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Göttingen Hostelpläne für ehemalige JVA am Waageplatz
Die Region Göttingen Hostelpläne für ehemalige JVA am Waageplatz
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00:17 25.05.2017
Die ehemalige JVA am Waageplatz in Göttingen. Quelle: Heller
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Göttingen

Lange Gangfluchten, vergitterte Fenster, schwere Metalltüren, sechs Quadratmeter große Zellen mit kleinen, weit oben liegenden Fenstern, Graffiti, Poster von nackten Frauen, Kugelschreiberkritzeleien an den Zellenwänden - dass das ehemalige Gefängnis am Waageplatz schon bald Göttingen-Touristen beherbergen könnte, scheint ein kühner Plan. Auch weil der Leerstand Spuren hinterlassen hat. Der Putz bröckelt, Heizungskörper sind geplatzt, hier und da wird ein Wasserschaden sichtbar.

Die gute Nachricht: "Das Gebäude ist sanierbar", sagt Dietmar Linne. Und das, obwohl der klassizistische Bau seit neun Jahren weitgehend ungenutzt leer steht, von jeglicher Versorgung mit Strom, Wasser und Gas getrennt, wie Linne erläutert. "Die Grundsubstanz des Gebäudes ist gut", bescheinigt Maik Bachmann vom Gebäudemanagement der Beschäftigungsförderung. Wenn saniert werde, dann komplett, inklusive neuer Haustechnik, Sanitärbereichen, mehr als 80 neuer Fenster und weitgehende Barrierefreiheit.

Die Geschichte das Hauses als Gefängnis soll aber sichtbar bleiben. Ein neuer Eingangsbereich von der Oberen-Masch-Straße über den ehemaligen Spazierhofes des Gefängnisses ist in Planung. Dazu soll ein Durchgang durch die Gefängnismauer entstehen, auch um das Gebäude zum Platz zu öffnen. Die Denkmalschützer hätten bereits das Ok gegeben, sagt Linne.

Seltenes Beispiel eines klassizistischen Gefängnisbaus

1836 wurde das Gebäude als "Amts- und Criminalgefangenenhaus" von Christian Friedrich A. Rohns auf dem Gelände der ehemaligen Schlözerschen Gärten am Kasernenplatz, dem heutigen Waageplatz, gebaut. Es gilt heute als ein seltenes Beispiel eines klassizistischen Gefängnisbau und steht es unter Denkmalschutz. Seit dem Bau einer neuen JVA bei Rosdorf vor neun Jahren wird das alte Gefängnis mitten in der Altstadt nicht mehr genutzt und steht leer. 2008 hat es die Stadt Göttingen vom Land Niedersachsen für weniger als 50000 Euro gekauft – das Gebäude sollte als eines von drei Wissenshäusern für Ausstellungen der Universität entwickelt werden. Diese Pläne haben sich längst zerschlagen. Seitdem sucht die Stadtverwaltung nach neuen Nutzungsmöglichkeiten und betraute die Beschäftigungsförderung bereits vor zwei Jahren mit einer Machbarkeitsstudie für ein Hostel.  mib

Größtes Sorgenkind und dickster Brocken bei den kalkulierten Sanierungskosten: das mehr als 1000 Quadratmeter große Dach. Allein eine Millionen Euro haben Linne und sein Team dafür veranschlagt. Auf dem Dachboden darunter, schwärmt Linne, könnten Räume für Ausstellungen entstehen.

Denn außer den rund 100 Schlafplätzen in den Hostelzimmern, mit denen das Konzept hantiert, ist in dem Gebäude, das nach Linnes Angaben rund 1600 Quadratmeter Nutzfläche bietet, auch ein Beratungs- und Kulturzentrum entstehen. So soll ein Teil des Gebäudes und der zentrale Innenhof für Kulturveranstaltungen wie etwa Theater, Konzert, Ausstellungen und Seminare genutzt und über Partner wie etwa das Boat People Projekt sollen Anwohner und Geflüchtete beteiligt werden. Schließlich ist geplant, in dem Haus auch Beratungsangebote, etwa Sozialberatung, Arbeitsmarktberatung oder Gründungsberatung  unterzubringen. Partner seien hier, so die Konzeptbeschreibung, das Migrationszentrum der Diakonie und die Beschäftigungsförderung.

Nicht nur sollen Geflüchtete bei dem Betrieb des Hostel mithelfen. Sie sollen bereits, so Linne, bei der Sanierung des Gebäudes mitarbeiten. 50 Prozent der Arbeiten, so Linne, übernimmt die Beschäftigungsförderung, die andere Hälfte soll an regionale Handwerksbetriebe vergeben werden.

