Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Göttingen Zwei Dramen
Die Region Göttingen Zwei Dramen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
22:49 24.09.2017
Quelle: gt
Anzeige
Göttingen

Was war das für ein dramatischer Wahlabend. In Berlin und in Göttingen. Die Große Koalition ist krachend abgewählt, es riecht nach Jamaika. Die AfD ist drittstärkste Partei, und zum ersten Mal seit 1949 sitzt auch eine rechtsextreme Fraktion im Bundestag. Drama Teil eins.

Teil zwei gab es in Göttingen für den Wahlkreis 53. Bei einem 20-Prozent-Ergebnis für die SPD auf Bundesebene hatten selbst die optimistischsten Genossen nicht mehr an ein Direktmandat für Thomas Oppermann geglaubt. Er hat es geholt, zum vierten Mal in Folge.

Für seinen CDU-Herausforderer Fritz Güntzler dürfte es die größte Enttäuschung seiner politischen Laufbahn sein. Zu gut waren die Prognosen, die Parteibasis war hoch engagiert. Eine Agentur aus Frankfurt hatte seinem Wahlkampf einen modernen Anstrich verpasst. Mehr als 10 000 Hausbesuche, eng getaktete Visiten bei unterschiedlichen Zielgruppen, eine hohe Frequenz in sozialen Netzwerken und der Verweis auf vier Jahre gute Arbeit in Berlin haben nicht gereicht – es wurde nichts mit dem ersten CDU-Direktmandat nach Rita Süssmuth 1994. Güntzler bleibt ratlos zurück, sein Terminmarathon hat sich nicht ausgezahlt.

Ob es für ihn über die Liste noch ein Ticket für Berlin gibt, stand am Wahlabend noch nicht fest. Das Zittern ging bis den Montag hinein, eine Erfahrung, die Güntzler bereits von der vergangenen Wahl kennt.

hles wird wohl seine Rolle übernehmen.

Der Sieg im heimischen Wahlkreis ist für Oppermann zumindest eine kleine Plakette, die er in der neuen, kleinen SPD-Fraktion hochalten kann. Aus Göttinger Sicht ist seine künftige Positionierung eine spannende Frage, denn als Fraktionsvorsitzender hatte er über Jahre hinweg Möglichkeiten, viel für seinen Wahlkreis zu erreichen – vor allem Fördermittel.

Ob es mit Konstantin Kuhle einen weiteren südniedersächsischen Abgeordneten über die Liste gibt, war gestern wie bei Fritz Güntzler ebenfalls noch unklar. Der FDP-Mann hatte im Wahlkampf viel Zuspruch für seine Art des Auftretens und seine Inhalte bekommen. Er gilt als eines der hoffnungsvollsten Talente in der FDP und hat als Bundesvorsitzender der Jungliberalen Einfluss auf die jungen Kräfte bei den Liberalen.

Jürgen Trittin hat für seine Grünen einen unaufgeregten, sachlichen Wahlkampf bestritten. Ohne Chancen auf ein Direktmandat, sicher über die Liste war er vor allem im Bund unterwegs.

Wie sehr die Grundfeste des Parteiensystems verschoben sind, wird auch in Göttingen deutlich. Mehr als 11 000 Menschen haben Pierre Hillebrecht ihre Stimme gegeben. Der AfDler kommt immerhin auf gut sieben Prozent. Der Bundestrend gilt eben auch für Südniedersachsen.

Die wichtigste Lehre des Wahlabends ist aber ganz einfach: CDU und SPD haben zum Teil das Gespür für die Menschen verloren. Anders lassen sich die schwächsten Ergebnisse seit 1949 nicht erklären. Die Stärke der AfD ist das Versagen der beiden Volksparteien – wenn man die SPD noch als solche bezeichnen will.

Seit Sonntag ist im Bundestag nichts mehr, wie es war. Zum ersten Mal gibt es ein Sechs-Parteien-Parlament mit einem Rechtsausleger, der die Grenzen zum Populismus und Rassismus schamlos überschreitet. Die SPD hat sich entschieden, sich in der Opposition neu zu definieren. Schon am Abend in der „Elefantenrunde“ von ARD und ZDF hat SPD-Chef Martin Schulz gezeigt, wohin der Kurs geht. Klare Kante gegen die Union, Besinnung auf die eigenen Themen.

Aber alle demokratischen Parteien haben gestern vom Wähler etwas in das Stammbuch geschrieben bekommen: Hört auf uns! Darin liegt die Chance eines solchen Wahlergebnisses mit einer Rechten, die drittstärkste Kraft geworden ist.

Von Uwe Graells

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Entsetzen, trübe Stimmung und Frust haben die Stimmungslage bei den Wahlpartys der zur Bundestagswahl angetretenen Parteien am Sonntagabend in Göttingen beherrscht.

25.09.2017
Göttingen Bundestagswahl in Göttingen - Oppermann Sieger im Wahlkreis 53

Thomas Oppermann hat die meisten Stimmen im Wahlkreis 53 geholt. Damit bleibt er, ebenso wie Jürgen Trittin, Mitglied im Bundestag. Fritz Güntzler (CDU) und Konstantin Kuhle (FDP) müssen noch bangen.

24.09.2017

„Wer schweigt, stimmt zu“: Unter diesem Titel haben am Sonntagabend in Göttingen nach Polizeiangaben rund 300 Menschen gegen den Einzug der AfD in den Bundestag demonstriert. Die Demo sei völlig friedlich verlaufen, sagte ein Polizeisprecher.

24.09.2017
Anzeige