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Göttingen “Kraut und Rüben“ und kein Personal
Die Region Göttingen “Kraut und Rüben“ und kein Personal
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00:19 18.09.2017
Forschung und Lehre im Alten Botanischen Garten: „Das kann auf den ersten Blick auch schon mal unordentlich aussehen.“ Quelle: Hinzmann
Göttingen

„In keinem besonders gutem Zustand“, „sieht aus wie Kraut und Rüben“, „ungepflegt und überwuchert“, „immer weniger Personal für die Pflege“ – nach einem Tageblatt-Bericht haben Gartennutzer auf Facebook ihren Unmut über den Zustand des Gartens geäußert und ihre Erfahrungen aus dem Alten Botanischen Garten geschildert.

Folgen von Vernachlässigung und Vandalismus

„Die Eindrücke der Kommentatoren sind zugleich richtig und falsch“, sagt Uni-Sprecher Romas Bielke. Richtig sei, dass der Garten durch – den uniweiten – Stellenabbau nicht mehr so gepflegt werden könne, wie in früheren Jahrzehnten. Da er aber wie kein anderer Ort der Uni öffentlich zugänglich ist, fielen hier die Folgen von Vernachlässigung und Vandalismus besonders auf, sagt Bielke. Vor allem im Evolutionsgarten entlang des Nikolausberger Wegs kämen einige Teiche und Beete bei der Pflege zu kurz.

Es sei aber falsch, „diese Details zu verallgemeinern und darüber die Fortschritte zu übersehen“, sagte Bielke. Gewächshauspflanzen, submediterrane Pflanzen („Kübelpflanzen“), Sommerblumenbeet, Alpinum, Arboretum und die Beete der Kulturpflanzen, kulturabhängigen Pflanzen und Heilpflanzen („Hallerscher Garten“) seien wieder oder immer noch in „ausgezeichnetem“ Zustand. Im vergangenen Jahr habe sich der Zustand der Wege verbessert und das Sommerblumenbeet ein neues Gesicht erhalten. Darüber hinaus werde zurzeit die Beschilderung erneuert und ergänzt, listet Bielke die Verbesserungen auf.

Etat von 5000 Euro

1995 verfügte der Garten nach Bielkes Angaben noch über 14 Gärtnerstellen, im Jahr 2005 waren es nur noch zehn, heute sind es sieben. Seit 2016 gebe es inzwischen wieder einen Gärtnermeister. 1995 seien es drei Gärtnermeister gewesen, 2005 zwei. Zwischen 2009 bis 2015 sei die Stelle nicht besetzt gewesen. „Die Zahl der vom Gartenpersonal aufgewendeten Arbeitsstunden hat sich in etwa 20 Jahren um mehr als die Hälfte verringert“, sagt Bielke. Der „unentgeltliche, quantitativ aber nicht erfasste Aufwand durch die ehrenamtlichen“ Helfer sei daher vor allem für zwei Bereiche des Gartens, das Alpinum und den Hallerschen Garten, von „unschätzbarer“ Bedeutung. Der Etat, der außer den Personalkosten für den Alten Botanischen Garten 2016 zur Verfügung stand, lag bei 5000 Euro.

Der Alte Botanische Garten in Göttingen.

„Der Alte Botanische Garten spielt im Sammlungskonzept der Universität eine wichtige Rolle und liegt mir sehr am Herzen“, sagte Uni-Präsidentin Ulrike Beisiegel. Strukturelle Änderungen seien aber in der Universität oft nicht von heute auf morgen möglich, sondern griffen nur langfristig. „Ich bitte deshalb alle Besucherinnen und Besucher des Gartens um etwas Geduld“, appellierte die Präsidentin. Mit der Stadt Göttingen sei Hilfe mit technischem Gerät und persönlichem Einsatz beispielsweise bei der Sanierung von Teichen, Gräben und hohen Bäumen vereinbart worden, ergänzte Bielke.

Das meinen die Gartenbesucher

Hannelore Büschleb aus dem Eichsfeld nutzt den Alten Botanischen Garten seit diesem Frühjahr immer mal für einen Spaziergang. Hier könne sie sich erholen und auf andere Gedanken kommen. „Es ist eine schöne Oase mitten in der Stadt“, sagte sie. Ihr sei zwar aufgefallen, dass manche Beete ein wenig chaotisch seien, aber ihrer Ansicht nach sei kein dringender Handlungsbedarf. Sie finde den Botanischen Garten schön. Einen Vergleich zu dessen Zustand in vorigen Jahren habe sie aber nicht.

Gudrun Schwibbe, die seit mehr als 40 Jahren in Göttingen wohnt und häufig den Alten Botanischen Garten durchquert, hat selbst einen großen Garten und weiß, mit wie viel Arbeit ein solches Gelände verbunden ist. „Ein großer Garten macht Mühe“, betonte sie. Im Alten Botanischen Garten fiel ihr auf, dass sich manche Arten in bestimmten Bereichen etwas unkontrolliert verbreiteten. Dort müsse ordnend eingegriffen werden, aber das sei eine „Frage des Personals“. Den Garten finde sie dennoch schön. Sie hob hervor, dass sie mit den Schilderungen ihrer Eindrücke weniger Kritik äußern als vielmehr deutlich machen wollte, wie wichtig es sei, Fördermittel zu gewinnen, um die Pflege des Gartens weiterhin zu sichern. Sie nehme den Garten nicht nur als Privatperson wahr, sondern auch als Kulturwissenschaftlerin. Der Garten gehöre zu den wichtigen historischen universitären Sammlungen, und seine Erhaltung und Gestaltung müsse auch vor dem Hintergrund des entstehenden „Forum Wissen“ besonders förderungswürdig sein. „Ich hoffe, dass entsprechende Fördergelder eingeworben werden können“, sagte Schwibbe.

