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Göttingen „Victoria & Abdul“ – Judi Dench ist wieder Königin
Die Region Göttingen „Victoria & Abdul“ – Judi Dench ist wieder Königin
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15:24 27.09.2017
Königin in später Blüte: Victoria (Judi Dench) ist fasziniert von ihrem indischen Höfling Abdul Karim (Ali Fazal). Ihre Thronmüdigkeit ist wie verflogen. Quelle: Universal

Die Queen und ihr indischer Diener: Stephen Frears’ Drama „Victoria & Abdul

Schon „The Queen“ (2006) war eine ziemlich persönliche Angelegenheit, jedenfalls aus royaler Perspektive: Der britische Regisseur Stephen Frears zeigte Königin Elizabeth II. mit Lockenwicklern, weinend im schottischen Hochland beim Anblick eines majestätischen Hirsches und vor allem als hartnäckige Realitätsverweigererin, die nur notgedrungen den Einbruch des Medienzeitalters akzeptiert. Im Hintergrund lief das Drama um den Tod Dianas ab, die Regentin (gespielt von Helen Mirren) wollte partout nicht verstehen, dass die Öffentlichkeit nach Bildern der Trauer geradezu gierte. Ganz vorsichtig löste Frears die Monarchin aus ihrer inneren Lähmung.

So viel Einfühlungsvermögen dankte die leibhaftige Elizabeth dem Regisseur und seinem Team später mit einer Einladung in den Buckingham-Palast. Eine ähnliche Veranstaltung ist dieses Mal nicht zu erwarten, denn nun wendet sich Frears jener Monarchin zu, die das britische Königreich im 19. Jahrhundert geprägt hat. Doch auch in „Victoria & Abdul“ wird bald schon Frears’ Sympathie für das königliche Oberhaupt spürbar. Der Experte für feinsinnige Komödien („Mein wunderbarer Waschsalon“, „High Fidelity“) findet in weitläufigen Gemächern zwei Einsame, derer er sich annimmt – ein bisschen so wie bei Elizabeth II. und Premier Tony Blair in „The Queen“.

Allerdings dauert es ein wenig, bis wir Victoria überhaupt zu Gesicht bekommen in diesem schön pointierten Historiendrama: Wir hören sie erst einmal lautstark schnarchen, versteckt unter mächtigen Bettdecken, wir erspähen aus der Distanz, wie eine gebrechliche, alte Frau aus dem Bett geholt wird, wir sehen nur ihren Dutt in Großaufnahme, der hergerichtet wird. Viel Leben scheint nicht mehr in der Königin zu stecken, die bestenfalls noch am Dessert interessiert ist – weshalb ihr ungehobelter Sohn, der Prince of Wales, hier nur Bertie (Eddie Izzard) genannt,  schon mal ruft: „Ich dachte, sie stirbt bald.“

Bis der Inder Abdul Karim (Ali Fazal) vor Victoria steht, ihr auf einem Tablett zum goldenen Thronjubiläum 1887 eine Ehrenmedaille überreicht, wofür er um die halbe Welt reisen musste. Dann schaut Abdul der Königin gegen strengste Anweisungen des Protokolls in die Augen. Er ist amused, und sie ist es auch. Ob es wirklich so oder so ähnlich war? Keine Ahnung, aber es hat diese Beziehung zwischen den beiden gegeben.

Was genau mit Victoria passiert, lässt Frears klug offen. So einfach ist diese mütterliche Freundschaft einer Königin zu ihrem Diener nicht zu entschlüsseln. Victoria erinnert sich jedenfalls erst einmal daran, dass sie auch Kaiserin von Indien ist – nur dass sie selbst keinen blassen Schimmer von dem Subkontinent hat. Abdul steigt zu ihrem „Munshi“ auf, was so viel wie Lehrer bedeutet. Er weckt die beinahe schon abgestorbene Neugier der Monarchin, gibt ihr Sprachunterricht in Urdu und lehrt sie indische Bräuche.

Derweil bietet sich für Frears die Chance, einen „Clash of Cultures“ zu inszenieren, dessen Vibrationen bis in die Gegenwart reichen. Eine verknöcherte (Hof-)Gesellschaft lehnt den Fremden ab. Ein Inder, ein Moslem, ein Farbiger – was will der in unserem Land! Umgekehrt sehen die Zugereisten – Abdul ist nicht allein gekommen, sondern hat noch einenKollegen an seiner Seite – in den Briten Barbaren, die Blut in Würste mischen.

