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Göttingen „Ans Kreuz genagelt“
Die Region Göttingen „Ans Kreuz genagelt“
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20:44 03.03.2017
Der Tröglitzer Ex-Bürgermeister Markus Nierth (rechts) im Dialog mit Fritz Güntzler. Quelle: Alciro Theodoro das Silva
Göttingen

Zum Info-Abend eingeladen hatte Nierths CDU-Parteifreund und Göttinger Bundestagsabgeordneter Fritz Güntzler. Gekommen waren beileibe nicht nur Christdemokraten, sondern Bürger aus den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Lagern. Denen schilderte der evangelische Theologe seine Erlebnisse aus dem Jahr 2015, als fast eine Million Flüchtlinge nach Deutschland kamen – und einige auch nach Tröglitz.

Damals sei er durchaus nicht unkritisch gegenüber der damaligen Flüchtlingspolitik der Bundesregierung gewesen, habe aber dennoch im Ort die Zuweisung von Flüchtlingen nach Tröglitz gerechtfertigt. Damit, erklärte Nierth, habe er zunächst zu seiner Verwunderung, dann zu seinem Erschrecken praktisch allein gestanden. Niemand sei ihm beigestanden, viele Bürger, auch Parteifreunde, seien auf Distanz gegangen. Das Viertel der Bewohner, die ihm noch wohlgesonnen waren, hätten sich angesichts der rechten Dominanz im Ort zurückgehalten und geschwiegen.

Nachdem sich 120 NPD-Leute mit 30 Tröglitzer Bürgern vor seinem Haus aufstellen wollten, trat der damals 45-Jährige im März 2015 als Tröglitzer Bürgermeister zurück – auch, um seine Familie vor weiteren Anfeindungen zu schützen. Doch Ruhe fanden die Nierths nicht. Im Gegenteil: Kurz nach dem Rücktritt kam die erste Mordrohung. An den Wortlaut erinnert sich Nierth noch heute: Er werde „ans Kreuz genagelt und angebrannt wie ein Nigger“, habe es in dem mit „Ku Klux Klan Deutschland“ unterzeichneten Brief geheißen. Kurz darauf, Anfang April 2015, brannte die Flüchtlingsunterkunft in Tröglitz. Danach, so erinnern sich Nierth und seine Ehefrau Susanna, kamen die Morddrohungen fast täglich – auch in der Form von mit Exkrementen gefüllten Briefen.

Heute blickt Nierth nicht nur mit Schrecken zurück ins Jahr 2015, sondern formuliert auch Lösungsansätze. Trotz aller Anfeindungen, sagt der Theologe, dürfe man die Lebensgeschichte derjenigen, die gegen ihn standen, nicht außer Acht lassen. Die 1989 eingeleitete Wende und der darauf folgende wirtschaftliche Zusammenbruch habe für viele Menschen Arbeitslosigkeit gebracht und ihnen damit jegliches Selbstwertgefühl genommen. In diese Lücke seien die Rechten in Ostdeutschland gestoßen und hätten den Menschen wieder eine Identität vermittelt – und damit das Gefühl, doch etwas wert zu sein. In Teilen Ostdeutschlands, sagt Nierth, „haben die Rechten die Stimmungshoheit. Im Westen ist das unvorstellbar.“ Andere gesellschaftliche Kräfte hätten hier versagt.

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Markus Nierth, geboren 1969 in Eisleben in Sachsen-Anhalt, floh 1980 nach Westdeutschland und studierte nach dem Abitur evangelische Theologie an der Lutherischen Theologischen Hochschule Oberursel und an der Universität Tübingen. Nach seinem vikariat von 1997 bis 1999 ging Nierth zurück in die DDR und arbeitete dort als freiberuflicher Trauerredner. Außerdem versuchte er, dort mit Spenden evangelische Gemeinden aufzubauen. 2009 heiratete Nierth seine zweite Ehefrau Susanna. Im gleichen Jahr trat er das Amt des ehrenamtlichen Bürgermeisters von Tröglitz/Sachsen-Anhalt an. Anfang 2015, als die ersten Flüchtlinge in Tröglitz unterkommen sollten, verteidigte er gegen wachsenden Widerstand deren Unterbringung trotz eigener Bedenken. Als im März rechtsextreme Demonstranten, darunter viele NPD-Leute, im März ankündigten, bei einem weiteren Protestmarsch vor seinem Haus eine kundgebung abhalten zu wollen, fürchtete Nierth nach den Erfahrungen der vorherigen Monate um die Sicherheit seiner Familie und trat zurück. Das erregte bundesweit Aufsehen, und die Anfeindungen nahmen noch zu. Zwar bedauerte Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) Nierths Rücktritt, aber bis heute kritisiert Nierth, von der Politik im Stich gelassen worden zu sein.   hein

