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Göttingen Lebendige Bücher in der Göttinger Stadtbibliothek
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00:18 25.04.2013
Lebendiges Buch mit seinem Leser: Der Philosoph Simon Weiß (links) im Gespräch mit dem Bibliothekskunden Mujtaba.
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Göttingen

Bei ihrer Frage ging es um etwas ganz anderes.

Am Sonnabend in der Stadtbibliothek: Unter dem Motto lebende Bücher trafen sich elf unterschiedliche Menschen mit elf vollkommen unterschiedlichen Lebensgeschichten. Dabei stellten sie sich als lebendige Bücher zur Verfügung und berichteten interessierten Besuchern von ihren Schicksalen. In 30-minütigen Gesprächen gab es zum Beispiel „Die Buddhistin“, „Den Theatermacher“ oder „Den Rollstuhlfahrer“ zu lesen.

Die Philosophie dahinter ist einfach: „Wir geben den Besuchern so die Möglichkeit, kritische Fragen zu stellen und ganz offen über Dinge zu reden, die man sonst lieber nicht ansprechen würde – sei es nun aus Scham oder aufgrund von Vorurteilen“, sagte die Initiatorin der Veranstaltung, Ilsabe von Stieglitz. Die 22-Jährige kümmerte sich wie schon im vergangenen Jahr um die Organisation.

 „Ich weiß aus eigener Erfahrung wie es ist ein lebendiges Buch zu sein. Vor meinem Studium habe ich ein Jahr in Polen verbracht, wo ich dieses Konzept kennengelernt habe. Mein Buchtitel damals war Deutsche.“

Was Menschen trennt, sind immer Missverständnisse

Mit Vorurteilen möchte auch Jaqueline, die sich selbst als „Transe“ bezeichnet, aufräumen. „Was Menschen trennt, sind immer Missverständnisse“, erklärte sie den anderen Büchern in der gemeinsamen Vorstellungsrunde. „Viele wissen nicht, was Transsexualität wirklich bedeutet. Mit meiner Geschichte möchte ich auf das Thema aufmerksam machen.“

Noch bevor sich die weiteren Bücher vorstellen konnten, meldete sich bereits die erste Leserin zu Wort: Eine Frau, die sich gerne mit Barbara Ahlrichs – Buchtitel „Sterbebegleiterin“ – über ihre Arbeit im Hospiz unterhalten wollte. „Im Rahmen unserer Aktion können auch Themen angesprochen werden, die sonst eher verdrängt werden und gesellschaftlich noch immer ein Tabu darstellen“, erklärte von Stieglitz die Auswahl solcher Charaktere.

Wie in anderen Bibliotheken auch, konnten sich die Besucher vorab über den Bücherbestand informieren und ihren Wunschtitel sogar vormerken lassen.  Da es sich nun mal um lebende, also um äußerst kostbare Bücher handelte, wurde man darauf hingewiesen, vorsichtig mit ihnen umzugehen – sie einfach mitzunehmen, war selbstverständlich untersagt.

Mit gängigen Vorurteilen aufräumen

Die elf Akteure hatten unterschiedliche Beweggründe, an der Veranstaltung teilzunehmen: Manche wollten bewusst mit gängigen Vorurteilen aufräumen, andere freuten sich schlicht auf interessante Gespräche. Bodhi Amol – Buchtitel „Straßenmusiker“ – erzählte beispielsweise von seiner Liebe zur Musik und seinem Respekt gegenüber Berufsmusikern. Der Frührentner spielt jeden Sonnabend in der Göttinger Fußgängerzone Didgeridoo.

Die Offenheit, mit der die Bücher erzählten, kam bei Besuchern wie Susanne Pflüger sehr gut an. Eigentlich wollte sie am Sonnabend nur ausgeliehene Bücher zurückbringen, lieh sich dann aber spontan eins der lebenden aus. Warum sie sich gerade für die „Transe“ entschieden habe? „Na ja, dieses Buch war für mich am auffälligsten.“

Die halbe Stunde habe gar nicht ausgereicht. „Ich habe Jaqueline nach ihrer Kindheit gefragt, weil wir beide etwa im gleichen Alter sind. Sie hat mir daraufhin von ihrer bewegten Vergangenheit, ihrem konservativen Elternhaus und ihrer Geschlechtsumwandlung erzählt. Es gibt viel zu wenig mutige Menschen wie sie.“

Mit der Zeit füllten sich die Räume der Stadtbibliothek immer mehr. Brigitte Krompholz-Roehl freute sich sichtlich: „Gerade ist noch eine Gruppe ausländischer Studierender vom Goethe-Institut gekommen, um sich eines der lebendigen Bücher auszuleihen. Die Wartelisten werden immer länger.“ Insbesondere der generationenübergreifende Erfolg begeisterte die Veranstalterin.

So habe eine ältere Dame das „Philosophie-Buch“ gar nicht mehr aus der Hand legen können. Die beiden tauschten ihre Adressen aus, um sich auch nach der Veranstaltung über Philosophie unterhalten zu können – diesmal aber länger als 30 Minuten.

Von Janina Kück

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