Das Komische wird aber bald zurückgedrängt vom Bitteren, ja Tragischen. Das ist hier keine Wohlfühlkomödie, und Abdul ist auch kein reiner Sympathieträger. Er ist ebenso ein Aufschneider und Schönredner, der sich mit einem privaten Hofstaat umgibt, als er seine Familie nachholen darf (was der echte Abdul wirklich durfte). Der Inder nutze seine privilegierte Stellung aus, flüstern der revoltierende Hofstaat und die entnervten Politiker der Queen ins Ohr. Und was antwortet sie? „Jeder von euch tut das.“

Judi Dench (Bonds einstige Chefin „M“) ist ein schauspielerisches Kronjuwel, wenn man das so sagen darf. Gänzlich unangestrengt wechselt sie zwischen Bockigkeit und Altersweisheit, Strenge und Sanftheit, Stärke und Hilfsbedürftigkeit. In „Ihre Majestät Mrs. Brown“ spielte sie 1997 schon einmal Queen Victoria, die eine unbotmäßige Freundschaft mit ihrem schottischen Diener John Brown einging. Nun hat die 82-Jährige endgültig die nötige Reife für Victoria.

Wie die Herrschaft Britanniens über Indien 1947 in Blut und Bürgerkrieg endete, haben wir erst kürzlich in „Der Stern von Indien“ gesehen. Und auch hier sieht Frears keinerlei Veranlassung, die Dinge besser zu zeichnen, als sie waren: Als die Queen nach 64 Thronjahren stirbt, hat Sohn Bertie nichts Eiligeres zu tun, als den Eindringling wieder dorthin zurückzuschicken, woher er gekommen ist.
Acht Jahre blieben Abdul noch im indischen Agra. Dann starb auch er, keine 50 Jahre alt.

„Victoria und Abdul“, Regie: Stephen Frears, 112 Minuten,  FSK 6, Cinemaxx Göttingen

Von Stefan Stosch

Ein Oscar für sechs Minuten Königin – Judi Dench beeindruckte die Academy

Ihren Oscar bekam Judi Dench auch für den Part einer englischen Königin: In John Maddens „Shakespeare in Love“ (1998) spielte sie Königin Elisabeth I. Es war der zweitkürzeste Auftritt für einen Nebendarstellerinnen-Oscar – vier Szenen, Nettozeit sechs Minuten. Die Academy war beeindruckt.

Dench ist die Tochter einer Irin aus Dublin und eines englischen Arztes aus Dorset. Sie wuchs im englischen York auf, wo sie am 9. Dezember 1934 geboren worden war. Schauspiel war schon früh ihre Leidenschaft, zunächst am Theater. Im Fernsehen startete sie als 24-Jährige 1959 mit der tragischen Titelrolle der Serie „Hilda Lessways“ (nach dem Roman von Arnold Bennett). Und im Kino machte sie durch Rollen in Filmen wie „Sherlock Holmes’ größter Fall“ (1965 – der Detektiv jagt den Serienmörder Jack the Ripper) oder als Titania in Peter Halls „Sommernachtstraum“-Verfilmung (1968) auf sich aufmerksam. Ein Filmstar wurde sie erst, als sie 1997 erstmals in die Rolle der Königin Victoria schlüpfte.

„Ich hatte keine Filmkarriere am Laufen, bevor ich in ,Ihre Majestät Mrs. Brown‘ spielte“, äußerte sich Dench in einem Interview. Was britisches Untertreiben ist, hatte die berühmte Bühnenschauspielerin für die Royal Shakespeare Company, das National Theatre und das Old Vic doch in „Golden Eye“ (1995) die Rolle der MI6-Chefin M übernommen. Dench-Filme, die man gesehen haben sollte, sind das Demenzdrama „Iris“ (2001), Joe Wrights „Stolz & Vorurteil“ (2005) und „Tagebuch eines Skandals“ (2006) über eine lesbische Liebe. Zuletzt war Dench in „Tulpenfieber“ zu sehen, ab 23. November ist sie im Remake von „Mord im Orient-Express“ zu sehen.

Planet der Lackaffen: „Cars 3: Evolution“

Wenn ein neues Rennen bevorsteht, motiviert sich Lightning McQueen in seinem Wohntruck. „Ich bin Speed“, sagt er dann zu sich. Dann pumpt er sich auf, Benzin rauscht durch seine Adern – buchstäblich. Denn Lightning McQueen ist kein Rennfahrer, er ist ein Auto. Geboren, um Rennen zu fahren, lebt er in einem Amerika, das von motorisierten Geschöpfen bevölkert wird. Es ist sein dritter Kinostart nach „Cars“ (2006) und „Cars 2“ (2011). Er ist der Champ der Champs.