Dieses Versagen habe fatale Folgen gehabt, daraus müsse auch der Westen lernen. Statt intellektueller Arroganz seien starke Kümmerer vonnöten, die sich die Lebensgeschichten der sich abgehängt fühlenden Menschen anhörten. Wichtig seien auch neue Ansätze in der Bildungspolitik, die nicht nur auf reines Wissen setzt, sondern einen intelligenten, fähigen und mündigen Bürger zum Ziel hat. Und: „Wir sollten die Unbarmherzigkeit unserer Gesellschaft problematisieren.

Über seine Erlebnisse im Jahr 2015 und über seine Schlussfolgerungen daraus hat Markus Nierth (mit Juliane Streich) ein Buch geschrieben: Brandgefährlich: Wie das Schweigen der Mitte die Rechten stark macht - Erfahrungen eines zurückgetretenen Ortsbürgermeisters. , 216 S., Berlin, Ch. Links Verlag, 18 Euro.

dialog

„Es geht um eine neue Kultur der Hinwendung“

Nach der Lesung aus seinem Buch im DT-Keller stieg Nierth in eine lebhafte Diskussion mit dem bunt gemischten Publikum ein. Viele Besucher zeigten sich in der Reihe "Fritz im Dialog" mit dem Göttinger Bundestagsabgeordneten Fritz Güntzler sehr bewegt von Nierths Schilderungen, und es entstand eine Debatte darüber, inwiefern Bürger und Politiker an der Zunahme rechtsextremer Tendenzen in der Gesellschaft beteiligt seien. Nierth nahm bei dieser Gelegenheit ausdrücklich auch die Politik in die Verantwortung. Es gebe eine Sehnsucht nach authentischen und aufrichtigen Politikern, erklärte er. Diese Sehnsucht werde oftmals von Rechtspopulisten gestillt. Auch Susanna Nierth, Ehefrau des ehemaligen Bürgermeisters von Tröglitz, saß im Publikum und erzählte, wie die Angst das Familienleben verändert habe. Von den Politikern seien sie damals im Stich gelassen worden, klagte sie. Niemand habe gefragt, wie sie mit der Situation zurecht kämen.

Neben ihr saß Harald Wegener, Bürgermeister von Hann. Münden (BFMü). Er griff die Frage des Abends auf, wie man die schweigende Mehrheit zum Reden bringen könne. „Wir brauchen ein Umfeld“, forderte Nierth mit Nachdruck, „in dem Menschen über ihre Ängste sprechen können“,. Das Problem sei, dass in Ostdeutschland jene starke bürgerliche Mitte fehle, die beispielsweise in Göttingen vorhanden sei. Und dann sprach der studierte Theologe von der Notwendigkeit der Versöhnung. „Es geht um eine neue Kultur der Hinwendung zum Menschen, darum, sich um andere zu kümmern.“ Gemeint war nicht nur der Umgang mit Flüchtlingen. Die meisten Ostdeutschen seien herzliche Menschen, betonte der geborene Eislebener. Die Politik sollte ihnen gegenüber endlich eingestehen, dass nach der Wende viele falsche Versprechungen gemacht worden seien.

Doch auch im Westen der Republik sei nicht alles Gold, was glänzt, wie ein junger Mann aus dem Publikum anmerkte. „Ist es in Göttingen wirklich so, dass die Mitte nicht schweigt?“ Den Vorwurf, dass die CDU vor einigen Monaten bei einer Demonstration gegen Neonazis nicht dabei gewesen sei, wollte ein Mitglied der Jungen Union nicht auf sich sitzen lassen. Er und seine Freunde seien von linken Aktivisten aufgefordert worden, die Demo zu verlassen, erzählte der junge Mann. In seinen Schlussworten mahnte Güntzler, Organisator des Dialogabends, darum, gegen jede Form von Intoleranz vorzugehen: „Wir sollten alle aufpassen, wenn es um Extremismus geht, und für die Demokratie eintreten.“

Von Maximilian Zech

mze

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