diente aber hin und wieder auch als Auftrittsort für Konzerte.

Der Kulturraumschutz müsse oberste Priorität haben, mahnt Sascha Pelzel vom Rockbüro, um die Subkultur in Göttingen und Umgebung auf einem hohen Niveau am Leben zu halten. Die Fördermittel, die dem Rockbüro zur Verfügung stünden, seien aber noch viel zu niedrig. So könnten sie im Moment keine neuen Anträge mehr aufnehmen. Es stelle sich die Frage, so Bea Roth vom Exil, was der Stadt Subkultur wert sei. Dieser fehle nach wie vor die entsprechende kulturelle Anerkennung seitens der Politik. Es gäbe ein gutes Angebot in der Stadt, aber das müsse bei ständig steigenden Kosten zur Aufrechterhaltung auch entsprechend unterstützt und geschützt werden.

Fazit der Organisatoren von subkulturellen Veranstaltungen in Göttingen ist, dass die Förderungen trotz regelmäßiger Anhebungen immer noch nicht ausreichend sind. Laut Pelzel funktioniere Livemusik nur durch zusätzliches ehrenamtliches Engagement. Ein Spielstättensterben sei aber durchaus zu sehen. So sollten die noch vorhandenen Auftrittsmöglichkeiten unbedingt erhalten und entsprechend gefördert werden. Des Weiteren fehle seit der Schließung der Outpost in Göttingen eine Location mit einem Fassungsvermögen von 800 bis 1000 Besuchern.

Letztendlich sind aber alle Einrichtungen auch auf die Wahrnehmung seitens der Bevölkerung und einen entsprechend zahlreichen Besuch des zweifelsohne abwechslungsreichen und hochkarätigen Programms der einzelnen Spielstätten angewiesen.

Livemusikförderung in Göttingen

Seit 2007 gibt es nach Auskunft von Hilmar Beck, Leiter des Fachdienstes Kultur, eine projektbezogene Förderung von Livemusik in Göttingen. Diese wird in Abstimmung mit der Kulturverwaltung immer wieder angepasst und überarbeitet. Die vorhandenen Mittel können über den 1993 ins Leben gerufenen gemeinnützigen Verein Out-O-Space Rockbüro beantragt werden. Der Verein erhält eine jährliche institutionelle Förderung, die unregelmäßig erhöht wird.

2018 erhielt der Verein 45000 Euro Fördermittel, davon gingen 25 Prozent in die Vereinsarbeit und eigene Projekte und 75 Prozent in die Unterstützung von Livemusik. Dabei lag die Förderung je nach Clubgröße zwischen 80 bis 300 Euro pro Konzert. Von dieser Förderung hat auch der Verein Kreuzberg on KulTour profitiert. Für 2019 hat das Rockbüro einen Antrag auf Erhöhung der Fördermittel auf 75000 Euro gestellt. Über diesen Antrag wird der Rat im Februar entscheiden.

Die Stadt fördere aber ausschließlich die Livemusik und nicht die Clubs direkt, betont Beck, sie könne also nicht für deren private Insolvenzen einspringen. Für Letztere sei vermehrt auch ein verändertes Ausgehverhalten verantwortlich. Zusätzlich hat der letztjährige langanhaltend heiße Sommer den Clubbetreibern zugesetzt.

Die nunmehr 10-jährige Rockmusikförderung wie auch die vermehrte Schaffung von Übungsräumen in der Musa sei vorbildlich in Niedersachsen, ergänzt Beck. Zu der immer wiederkehrenden Kritik, dass ein Großteil der städtischen Kulturförderung in das Deutsche Theater, das Göttinger Symphonieorchester oder die Händel-Festspiele fließe, sagt Beck, dass Kulturförderung in Göttingen sehr vielfältig und breit aufgestellt sei. Sie sei aber auch eine Qualitätsfrage und die genannten Einrichtungen würden auf einer hochprofessionellen Basis arbeiten. Bedarf gäbe es aber immer in der Künstlereinzelförderung. Insgesamt würden 20 Einrichtungen von der Stadt institutionell und Einrichtungen der Soziokultur wie zum Beispiel die Musa (437500 Euro) und das KAZ (130200 Euro) auch auf einem guten Level gefördert, erläutert Beck.

Außer einem Antrag beim Rockbüro kann in Göttingen mit dem seit dem Wintersemester 2012/2013 eingeführten Kulturticket eine weitere kulturelle Förderung über den AStA beantragt werden. Die Förderungshöhe und die entsprechend damit verbundenen Bedingungen sind dabei verhandelbar.

Weitere Fördermöglichkeiten

Weitere potenzielle Förderungsmöglichkeiten gibt es bei der  LAG Rock, der LiveKomm oder der Initiative Musik. Bei Letzterer ist zum Beispiel die Bewerbung für den Musikpreis „APPLAUS – Auszeichnung der Programmplanung unabhängiger Spielstätten“ möglich, der Clubbetreiber und Veranstalter für ihre herausragenden Livemusikprogramme prämiert. Dieser Spielstättenpreis wurde erst kürzlich dem Nörgelbuff sowie dem Verein Kultur im Esel in Einbeck verliehen.

Gemeinsam mit der Live Musik Kommission realisiert die Initiative Musik auch ein Förderprogramm zur „Digitalisierung der Aufführungstechnik von Livemusikspielstätten“.

Auch beim Landschaftsverband Südniedersachsen kann eine Struktur- oder Projektförderung beantragt werden. Weitere Möglichkeiten bestehen beim Landkreis Göttingen sowie bei verschiedenen Stiftungen, wie der Göttinger Kulturstiftung oder der Litfin-Stiftung. Bei bestimmten Fördertöpfen ist ein gemeinnütziger Auftrag der sich bewerbenden Einrichtung Voraussetzung. Genauere Bewerbungsbedingungen oder Förderformen können den jeweiligen Webseiten entnommen werden.

http://www.rockbüro-göttingen.de 

http://www.landschaftsverband.org/foerderung/foerder-regeln/

https://goettinger-kulturstiftung.de

Von Jörg Linnhoff

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