Und das ändert sich jetzt. In der Zielgeraden überholt ihn ein schwarzes Phantom. Jackson Storm steht für eine neue Generation von Rennwagen, die digital optimiert sind, ideale Linien bei höchstem Tempo fahren. Immer mehr dieser emotional kalt laufenden Lackaffen übernehmen die Startplätze der Veteranen. Auch McQueen gerät außer Puste, es zerfetzt ihm einen Reifen, er macht den zwanzigfachen Salto, bevor er zerknautscht auf dem Asphalt liegt. In der Werkstatt kriegt man ihn wieder rund, ein eigens für ihn erbautes Trainingszentrum macht Lightning flott. Aber nicht so flott, dass es zum Siegen reicht. Die Seele der Nummer 95 hat einen Knacks. Sie muss bis zum Saisonauftakt in Florida repariert werden.

Es ist die Trainerin Cruz Ramirez, die den Helden durch die Höhen und Tiefen der Rehabilitation begleitet, die sich von dem „Star“ abkanzeln, aber letztlich nicht abschütteln lässt. „Lack an Lack“ fährt sie mit ihm Proberennen. Nichts lässt sie unversucht, um den Geist in dem Chassis wieder zum positiven Denken zu bewegen. Und als Lightning dann in der Spur ist, bemerkt er die Zeichen der Zeit, das Potenzial seiner Weggefährtin, und „Cars 3“ wird zu einer Variante des Originalfilms – mit veränderten Rollen.

Du scheinst nur in deiner Zeit hell, dann wird dein Licht kleiner, schwächer, bis es aus den Rückspiegeln der Neuen verschwunden ist – das ist die Geschichte von „Cars 3“. Dass die Zeit gegen Helden arbeitet, war schon Thema in Pixars „Toy Story“-Filmen. So spielt die Countryrock-Band (ein Gabelstaplerquartett) in der Kneipe für Oldtimer nicht von ungefähr Bruce SpringsteensGlory Days“: „Ruhmestage geh’n vorbei …“

Optisch ist das Ohrensaus und Augenbraus. Die Digitalos von Pixar inszenieren einen rasanten Pistenthriller, die „Kamera“ weiß um den Sexappeal der Geschwindigkeit, ist immer an den Autos, manchmal nur einen Fingerbreit überm Asphalt. Was nicht ganz so funktioniert, ist der Humor. Regisseur Brian Fee und Autor Mike Rich brechen zu viele Sätze auf Auto runter: „Du musst an ihm kleben wie ein Strafzettel an der Winschutzscheibe!“

„Cars 3“ geht somit als Zweiter der drei „Cars“-Streifen durchs Ziel. Lässt seinen Helden dabei von der Erkenntnis fluten, dass man aufhören soll, solange es noch schön ist. Und da wünscht man sich, dass dieser Gedanke auch auf die Leute von Pixar überspringen möge. Tschüss, Lightning McQueen! 

„Cars 3: Evolution“, Regie: Brian Fee, 109 Minuten, FSK 0, Cinemaxx Göttingen, Central-Lichtspiele Herzberg am Harz, Filmcenter Feilenfabrik Duderstadt

Von Matthias Halbig

Es“ – Vorsicht, bissiger Clown!

Etwas läuft 1989 falsch im Städtchen Derry am Kenduskeag River. Kinder verschwinden. So auch George Denbrough, der mit einem Papierbötchen im Regen loszog. Sein Bruder Bill (Jaeden Lieberher) gibt die Suche nicht auf.
Bills Freunde, der bebrillte Richie (Finn Wolfhard), der Asthmatiker Eddie (Jack Dylan Grazer) und der  glücklose Thoraschüler Stanley (Wyatt Oleff) helfen ihm – mit dem schwarzen Mike (Chosen Jacobs), dem dicken Ben (Jeremy Ray Taylor) und der als Schlampe verschrieenen Beverly (Sophia Lillis) sind die glorreichen Sieben komplett. Sie stoßen in den Kanälen auf „Es“ alias Pennywise, ein Monster in Clownsgestalt.

Andy Muschietti hat Stephen Kings Wälzer geteilt, die Story von den Dion-and-the-Belmonts-Zeiten in die New-Kids-on-the-Block-Ära verlegt.  Aber je öfter man Pennywise (Bill Skarsgard) sieht, desto weniger ist einem bange. Vor dem Clown des Buchs hatte man bis zur letzten Seite Muffensausen. O weh, o weh, muss ich wirklich umblättern? Eine bunte Schockeria à la „Poltergeist“ ist dasRemake von „Es“ trotzdem geworden. Fortsetzung folgt.

