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Göttingen Ein tiefer Blick in die marode Stadthalle
Die Region Göttingen Ein tiefer Blick in die marode Stadthalle
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20:26 07.05.2017
Alte Rohre, alte Ventile: MItarbeiter der Stadthalle und Planer führen die besucher durch Heizräume, Steueranlagen und Umkleidebereiche. Quelle: Peter Heller
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Göttingen

Christian Wille vom Technik-Team der Stadthalle lässt keine Stelle aus: Immer wieder erhellt seine Taschenlampe tropfende Heizleitungen, Stellen mit bröckelndem Putz in den Belüftungskellern und Steuerungsanlagen, die erkennbar die Jahre gekommen sind. Nur wenige Außenstehende wissen, dass sich der Fliesenboden im Garderobenbereich je nach Wetterlage hebt, senkt und wellt. Die wenigsten Konzertbesucher haben jemals das viel zu kleine Stuhllager unter dem großen Saal gesehen. Und Christoph Heise vom Architekturbüro Wagener bestätigt, was manche ahnten: „Ja, hier ist sehr viel Asbest verarbeitet, zum Glück überwiegend fest gebunden.“

„Das ist wirklich eine Entdeckung, ein Erlebnis“, schwärmt Brigitte Harder während der Führung. 40 Jahre lang hat die 76-Jährige mit der Akademischen Orchestervereinigung auf der Bühne Geige gespielt. Die „viel zu engen“ Umkleideräume kennt sie, die sonst verschlossenen Bereiche hat sie nie gesehen. „Das alles so alt und marode ist, wusste ich nicht“, sagt sie. Bisher habe sie immer für einen Neubau plädiert, „um ein wirklich modernes neues Konzept zu realisieren“. Nach ihrer Runde mit Expertengesprächen hat sie ihre Meinung geändert: Es scheint vernünftiger zu sein, zu entkernen und zu sanieren - und da freue ich mich drauf.“

Hinter den Kulissen der Stadthalle

Mit der Aktion wollte die Stadtverwaltung interessierte Bürger informieren, aber vor allem auch darüber aufklären, wie es um die Halle wirklich steht und warum jetzt etwas passieren müsse, sagte Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler (SPD). Gutachter haben belegt, dass Bausubstanz und Ausstattung völlig marode sind. Nur mit Ausnahmegenehmigung hat der TÜV noch einmal eine befristete Betriebserlaubnis gegeben. Am kommenden Freitag soll der Rat über die Zukunft der 53 Jahre alten Halle mit der markanten Kachelfassade entscheiden: Totalsanierung mit oder ohne Erweiterungsanbau oder doch Abriss und Neubau? Zurzeit läuft es auf eine Totalsanierung ohne Anbau hinaus.

Besucherin Gundel Kreusch würde einen Neubau vorziehen. Vor dem Rundgang war sie noch unentschlossen, jetzt ist sie überzeugt, dass es sinnvoller wäre, einmal ordentlich Geld anzufassen und etwas Modernes, Langfristiges zu schaffen. Teile der alten Fassadenkacheln könnten zur Erinnerung an die alte Halle an einer Stelle eingearbeitet und präsentiert werden.

Ein besonderes Erlebnis war der Infotag für Dieter Hochhuth aus Eschwege. 20 Jahre lang war der heute 75-Jährige technischer Leiter der Stadthalle, seit 20 Jahren hatte er sie - „bis auf einen kurzen Toilettenbesuch“ - nicht mehr betreten. Heute staunt er darüber, wie viel sich verändert hat: „Der große Wandteppich im Foyer fehlt, auch der gewaltige Kronleuchter im Saal mit 700 Birnen ist weg.“ Wo die vielen alten Bilder mit Autogrammen aus seinem damaligen Keller-Büro gelandet sind, weiß er nicht - „sie sollen wohl ans Museum gegangen sein“. Es sind Erinnerungen, die prägen, Hochhuth ist gegen einen Abriss: „Das wäre doch sehr schade.“

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