Marianne Dingwerth besuchte den Alten Botanischen Garten in Göttingen zum ersten Mal. Sie fand ihn im Vergleich zu dem in Osnabrück „relativ klein, aber reizvoll“.

Ähnliches formulierte Anastasia Bohm. Sie lebt seit etwa zwanzig Jahren in Göttingen. Für sie habe der Alte Botanische Garten darin seinen Charme, dass er so natürlich wirke und in ihren Augen „schön oder gepflegt verwildert“ sei.

Natascha Wellmann-Rizo stimmte ihr zu. Ihr sei aber aufgefallen, dass einige Beschilderungen an den Pflanzen verblichen und deswegen nicht mehr lesbar seien.

Facebook-Nutzer Chris Dress kommentiert in der Gruppe „Wenn Du in Göttingen aufgewachsen bist“: „Wir waren letzte Woche da und vor zirka zwei Jahren.“ Vor ein paar Jahren sei der Garten „viel schöner“ gewesen. Alles sei mit Unkraut zugewachsen und die Teiche seien gar nicht mehr zu sehen. „Sieht jetzt wie Kraut und Rüben aus. Sehr schade.“

„Der Garten ist leider echt stark in Mitleidenschaft gezogen worden. Dies ist in den letzten Jahren und Monaten immer deutlicher zu sehen“, meint Nutzer Malte Wegener auf Facebook. Er gehe fast täglich durch den Garten. Ungepflegt, überwucherte Stellen, dreckige Teiche nennt er.

Diethelm Hoffmann pflichtet bei: „Der Garten ist in keinem besonders gut Zustand. Das ist nicht erst seit kurzem so.“

Er verweist darauf, dass der Garten die Pflanzen weiterhin für Lehr- und Forschungszwecke präsentiere. Diese Pflanzen müssten aber nicht nur blühen, sondern auch reifen und altern. „Das kann auf den ersten Blick auch schon mal unordentlich aussehen.“

Bereits 2015 waren kleine und marode Gewächshäuser der Nachkriegszeit, einschließlich des Victoriahauses, auch aus Scherheitsgründen abgerissen worden. Die freie Fläche wurde mit Blumenmischungen eingesät „und dient auf diese Weise gleichzeitig als ,Bienenweide’“, sagt Bielke. Diese Fläche stehe zur Verfügung, wenn dort ein neues Gewächshaus für tropische Pflanzen einschließlich der Riesen-Seerose Victoria errichtet werden soll. „Dieses Szenario wird derzeit erwogen, um tropischen Pflanzen aus den historischen Gewächshäusern ein Ausweichquartier zu bieten“, wenn Farn-, Regenwald-, Cycadeen sowie Araceen- und Orchideenhaus saniert werden. Die Sanierung dieser historischen Gewächshäuser wird finanziert aus Mitteln des Landes Niedersachsen. „Für das neue Victoria-Gewächshaus wird um Spenden gebeten“, sagt Bielke.

„Dringender Handlungsbedarf“

Ein Ratsantrag der Grünen im Rat der Stadt hatte die Diskussion um den Zustand des Gartens Ende August wieder in Fahrt gebracht. „Eine Verlotterung des Gartens ist erkennbar.“ Es bestehe „dringender Handlungsbedarf“ gegen den „Verfall“ vorzugehen, wetterte Rolf Becker, Fraktionschef der Grünen. Mit dem Antrag soll Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler (SPD) beauftragt werden, Einvernehmen mit der Universität herzustellen, um den Garten zum Kulturdenkmal erklären zu lassen.

Für die Stadtverwaltung ist die Sache klar: Der Alte Botanische Garten sei bereits als Kulturdenkmal in das Verzeichnis der Kulturdenkmale Niedersachsens eingetragen und zusätzlich als Bestandteil der Wallanlagen als Naturdenkmal ausgewiesen, erläuterte Kulturdezernentin Petra Broistedt. Möglich sei aber eine Aufnahme in das Förderprogramm „National wertvolle Kulturdenkmäler“ der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien. Einzig: Einen entsprechenden Antrag könne nur die Universität als Eigentümerin stellen, sagte Broistedt. In einem Gespräch sei Beisiegel im Juli über diese Möglichkeit informiert worden.

Geschichte des Gartens

Albrecht von Haller gründete den Garten 1736 als „hortus medicus“. „Er gehört also zu den ältesten historischen Schätzen der Hochschule und behauptet sich seit nun über einem Vierteljahrtausend bei gleicher Funktion am gleichen Ort“, heißt es auf der Internetseite des Gartens. 17 000 verschiedene Pflanzenarten seien zu sehen. Damit stehe er, was den Reichtum seiner Sammlungen betreffe, bundesweit an zweiter Stelle nach Berlin-Dahlem. Pro Jahr kommen rund 100 000 Besuchern in den Garten.

Von Michael Brakemeier

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