Spielplatz, Gastronomie und Sanierung

Bis zu fünf Millionen Euro könnten bei Erfolg des Förderantrages zwischen 2018 und 2020 nach Göttingen fließen, von der Stadt mit einer Million kofinanziert. Das gesamte Investitionsvolumen beträgt damit sechs Millionen Euro. Für die Erarbeitung des Konzeptes hatte die Ratsmehrheit 20 000 Euro im städtischen Haushalt bereitgestellt. Zum Konzept gehört auch die spätere Umgestaltung des Waageplatzes. Ein Spielplatz, Gastronomie und eine Sanierung des Platzes schwebt Linne vor.

Anwohner sind indes skeptisch: Das Bürgerforum Waageplatz-Viertel meint etwa, dass etwa ein Hostel gar nicht den Bedürfnissen des Viertels entspräche. Eine große Befürchtung der Nachbarn: Durch das Hostel kommt mehr Lärm ins Viertel. Ihre Vorschläge für die Nutzung der ehemaligen JVA reichen stattdessen von Sporträumen über eine Bibliothek und Werkstätten bis hin zu Band-räumen und bezahlbarem Wohnraum. Linne sichert ihnen Gespräche zu und kündigt eine öffentliche Informationsveranstaltung an. 

Mießner warnt: Aufwertung des Quartiers hat negative Folgen

Göttingen. Michael Mießner, Göttinger Humangeograph und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Geographischen Institut der Universität Göttingen, blickt skeptisch auf die Pläne für die ehemalige JVA und das Quartier am Waageplatz. Zwar seien die formulierten Ziele eigentlich zu unterstützen, er fürchtet dennoch, dass die Umnutzung der ehemaligen JVA der Ausgangspunkt für eine Aufwertung des Quartiers sein könnte, "die die Verdrängung der bisherigen Bewohner zur Folge haben könnte", schreibt Mießner in seinem Blog  "Stadtentwicklung Göttingen". Positive Effekte, wie öffentlicher Raum für Kulturveranstaltungen oder ein innerstädtischer Ort für verschiedene soziale Beratungsangebote, höben die negativen Effekte des Hostelprojektes nicht auf.

Schon mit der beginnenden politischen Debatte um das Quartier im Dezember sei deutlich geworden, so Mießner, dass es darum gehe, "das Quartier langfristig aufzuwerten". Gleichzeitig gebe es seit längerer Zeit von den Mietern der "vergleichsweise teuren Mietwohnungen" im benachbarten Quartier Am Leinebogen Klagen über die "Problemzone Waageplatz" mit "Gewalt, Drogen-  und Alkoholkonsum". Typisch für einen Aufwertungsprozesses: "Die bisherigen Nutzer sind den neuen Bewohnern ein Dorn im Auge."

Attraktives Umfeld für Investoren

Mießner fürchtet durch die geplante Aufwertung des Quartiers durch das Hostel steigende Mieten und damit zur Verdrängung weniger zahlungskräftiger alteingesessener Bewohner. Er beruft sich auf Erkenntnisse der geographischen Stadtforschung über Gentrifizierungsprozesse.

Mießner stellt folgende Gleichung auf: Das Hostel schafft ein attraktives Umfeld für Investoren, weil es junge Menschen, hauptsächlich Touristen in die Stadt zieht, und könnte so die Gründung einer "angepassten Lokalökonomie" aus Pubs, Bars, Clubs oder weiteren Fastfood-Restaurants befördern. Genau dies lasse Investoren hoffen, "zukünftig andere wesentlich zahlungskräftigere Klientel" anzulocken und die Mietpreise entsprechend steigern zu können. "Damit wäre ein Mechanismus in Gang gesetzt, der den Druck auf die ansässige Bevölkerung erhöht und diese würden früher oder später aus ihrem Quartier verdrängt – und dies alles aufgrund stadtpolitischer Interventionen und der Hoffnung auf EU-Fördermittel", schriebt Mießner. Das sei ein wahrscheinliches, mittelfristiges Szenario. Mießner rät der Stadtverwaltung, die Anwohner ernst zu nehmen und gemeinsam eine Strategie zu entwickeln, die ein lebenswertes Quartier schafft und gleichzeitig einer sozialräumlichen Verdrängung vorbeugt. mib

Mehr Informationen: https://stadtentwicklunggoettingen.wordpress.com/2017/05/11/waageplatz-planungen-start-einer-staedtisch-gefoerderten-gentrifizierung/

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