Es“, Regie: Andy Muschietti,  135 Minuten, FSK 16, Cinemaxx Göttingen, Neue Schauburg Northeim, Central-Lichtspiele Herzberg am Harz, Filmcenter Feilenfabrik Duderstadt

Von Matthias Halbig

Die Kraft der  zwei Herzen

Jana lässt sich ungern einschränken, aber ein Herzfehler macht ihr das Dasein schwer. Gerät die Pumpe aus dem Tritt, wird’s lebensbedrohlich. Eine Herz-OP in einer Spezialklinik könnte helfen. Aber die 17-Jährige hat von Behandlungen die Nase voll. Jana will nicht.

Das Hauptproblem von Paul Brenner ist dagegen finanzieller Natur. Der Pferderennstallbesitzer steht kurz vor dem Ruin. Seine letzte Hoffnung ist ein Dreijähriger. Aber es wird schwer, dessen Potenzial zu nutzen. Sich bändigen lassen? Rock My Heart will nicht.

Der Name des Pferdes deutet an, dass das Tier und der herzkranke Teenager eine Verbindung eingehen werden. Und so kommt’s denn auch. Dass der Film von Hanno Olderdissen dabei ein hohes Maß an Wahrhaftigkeit ausstrahlt, liegt am Zusammenwirken seiner eigensinnigen Hauptcharaktere. Dabei verleiht Dieter Hallervorden – seit seinem Auftritt als Marathon-Oldie in „Sein letztes Rennen“ wieder gut im Kinogeschäft – dem Antreiber Paul die nötige No-Nonsens-Attitüde. Schön, dass ihm Lena Klenke (bekannt aus „Fack ju Göhte“) als Jana darstellerisch in nichts nachsteht. bra

„Rock My Heart“, Regie: Hanno Olderdissen, 109 Minuten, FSK 6, Cinamexx Göttingen

Weit - Die Geschichte von einem Weg um die Welt

Zu zweit zogen Patrick und Gwen im Frühling 2013 von Freiburg gen Osten los, um dreieinhalb Jahre und 97.000 Kilometer später zu dritt aus dem Westen wieder nach Hause zu kehren. Ohne zu fliegen und mit einem kleinen Budget in der Tasche erkundeten sie die Welt, stets von Neugierde und Spontaneität begleitet. Im Mittelpunkt der Reise standen dabei immer die unmittelbare Nähe zu den Menschen und der Natur. Gwen und Patrick bereisten per Anhalter Länder wie Tadschikistan, Georgien, Iran, Pakistan, China und die Mongolei.

Von Japan ging es mit einem Frachtschiff nach Mexiko. Nach der Geburt von Sohn Bruno fuhren sie mit einem alten VW-Bus durch Mittelamerika. Als sie im Frühjahr 2016 nach einer Schiffspassage von Costa Rica nach Spanien wieder europäischen Boden unter den Füßen spürten, haben sie die Weltumrundung mit einem 1200 Kilometer Fußmarsch bis vor die Haustüre in Freiburg vollendet.

"Weit - Die Geschichte von einem Weg um die Welt", Regie: Gwendolin Weisser & Patrick Allgaier, 129 Minuten, FSK 0, Lumiere Göttingen

Mr. Long

Nachdem er seinen letzten Job in den Sand gesetzt hat, strandet der taiwanesische Auftragskiller Mr. Long in einer japanischen Vorstadt, wo ihm nur noch fünf Tage bleiben, um das Geld für seine Heimreise zusammenzukratzen. Hilfe erhält er aus ungeahnter Richtung: Der kleine Jun ist begeistert von den Kochkünsten des Fremden und weicht bald nicht mehr von dessen Seite - und auch alle anderen Bewohner des Städtchens können Longs kulinarischen Künsten nicht widerstehen, inklusive Juns Mutter Lily, die Prostituierte war und Junkie. Man stellt dem Neuen eine fahrbare Garküche zur Verfügung, damit er genug Kunden mit chinesischen Spezialitäten beglücken kann. Doch als seine Spur aufgenommen wird, dauert es nicht lange, bis sich Mr. Long wohl oder übel seiner Vergangenheit stellen muss.

"Mr. Long" (OmU), Regie: Sabu, 129 Minuten, FSK 6, Lumiere Göttingen

"Baywatch" und "Baby Driver" im GT-Autokino

Vorhang auf für das erste „GT Autokino“ auf dem Göttinger Schützenplatz: Mit „Baywatch“ (19.30 Uhr, Einlass 18 Uhr) und „Baby Driver“ (22.30 Uhr, Einlass 22 Uhr) laufen am Donnerstag, 28. September, die ersten beiden von insgesamt sechs Filmen. Das gesamte Programm finden Sie auf www.gturl.de/gt-autokino. Karten gibt's im GT-Ticketshop.

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